Von den Baggern verschont, neues Leben voraus

Pödelwitz will Modelldorf für Nachhaltigkeit und solidarischer Zukunftsort werden

  • Von Michael Bartsch
  • Lesedauer: 9 Min.

Das Navi kennt Pödelwitz, für den Autoatlas ist es zu klein. An der Gemeinde Groitzsch, zu der es gehört, kann man sich orientieren. Und an dem weißen Fleck Niemandsland Richtung Kraftwerk Lippendorf etwa 20 Kilometer südlich von Leipzig, dem noch aktiven Tagebau »Vereinigtes Schleenhain«. Der sollte auch Pödelwitz fressen, obschon das im Braunkohleplan so nicht vorgesehen war und das Kraftwerk für seine Restlaufzeit ohne die Kohle unter dem Dorf ausgekommen wäre. Der mitteldeutsche Kohlekonzern Mibrag aber wollte das Dorf ungern umfahren.

»Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!« Dieser von den Atomkraftgegnern in den 1970er Jahren viel gebrauchte und wahrscheinlich auf Papst Leo XIII. zurückgehende Spruch prangt auf einem riesigen Plakat neben dem Haus von Jens Hausner. Er ist Kopf der Bürgerinitiative »Pro Pödelwitz«. Die leistete seit 2013 unerwarteten Widerstand gegen die Abbaggerung des Dorfes. Bis am 21. Januar dieses Jahres das SPD-geführte sächsische Wirtschaftsministerium eine Pressemitteilung unter der Überschrift »Pödelwitz bleibt« herausgab. Der Erhalt des Ortes wird darin als Erfolg der Verhandlungen zwischen Ministerium, Oberbergamt und Mibrag dargestellt, geht aber letztlich auf den Druck der Grünen im Ende 2019 besiegelten Koalitionsvertrag zurück.

Seither ist Pödelwitz nicht mehr Symbol des Protestes gegen den viel zu hohen Preis für eine überholte Form der Energieerzeugung. Die Stunde Null seiner Wiedergeburt wird plötzlich als Chance für ein Modelldorf jenseits kommerzieller Interessen gesehen.

Kein Geisterdorf

Über zwei Zufahrtsstraßen ist Pödelwitz erreichbar. Kein Straßendorf, sondern ein zentral angelegter Sorbischer Rundling, etwa 700 Jahre alt. Nur noch 25 der ehemals 140 Einwohner haben der Minrag getrotzt. Aber auch die verlassenen Fachwerkhäuser oder Vierseitenhöfe der anderen zeigen kaum Verfallsspuren. Nur wenige Ruinen fallen ins Auge. Der große Spielplatz in der Dorfmitte scheint auf Kinder zu warten. Der Ort wirkt nicht unbelebt, denn Arbeiter mähen die Wiesen im Dorfkern. Die Stadt Groitzsch hatte die Mibrag auf ihre Eigentümerpflichten hingewiesen. Schließlich hat der Kohlekonzern in den vergangenen Jahren 80 Prozent der Häuser aufgekauft.

Die Funknetzanzeige auf dem Mobiltelefon schlägt freilich kaum aus. Dafür wird von der Zentralstadt Groitzsch aus Glasfaserkabel in alle 29 Ortsteile verlegt. Der Bus nach Borna dreht regelmäßig seine Runden um den Dorfkern, auch wenn niemand aussteigt. Das war am zweiten Julisonntag anders, als in der auf einer leichten Anhöhe gelegenen Kirche ein Dankgottesdienst für die Rettung von Pödelwitz abgehalten wurde. Der Schaukasten zeigt an, dass weiterhin Sonntagsgottesdienste stattfinden. Die Gräber des umgebenden Friedhofs sehen ausgesprochen gepflegt aus. Kein Vergleich mit Geisterdörfern wie beispielsweise dem komplett verlassenen Haidemühl bei Welzow in der Lausitz.

Kein Vergleich freilich auch mit dem Gewimmel des einwöchigen bundesweiten Klimacamps, das im Sommer 2018 in Pödelwitz stattfand. Bis zu 1000 junge Leute bauten zwischen dem Dorf und der Tagebaukante eine Zeltstadt mit geradezu deutschgründlicher Verwaltung. Eine mobile Solaranlage versorgte die Zentrale mit Strom. Pödelwitz avancierte damals zum Zentrum des Kampfes gegen die klimafeindliche Kohleverstromung. Viel Englisch war zu hören, sogar aus Kolumbien waren Teilnehmer angereist.

Noch kein Grund zum Jubeln

»Es geht letztlich um ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell«, hieß es schon damals. So empfindet es auch Jens Hausner, ohne dessen hartnäckigen Einsatz über ein Dutzend Jahre Pödelwitz wahrscheinlich schon von den Baggerschaufeln zernagt worden wäre. Noch heute ist er dankbar für die medienwirksame Unterstützung durch zwei Klimacamps, die nur Höhepunkte einer stetig wachsenden Vernetzung und Verbrüderung waren. Seine Person möchte der bescheidene, aber sehr zielstrebige Landwirt gar nicht so herausgestellt sehen.

