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Marlon Sonnenbrando

Er war ein einfacher Junge vom Land: Über und von Wiglaf Droste ist »eine autobiographische Schnitzeljagd« erschienen

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 11 Min.

Wiglaf Droste war ein mutiger Mann. Er konnte selbstverständlich sehr gut schreiben, aber auch gut erzählen, mit seiner schönen tiefen Stimme. Zum Beispiel davon, wie sie als Schüler zu zweit oder dritt ihren schlimmsten Lehrer im Freibad untergetaucht hatten, um ihm die Grenzen seines Sadismus aufzuzeigen. Der Lehrer hat sie dann nicht verraten und sich etwas gebessert. Oder wie er bei der Fußball-WM 2006 das Ausscheiden der Deutschen aus ihrem neonationalistischen »Sommermärchen« gegen die Italiener feierte. Zusammen mit seinem Freund, Verleger und zeitweiligem Mitbewohner Klaus Bittermann, in einem linken Café in Berlin-Kreuzberg. Als sie den Erfolg des DFB-Angstgegners bejubelten, fanden die Linken das nicht lustig. Und als Bittermann dann auch noch sein Juventus-Turin-Trikot von Alessandro Del Piero, dem Schützen des endgültigen 2:0, hervorzauberte und überstreifte, drohte ihnen ein entgeisterter alternativer Deutschlandliebhaber Schläge an. Droste sagte zu ihm: »Geh du doch nach Hause und zieh dein Braunhemd an!« Und es war Frieden.

Ich weiß nicht, ob diese Geschichten wahr sind. Erzählt hat er sie mir, der ich 21 Jahre lang sein Redakteur bei der »Jungen Welt« war (bis 2018). Lange Zeit habe ich mit ihm täglich telefoniert, in all seinen Zuständen. Ich mochte ihn sehr und freute mich auf jeden neuen Artikel von ihm.

Sein Tod im Mai 2019 war abzusehen und dennoch sehr traurig. Denn er konnte nicht anders, als sich zu Tode zu trinken. Er wurde 57 Jahre alt. Auf manische Art kämpfte er gegen seine Dämonen und Depressionen. Diverse Therapien brach er ab. »Sehen Sie Wiglaf Droste in seiner Lebensrolle als: ›Der Unumarmbare‹«, hatte sein Freund Friedrich Küppersbusch 2018 in seiner Laudatio gesagt, als ihm der »Göttinger Elch« verliehen wurde, worauf er sehr stolz war. Zum Schluss der Veranstaltung hockte Droste auf der Bühne und sang »Knockin’ On Heaven’s Door« und ich wusste: das Klopfen stimmte.
Ob das auch für die Schoten mit dem Lehrer im Freibad und dem Trikot von Del Piero gilt? Aufgeschrieben hat er sie wohl nicht, denn sonst wären sie in dem Buch »Chaos, Glück und Höllenfahrten« zu finden, das Bittermann nun herausgegeben hat. Es soll eine »autobiographische Schnitzeljagd« sein, wie der Untertitel verkündet, keine Biografie. Droste erzählt aus seinem Leben, beziehungsweise das, was er über sich selbst mitteilen wollte, in seinen alten Texten.

Das passierte recht oft. Hier kann man lesen, wie er als junger Mann in Marokko zum großen Haschischeinkauf genötigt wurde (und es dann in kleinen Mengen davon nach Hause schickte, was gut funktionierte) oder wie er als 16-jähriger Praktikant bei der Sparkasse sich weigerte, für den von der RAF erschossenen Generalbundesanwalt Siegfried Buback zur Ehrbezeugung aufzustehen (denn was hatte er mit dem zu tun?). Oder wie es ihm in Berlin-Neukölln fast unmöglich ist, im Karstadt am Hermannplatz etwas einzukaufen, weil man dort nichts findet. »Es gibt nur eine gültige Regel: Alles ist da, aber nichts ist irgendwo. Ist das Buddhismus? Eine Prüfung? Oder sogar, um einmal das pornografischste Wort deutscher Zunge zu benutzen, ein Mächtigkeitsspringen?« Das ist ein Ausdruck aus dem Springreiten. Er wird von ihm nicht erklärt, ganz anders als seine Lieblingsworte. Die hat er nicht erfunden, wie ich früher naiverweise annahm, denn sie stammen aus dem Ostwestfälischen; der Gegend, wo er aufgewachsen ist. »Mit dem Wort Heimat verbinde ich keine Landschaft – wozu auch? Eine Sprache, in der Dölmer, Hachos und Tünsel durcheinander ramentern, wullacken und kalbern, ist Heimat genug.« Wie geht es einem da? »Nicht abgeholt, obwohl bestellt: / dies Gefühl heißt Bielefeld«.

