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Wie Bremen zum Spitzenreiter wurde

Das Immunisieren bestimmt derzeit die Diskussionen: Wie lässt sich die Quote steigern? Und wie soll der Umgang mit Ungeimpften aussehen?

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

Per Impfmobil, im Jobcenter, auf dem Parkplatz einer schwedischen Möbelhauskette, mit einer Bratwurst als Belohnung... : Die Bemühungen, die Impfquote nach oben zu treiben, stehen in vielen Bundesländern ganz oben auf der Corona-Agenda. Nach den anfänglichen Startschwierigkeiten aufgrund fehlender Vakzindosen lief die deutsche Impfkampagne zwischenzeitlich zwar ziemlich gut, die Quoten stiegen schnell. Doch obwohl nach wie vor genügend Impfstoff vorhanden ist, lässt das Impftempo immer mehr nach. Weshalb man vielerorts nun auch mit kreativen, möglichst niedrigschwelligen oder auch schmackhaften Angeboten versucht, bisher noch Ungeimpfte zu erreichen und sie dazu zu bewegen, sich gegen Covid-19 immunisieren zu lassen. Wobei sich zwischen den Bundesländern, was den Impferfolg angeht, große Unterschiede auftun.

Spitzenreiter bei der Quote ist mit 71 Prozent mindestens einmalig Geimpfter Bremen (Stand 5. August). Zum Vergleich: Das letztplatzierte Sachsen weist eine Impfquote von 52,5 Prozent auf. Was ist das Erfolgsrezept der Hansestadt, die sonst in Bundesländerrankings eher selten auf vorderen Plätzen zu finden ist und sich mit einer Vielzahl sozialer Probleme konfrontiert sieht? Drei Punkte sind es, so erklärt Lukas Fuhrmann, Sprecher von Linke-Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard, gegenüber »nd«, die die Bremer Kampagne ausmachen: direkte Ansprache, Information und Aufklärung sowie niedrigschwellige Angebote. Und das von Anfang an.

So habe man die Bevölkerung zu Beginn der Impfkampagne gemäß der Priorisierung ganz individuell informiert und es den Menschen ermöglicht, ohne große Hürden und Wartezeiten schnell einen Impftermin zu vereinbaren. Zum zweiten, und das ebenfalls zu jeweils einem sehr frühen Zeitpunkt, habe man die Bevölkerung umfassend zunächst über Corona und dann über das Impfen aufgeklärt. »Dabei war uns die Mehrsprachigkeit sehr wichtig. Wir haben in sieben Sprachen, in leichter und Gebärdensprache informiert, um eine große Verbreitung der Informationen hinzubekommen«, so Fuhrmann. Auch habe man von Beginn an etwa mit den Quartiersmanager*innen zusammengearbeitet und besonders geschulte Gesundheitsfachkräfte in den Stadtteilen eingesetzt, die strukturelle Probleme haben. »Das hat sich absolut ausgezahlt.«

Als dritte Säule des guten Impffortschritts nennt Fuhrmann die Impfangebote, die es gerade auch in den Quartieren gegeben habe und bis heute gibt, die als Infektionsschwerpunkte ausgemacht worden waren. »Schon ab Anfang Mai haben wir sehr niedrigschwellig geimpft«, so Fuhrmann. Dafür seien etwa temporäre Impfzentren in den betreffenden Stadtteilen geschaffen worden und »wir haben bereits seit Mitte Juni zwei Impfmobile im Einsatz«, die bis heute hohe Impfquoten vorweisen könnten. »Das klappt wunderbar.«

Da es in anderen Bundesländern und damit auch insgesamt betrachtet anders als speziell in Bremen derzeit noch nicht so gut klappt auf dem Weg hin zur angestrebten möglichst hohen Impfquote, werden auch die Appelle an die ungeimpfte Bevölkerung eindringlicher. So twitterte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag: »Impfen ist ein patriotischer Akt: Man schützt nicht nur sich selbst, sondern uns als Gesellschaft. Gemeinsam können wir für sicheren Herbst und Winter sorgen.«
Doch nicht nur verbal wird die Ansprache Ungeimpfter intensiviert. Mit der auch durch ein Papier des Bundesgesundheitsministeriums, das im Fall eines hohen Infektionsgeschehens deutlich mehr Einschränkungen für un- als für geimpfte Personen vorsieht, angestoßenen Diskussion über eine künftige Ungleichbehandlung wird der Druck erhöht. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. So scheint ein Großteil der Bevölkerung durchaus mit mehr Einschränkungen für Ungeimpfte einverstanden zu sein. Eine von RTL veröffentlichte Forsa-Umfrage etwa kam zu dem Ergebnis, dass 69 Prozent der Befragten Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte befürworteten. Und in einer Civey-Umfrage im Auftrag der »Augsburger Allgemeinen« sprachen sich 72,8 Prozent der Befragten dafür aus, dass Geimpfte mehr Rechte haben sollten als Ungeimpfte.

Aus der Politik hingegen kommt Widerspruch. So sprachen sich via »Bild«-Zeitung mehrere SPD-Ministerpräsident*innen gegen Verschärfungen für Ungeimpfte aus. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig etwa erklärte demnach, dass es wichtig sei, dass sich mehr Menschen in Deutschland impfen lassen. Dabei führten »Drohungen« aber nicht weiter. »Wir müssen überzeugen«, so Schwesig.

Auch die Linkspartei hält nichts von Spahns Plänen. »Die neuesten Ideen des Gesundheitsministers zur Impfkampagne drohen die Bevölkerung weiter zu spalten«, erklärte Susanne Ferschl, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag. Kaum stehe genügend Impfstoff zur Verfügung, würden Druck ausgeübt und Konsequenzen angedroht. »Die Bundesregierung sollte sich lieber darüber Gedanken machen, wie man die Impfaufklärung verbessert und unbürokratische, flächendeckende Impfangebote macht«, so Ferschl. »Die Unsicherheit vieler Menschen hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen der Impfstoffe erfordert gründliche Aufklärung statt Druck, wenn man sich nicht dem Vorwurf eines indirekten Impfzwangs aussetzen will.«

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