Aus seinem schon historisch zu nennenden Hof geht es herüber in das »Bürgerhaus«, den bescheidenen Dorfpalast. Ein Flachbau mit einem Gesellschaftsraum, der gelegentlich auch für Privatfeiern vermietet wird. Es sieht etwas unaufgeräumt aus, als hätte erst gestern eine solche Feier stattgefunden, aber das hängt auch mit der laufenden Mobiliarerneuerung zusammen. Immerhin, das lohnt sich wieder. Der Kühlschrank steht offen und gibt den Blick auf eine angebrochene Whiskyflasche preis. Ob die noch von den Jubelfeiern im Januar nach der Rettung des Dorfes übriggeblieben sei?

Der untersetzte, kräftige Mittfünfziger, der in der späten DDR eigentlich ein Agraringenieursstudium aufnehmen wollte, springt nicht darauf an. Emotionale Ausbrüche sind nicht Hausners Sache. Er wirkt kontrolliert und überlegt. »Wir hatten nicht so viel Grund zu feiern, denn vor uns liegt noch eine schwierige Zeit«, sinniert er. Noch immer seien acht Dörfer von der Räumung und Abbaggerung bedroht, sagt er, der sich auch für den Erhalt dieser Orte engagiert. Sieben davon liegen im Westen Deutschlands, und Mühlrose am Nochtener Tagebau in der Lausitz.

Euphorie wollte aber auch deshalb nicht aufkommen, weil Pödelwitz seit Abschluss des Koalitionsvertrages zwischen CDU, Grünen und SPD in Dresden mit der Verschonung des Ortes rechnen durfte. »Die Koalitionspartner möchten den Ort Pödelwitz erhalten«, heißt es darin lakonisch. Der kurz darauf geschlossene Kohlekompromiss mit seinen 40 Bundesmilliarden für die Finanzierung des durch den Ausstieg bedingten Strukturwandels hat nach Ansicht Hausners im Fall Pödelwitz nichts beschleunigt. Denn der Ort war laut Braunkohleplan eigentlich gar nicht zur Abbaggerung vorgesehen.

Ziel: ökologische und soziale Dorfkultur

Die Zeit arbeitet nun wieder für Pödelwitz. Das tut sie aber auch nur dann, wenn die verbliebenen Einwohner und ihre Unterstützer für ihr Dorf arbeiten. Wogegen man kämpfte, zeigen noch zahlreiche Transparente und Symbole, vor allem das gelbe Kreuz der Bewegung »Alle Dörfer bleiben!«. Wofür man sich nun einsetzen will, erklärt ein schon im Juni 2020 sozusagen präventiv erarbeitetes Maßnahmen- und Positionspapier. Neben den Pödelwitzer Initiativen waren daran »Alle Dörfer bleiben!«, der BUND und das »konzeptwerk neue ökonomie« beteiligt.

Darin wird nicht weniger als eine Vision von Pödelwitz als ein Ort versuchter Antworten auf drängende Zukunftsfragen formuliert. Deren regionale Komponente treibt besonders Jens Hausner um. Die in Sachsen lange dominierende CDU habe die ländlichen Räume regelrecht kaputtgespart und ausgedünnt. Sechs Kilometer beispielsweise muss man von Pödelwitz zum nächsten Arzt oder zur nächsten Einkaufsmöglichkeit fahren. Dienstleistungen aber gehörten wieder ins Dorf, meint er.

Im Positionspapier wird die große Dimension regionaler Versorgung angesichts der Klimakrise und absehbarer Erschöpfung fossiler Rohstoffe angesprochen. Es sei deshalb »unabdingbar, starke und resiliente Dörfer und Dorfgemeinschaften aufzubauen«, heißt es dort. Pödelwitz könne zu einem Modell für den Strukturwandel nach dem Kohleausstieg werden. Den Unterzeichnern schwebt eine »sozial gerechte und Gemeinschaft bildende Revitalisierung des Dorfes« vor. Gemeinschaftsräume und ein Minimum an sozialen Einrichtungen wie Dorfladen, Waldkindergarten, Gemeinschaftswerkstatt oder Gasthof gehören für sie dazu. Das Papier ist geprägt von Idealen wie Biodiversität, nachhaltigem Wirtschaften oder einer autarken Energieversorgung.

Eine Ahnung von Möglichkeiten zur Realisierung solcher Pläne bekommt man im ehemaligen Pfarrgarten. Die Kirche hat ihn 2018 einer etwa zehnköpfigen Gruppe aus Leipzig zur Verfügung gestellt, die sich »Aufstand am Abgrund«, kurz AAA, nennt. Die Aktiven ziehen nicht gerade mit dem Lineal klassische Schrebergartenbeete. Obststräucher und Gemüse wachsen unorthodox. Eine Jurte und ein Bauwagen bieten zeitweisen Unterschlupf. Ein überdachtes Schaubrett am Eingang informiert mit zahlreichen Flyern über »nachhaltige« Lebensformen.

»Das Dorf soll auf soziale und klimagerechte Weise revitalisiert werden«, beschreibt eine junge Frau, die »Lila« genannt werden möchte, das Hauptanliegen von AAA. Es gehe um »Strukturwandel von unten«, solidarisch, selbstorganisiert. Die Gruppe hat sogar eine Förderung aus dem Programm »KoMoNa« des Bundesumweltministeriums für kommunale Modellvorhaben in Strukturwandelregionen erhalten. Am 18. August lädt sie zu einem großen Dorffest ein.

Die Mibrag als Spekulant?

Unterdessen ist die Grundstücksfrage zentraler und immer wiederkehrender Punkt im Entwicklungspapier. »Dorfsprecher« Hausner fühlt sich alarmiert durch die Entwicklung im teils renaturierten bisherigen Kohlerevier südlich von Leipzig. Badegäste freuen sich, aber das »Kap Zwenkau« am nur wenige Kilometer entfernten Zwenkauer See bietet ein abschreckendes Beispiel. Überall an den gefluteten Tagebau-Restlöchern gehen Grundstückspreise und Mieten durch die Decke. Würde der Tagebau Schleenhain nach seinem schon vor 2038 erwarteten Ende ebenfalls geflutet, läge Pödelwitz in einigen Jahren auf einer attraktiven Halbinsel. Kommerzielle Interessen würden wie überall das Leben und das Aussehen des Dorfes bestimmen. »Wir wollen nicht so eine Retortensiedlung werden wie in Zwenkau«, sagt Hausner entschieden.

Die Erfahrung zeigt, dass die Mibrag bei solchen Post-Kohle-Entwicklungen selbst zum Spekulanten wird. Ihre Grundstücke, Gebäude und Flächen sollten deshalb vor einer Veräußerung in staatliche Hand überführt werden, fordert das Positionspapier. Speziell in Pödelwitz sollten diese nicht an Investoren, sondern an Familien, kleine Betriebe, Genossenschaften oder Wohnprojekte verkauft werden. Jens Hausner ist zuversichtlich, dass sich »Leute mit Ideen« finden, und schwärmt beinahe. Beim Verein hätten sich schon 80 Interessenten gemeldet, um sich hier niederzulassen und beispielsweise einen Friseur oder eine Bäckerei zu eröffnen.

Gegen kapitalistische Verwertungsmuster

Entscheiden muss darüber der konservative Stadtrat von Groitzsch - in dem aber auch Hausner sitzt. Mibrag-Sprecher Maik Simon antwortet auf entsprechende Nachfrage überraschend konziliant, hebt aber die Bergbaufolgen angesichts des Kohleverstromungsbeendigungsgesetzes auf eine höhere Ebene: Überall müssten Nachnutzungsfragen mit dem Landkreis, den Kommunen und den Anwohnern neu besprochen werden, wofür man offen sei. Vor diesem Hintergrund verfolge man »bislang auch keine Pläne zum Verkauf der Grundstücke am Ort«.

Sachsens Wirtschaftsministerium tritt Befürchtungen der Einwohner und ihrer Freunde ebenfalls entgegen. Bei der Verfüllung des Abbaufeldes Schleenhain entstehe »kein Bergbaufolgesee, sondern unter anderem ein naturnaher Flachwasserbereich im Bereich Neukieritzsch«. Es komme auch zu keiner Halbinsellage, weil sich der Tagebau nicht weiter als die gegenwärtigen 500 Meter nähere, versichert das Ministerium. Dort sei später ein Uferbereich vorgesehen.

Welche Aussichten eine ökologisch-solidarische Enklave Pödelwitz inmitten einer Profitgesellschaft hat, ist allerdings offen. Der Glaube daran sowohl bei Alteingesessenen wie Jens Hausner als auch bei aus Städten zugewanderten Idealisten nötigt Bewunderung ab. Auch in der Lausitz gibt es für die Gestaltung des Strukturwandels alternative Pläne. Zugleich bietet diese Region ernüchternde Beispiele. So veranstaltete Inspirator Klaus Nicolai am Bärwalder See gegenüber vom Kraftwerk Boxberg vor 15 Jahren jährlich das längst begrabene Kunstfest »Transnaturale«. Eine unkonventionelle Wohnsiedlung sollte entstehen, die alten Kraftwerksschornsteine sollten als Aufwindkraftwerke dienen. Heute sieht es in Boxberg aus wie an allen Stränden. Das Landschaftstheater »Ohr« wartet auf kulturelle Nutzung, ein Investor beginnt mit dem Bau eines Hotels auf einer Uferfläche.

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