Droste wohnte aber ab 1983 in Berlin-Kreuzberg, später auch in Leipzig-Gohlis, in Herford und zum Schluss in Pottenstein (Fränkische Schweiz). Er arbeitete als Schreiber und auch als Sänger und in Kombination als reisender Vortragskünstler, der sehr viel unterwegs war. Sein Studium der Publizistik hatte er nach fünf Wochen abgebrochen – für ihn war es sinnlos. In den 90ern flog er als Kolumnist beim »Neuen Deutschland« raus und zerstritt sich in den 2000ern wegen eines Textes mit der Redaktion der Taz-»Wahrheitsseite«.

Er gründete die erste Berliner Lesebühne und später zusammen mit dem Star-Koch Vincent Klink die Zeitschrift »Häuptling Eigener Herd«, die Peter Köhler im Buch eine »lukullische Kampfschrift« nennt. Droste hatte lange Zeit sehr viel zu tun, er verfasste Kolumnen, sprach Hörbücher ein und las sprachkritische Texte im Radio. Er wurde Satiriker genannt, war aber Schriftsteller. Stets groß in Form in der kleinen Form. Noch der kleinste Reim war für ihn Lyrik, noch der kürzeste Text Prosa. Meistens hatten seine Texte Glossenlänge, die er dann zu jährlichen Sammelbänden kompilierte.

Es gibt aber auch improvisierte Fortsetzungsromane in Zeitungen, für die er täglich neue Beiträge verfasste. Am bekanntesten ist der »Barbier von Bebra« (1996, mit Gerhard Henschel); am nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben ist mir »Schalldämpfer« (2014). Darin wird ein »Kommando Leise Welt«, das aus Droste und seinen Freunden besteht, von der Polizei gejagt, weil es durch die Lande fährt, um alle lärmenden Idioten gewaltsam zur Ruhe zu bringen (aber keinen einzigen Schuss abfeuert). Auf der Flucht wird sich in der Psychiatrie versteckt, weil einen dort keiner vermuten würde. Ich sagte damals zu meinem Feuilletonkollegen Alexander Reich: »Ich glaube, er ist wirklich in der Nervenheilanstalt, von der er hier schreibt.« Der wollte es nicht glauben, war ja auch zu absurd. Aber hatte Droste nicht mal eine »Junge Welt«-Kolumne, die hieß »Mein Leben unter den Irrsinnigen«? So war es dann tatsächlich. Es stellte sich heraus, dass Droste diese Passagen täglich direkt aus der Psychiatrie geschickt hatte. Er hatte sich freiwillig einliefern lassen, um nüchtern zu werden.

Bei ihm musste alles sofort raus, jeder Einfall und Scherz. Und das ganze Geld, das er damit verdiente. Für Klaus Bittermann war »er der großzügigste Mensch, den ich je getroffen hatte«, wie er in seinem Nachruf schrieb: »Er unterstützte Freunde, die nichts hatten, ohne je darauf zu achten, ob er wieder etwas zurückbekam, und er tat das, ohne darüber zu reden.«

Berühmt wurde er Ende der 80er in seiner kurzen Zeit als Medienredakteur bei der »Taz«. Er fühlte er sich für das gesamte gesellschaftliche Geschehen zuständig, denn die ganze Welt ist in den Medien. Solche Medienredakteure gibt es nicht mehr. Doch damals hatte die »Taz« ihre Seite »Flimmern und Rauschen« gerade frisch eingeführt und die Ressorts waren autonom, eine Chefredaktion gab es noch nicht. Von diesen Feinheiten erfährt man bei der »autobiographischen Schnitzeljagd« leider nichts. Obwohl alle diese Texte schon einmal veröffentlicht wurden, fehlen Drucknachweise und Datumsangaben.

Im Gesamtkunstwerk Droste kann man drei Produktionsphasen unterscheiden. Da ist der junge angriffslustige Droste, der unverzagt die Welt in Gut und Böse einteilt und bei den Bösen in Politik, Kultur und Alltag oft die richtigen Schmerzpunkte findet, in seinen Beleidigungen und Analysen. Sie waren seine Reaktion auf New Wave und Ausdruck einer neuen ironischen Subjektivität, wie sie Ende der 80er auch bei Max Goldt und Maxim Biller zu finden ist. Diese Texte waren zeitbezogen, weshalb ihre einstige Eleganz heute etwas verblasst ist, allerdings viel weniger als zum Beispiel bei den Texten von Matthias Beltz, die auch einmal als genial und geistreich galten.

Es folgt der mittlere Droste, der etwas ausgeglichener wirkt, wenn er davon schreibt, wie er mit »der Liebsten« Zigarre raucht, Hörbücher hört und Hühnersuppe isst. Und auf seinen immer länger werdenden Lesereisen mit dem aus der Zeit gefallenen offensiven Hütetragen anfängt. Man könnte ihn in dieser Phase in seinen eigenen Worten als »Marlon Sonnenbrando« bezeichnen. Und wie der unsterbliche Hollywoodheld gewann er auch barock an Statur, bis ich dachte, er sieht vielleicht ein bisschen aus wie Heinrich George. Aber auch, dass das von ihm ausgestellte gute Leben doch nicht so gut sein kann, wie er immer schreibt.

Je mehr oder er je länger er trank, desto dünner wurde er dann, aber auch irgendwie friedfertiger und freundlicher in seinen Texten. Dieser späte dünne Droste schrieb fast nur noch für die »Junge Welt«, in Form einer täglichen Kolumne, fast zehn Jahre lang bis zu seinem Tod. Für einen Autoren ist das sehr harte Arbeit. Und wenn der Computer kaputt war, schrieb er seine Texte als eine Folge von SMS-Nachrichten. Wenn er nicht mehr telefonieren wollte oder konnte, SMS ging immer. Da piepte das Telefon dann morgens um 4.30 Uhr.

Der späte Droste wirkte oft auch angegriffen statt angriffslustig und formulierte dann beispielsweise zur »Lebensfrage«: »Die Frage ist nicht, was man immer gewusst hat / Die Frage ist nur, ob man trotzdem noch Lust hat«. Zu finden in seinem posthum erschienenem Buch »Mein Freund Hein« (2020), eigentlich ein Katalog zu einer Ausstellung in Fürth, die er noch mit dem Zeichner und Maler Nikolaus Heidelbach geplant hatte, mit der bizarren Pointe, das besagter Freund ihn vorher erwischte.

Viele von Drostes Freunden und Bekannten hatten auch kurz vor seinem Tod den Eindruck, er plane starke Sachen, mit sich und ihnen. Im Buch sind ein paar von ihnen mit ihren Erinnerungen versammelt. Ralf Sotscheck berichtet, wie Droste zu Besuch in Irland versuchte, seine Erkältung mit Hot-Chili-Sauce zu kurieren – ohne Erfolg. Klaus Bittermann erinnert sich an ein mit Droste und Vincent Klink hemingwayartig versoffenes Weihnachten in Palermo. Rayk Wieland erzählt, wie Droste und Peter Hacks sich im Hause Hacks gegenseitig beleidigten. Hans Zippert bekennt, wie sehr ihm Droste als Redakteur bei »Titanic« auf die Nerven ging. Und Funny van Dannen dankt Droste dafür, dass er ihn darin bestärkte, vor Publikum zu singen, was er dann zu seinem Beruf machte.

