Werbung

Gegen das Plumpe und Biedere

Zum Tod von Karl Heinz Bohrer

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

War Karl Heinz Bohrer links oder rechts? Gar nicht so einfach zu beantworten. Er hatte dieses schwere Elitäre, aber auch das leichte Scharfsinnige. Sein erstes Buch hatte der am vergangenen Mittwoch in London im Alter von 88 Jahren verstorbene Literaturwissenschaftler, Essayist und Journalist »Die gefährdete Phantasie« (1970) genannt. In den Nachrufen wird Bohrer eher in die Nähe des Konservatismus gerückt, was vor allem aber damit zu tun hat, dass der in Deutschland immer dümmer und brutaler wird. Die konservative Intelligenz wird zu einem knappen Gut. »Streitbare Intellektuelle« werden solche Leute in der bürgerlichen Presse gerne genannt, so nun auch Bohrer zum Abschied in der »Neuen Zürcher Zeitung«.

Auf jeden Fall konnte Bohrer sehr gut und geistreich schreiben – für die bürgerliche Presse. Erst für das Feuilleton der »Welt« und dann für die FAZ, wo ihn Marcel Reich-Ranicki 1974 als Literatur-Chef ablöste. Nach einem Jahr Pause wurde er für die Zeitung Korrespondent in London und dann in Bielefeld Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte. Der gebürtige Kölner hatte sich dort 1978 über Ernst Jüngers Frühwerk habilitiert, 1982 wurde er mit 50 Jahren ein später Professor.

Bei der FAZ hatte ihn eine Sekretärin »Lord Extra« genannt, nach einer heute fast schon vergessenen Zigarettenmarke. Sie besaß eine Art Luxusimage, galt als die Kippe für die Besseren in den weißen Anzügen. Für seinen Freund, den Dichter und Hanser-Verleger Michael Krüger war Bohrer »immer Einzelgänger geblieben«, wie er 2017 im »Spiegel« schrieb. Diesen Status habe er stets stilisiert: »Wann immer Gefahr bestand, zu einer Gruppe gezählt zu werden, hat er einen Haken geschlagen. Links ja, aber bitte um Himmels willen keine Geschichtsphilosophie. Natürlich war er aufseiten der Studenten, wollte aber nichts mit Marxismus zu tun haben.« Ähnlich ließe sich auch der »Merkur« einschätzen, den Bohrer von 1991 bis 2011 zusammen mit Kurt Scheel herausgab. Vielleicht war es die beste Zeit dieser »deutschen Zeitschrift für europäisches Denken«.

Kurt Scheel hat auch den Ausdruck »Gutmenschen« erfunden, der Bohrer zugeschrieben wird. Und der einmal kritisch gemeint war, er sollte die pastorale Gratismoral und das linksliberale Dampfplaudertum kritisieren, wurde dann aber von humorlosen Rechten gekapert und instrumentalisiert. Später räumte Scheel ein, dass dieses Wort von »zu vielen Idioten« benutzt wurde. Bohrer und Scheel verachteten aber auch das plumpe Auftreten der Politiker vom Schlage Helmut Kohls. Die Bundesrepublik der 80er Jahre war für Bohrer ein Land »ohne Ästhetik«. Hierzu formulierte er den nachhaltigen Satz: »Kohls Körper ist der Körper der Bundesrepublik.«

Seinen berühmtesten Satz, der auch jetzt gerne wieder zitiert wird, hat er so nie geschrieben: »Netzer kam aus der Tiefe des Raums«, wie Peter Unfried 2012 in der Taz in einem denkwürdigen Text nachgewiesen hat. Es ging um das berühmte Fußballmatch England gegen BRD im Londoner Wembley-Stadion, im Viertelfinale der EM 1972 (Hinspiel): Die damalige DFB-Elf gilt bis heute als eine der besten ever. Und Günter Netzer als ihr unsterblicher Genius. Bohrer allerdings war gar nicht live dabei, sondern schaute das Spiel zu Hause im Fernsehen. Und schrieb erst anderthalb Jahre später darüber in der FAZ und auch noch zu einem ganz anderen Spiel (England gegen Polen in der WM-Qualifikation 1973). Der Originalsatz lautet: »Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ,thrill‘.« Und den hatte Bohrer auch, da gibt es keine zwei Meinungen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode