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  • Kultur
  • Gecancelte Currywurst bei VW

Es geht um die Wurst

Altkanzler Gerhard Schröder echauffiert sich über die Currywurst-Cancel-Culture in der Volkswagen-Kantine, das Internet sorgt sich ums Klima.

  • Von Julia Trippo
  • Lesedauer: 3 Min.

Kulturell ist die Wurst in Deutschland unmöglich wegzudenken. Erkennbar wird das im Sommer 2021, geprägt von Umweltkatastrophen, der Bundes- und einigen Landtagswahlen und einer noch immer wütenden Pandemie – und auf einmal reden alle über Wurst. Beispielhaft ist in dem Fall Thüringen, Heimat der beliebten Rostbratwurst, wo die Landesregierung Impfwilligen das Grillgut als Belohnung versprochen hat. Aber auch ihre entfernte Verwandte, die nicht minder populäre Currywurst bekommt ihr Fett weg: Nachdem eine Volkswagen-Kantine angekündigt hatte, alle Fleischprodukte von der Speisekarte zu nehmen, sprangen mehrere Wurstfans unter dem Hashtag #RettetdieCurrywurst für das in Tomaten-Curry getränkte Kultessen in die Bresche.

Darunter auch Altkanzler Gerhard Schröder, der sich in dem sozialen Netzwerk LinkedIn über die Currywurst-Cancel-Culture echauffierte. »Wenn ich noch im Aufsichtsrat von #VW säße, hätte es so etwas nicht gegeben«, grantelte der einstige niedersächsische Ministerpräsident und Vertreter des Landes im VW-Aufsichtsrat. Vegetarische Ernährung sei ja schön und gut, er selbst mache das phasenweise auch. »Aber grundsätzlich keine Currywurst? Nein!« Sogar die Facharbeiter*innen dachte Schröder ausnahmsweise mal mit. Die Currywurst sei ihr »Kraftriegel«.

Was soll man noch groß zu Schröders Empörung sagen? In der deutschen, heteronormativen, patriarchalen und karnivoren Gesellschaft ist die Wurst nun mal ein elementarer Baustein. Fleisch steht für Wohlstand, Macht, Stärke und Potenz; in zahllosen Grillwerbungen und »Menners«-Memes wird dessen Konsum mit »Mann«-Sein gleichgestellt.

Doch mittlerweile ist es auch ein Inbegriff für die Klimasünde. Der vegetarisierte Speiseplan in Wolfsburg geht vor allem auf die Beschäftigten zurück, die sich schmackhafte Alternativen und mehr Nachhaltigkeit gewünscht hatten. Weniger Fleischverzehr hilft bewiesenermaßen auch der Umwelt, dem Tierwohl selbstverständlich auch.

Im Netz regte man sich vor allem über die Priorisierung der Wurstprobleme gegenüber den eingangs genannten wirklich wichtigen Themen auf. Vor Kurzem hatte der Bericht des Weltklimarates deutlich gemacht, dass Klimaschutz für die Politik und vor der Bundestagswahl das wichtigste Thema sein müsste. Doch das Recht auf Currywurst scheint – zumindest temporär – wichtiger, kritisiert Journalistin Teresa Bücker auf Twitter.

Und von wegen Bevormundung und Entscheidungseinschränkung: Investigative Journalist*innen der dpa fanden heraus, dass das Ende der Volkswagen-Currywurst noch nicht wirklich gekommen ist. Bei richtigem Fleischhunger müssen die VW-Mitarbeitenden im Markenhochhaus in Wolfsburg lediglich die Straßenseite wechseln und eine andere Firmenkantine aufsuchen: Da gibt’s noch Fleisch.

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