Im Buch gibt es Drostes große Hits, die teilweise schon in den allgemeinen Linksintellektuellen-Sprachgebrauch eingegangen sind: die »Zumutung Mitmensch«, die »alte Kreuzberger Faustregel – wer als erster Fascho! sagt hat gewonnen!«, Menschen »die ihr Leben quasi in Dünkelhaft verbringen« oder die Erkenntnis »schon seltsam, wie schnell man vergisst, dass alles, was man tut, für immer ist«. Und auch die »Waschbrettköpfe« sind zu finden. So hatte er einmal Bundeswehrsoldaten anlässlich eines Gelöbnisses genannt und wurde dafür verklagt, erstaunt darüber, dass dieses Wort beleidigend sein soll: »Waschbrettkopf gibt es im Duden nicht, es handelt sich um eine originale Wortschöpfung. Wo aber steht geschrieben, dass diese Vokabel herabsetzend gemeint ist?« Sie kostete 2100 DM Geldstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, was es sonst eigentlich auch nicht gibt.

Auch einer seiner besten und lustigsten Texte überhaupt ist vertreten, der über »schwarze Tasten, weiße Tasten, Töne, die das Herz belasten«: das »Köln Concert« von Keith Jarrett. Eine Fallstudie über die Jugend der mittleren 70er Jahre, kurz vor Punk: »Auf Flokatis hatte man, so war es 1976 Pflicht, herumgelegen; unter jenen hirtenhundartigen Teppichen, von Müttern als ›Staubfänger‹ gefürchtet und verständnislos gehasst, befanden sich gern einige möglichst silberfischverseuchte blauweiße Matratzen vom Sperrmüll. Räucherkerzen glommen und müffelten vor sich hin, Sandelholz, Patschuli, und was sonst noch streng roch.« Dazu trank man Vanilletee vom Stövchen aus einem »natürlich henkellosem Tässchen«.

Des Weiteren berichtet Droste von einer Finnlandreise mit Max Goldt, mit dem er sich in den 90ern zerstritt, und von seinen verschiedenen Ausflügen zu den »Bewohnern der fünf neuen Imbissbuden«, zu Menschen, »die sich trotzig dem Diktat der Westmode verweigern und stolzgeschwellt den duckmausgrauen Kunstfaseranorak und die schlammfarbene Stiefellette spazierenführen«. Er würdigt sowohl die »gefürchteten Puhdys« als auch die Band Pur, »die die Verostung der Musik bisher weiter vorangetrieben haben als irgendeine Band aus dem Osten selbst«. Und zwar mit ihrem sagenumwobenen Slogan: »Komm mit ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand«.

Dem späten Droste hatte Bittermann vorgeschlagen, er solle doch seine Autobiografie schreiben. Darunter hätte man sich viel vorstellen können: Lach- und Sachgeschichten aus der Verödung der politischen Fantasie seit den 70ern, über »die Deutschen im Eigenbrei aus Kitsch und Jammern«, über die sich selbst permanent in die Tasche lügenden, saturierten ehemaligen linksalternativen Grünen und über den Handel und Wandel von allerlei Selbstdarstellern in Berlin, einer Stadt, die nicht mehr morbide wirken möchte, sondern so menschenfeindlich unbezahlbar wie New York. Es hätte eine Art »Weg nach unten« werden können, eine Aktualisierung dieses Klassikers von Franz Jung über Dummheit und Versagen der Linken in der Weimarer Republik.

Das wäre toll gewesen. So wie man früher auch mal gedacht hat, wenn es in Witz, Sprachgefühl und linkem Röntgenblick einen Nachfolger von Hermann L. Gremliza geben könnte, dann wäre es womöglich eher Droste gewesen als Dietmar Dath (der es aber auch nicht geworden ist). Tatsächlich hatte sich Droste mit dem legendären »Konkret«-Chef, der dann im selben Jahr wie er verstarb, schon lange überworfen und ihn 1997 als »Comandante Redundante« bezeichnet. Und sich selbst, drei Wochen vor seinem Tod als einen »einfachen Jungen vom Land«. Für einen solchen gebe es eine einfache Regel: »Wir sind nicht auf der Welt, um einander zu bekriegen. Wem das zu schwer ist, dem ist kaum zu helfen.«

Wiglaf Droste: Chaos, Glück und Höllenfahrten. Eine autobiographische Schnitzeljagd. Hg. v. Klaus Bittermann. Edition Tiamat, 360 S., geb., 24 €.

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