Für den Westen sterben?

Trotz vielfältiger Warnungen aus Afghanistan glaubte man in Berlin lieber eigenen Wunschvorstellungen

  • René Heilig
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn die Regierungen in Washington und Berlin wirklich so vom raschen Kollaps der afghanischen Regierung und der einheimischen Sicherheitskräfte überrascht wurden, wie es den Anschein hat, dann müssten der CIA-Chef William Joseph Burns und General Paul M. Nakasone von der NSA umgehend entlassen werden. Doch so wie Bruno Kahl, der dem deutschen Auslandsnachrichtendienst BND vorsteht, müssen sie sich offenbar nicht auf einen vorgezogenen Ruhestand gefasst machen. Das deutet darauf hin: Die Analytiker der Dienste haben ihren Job gemacht. So wie die Diplomaten der jeweiligen Botschaften in Kabul. Doch wurden sie gehört?

Die Dienste konnten in Afghanistan über Jahre ungestört ein Informantennetz aufbauen und Kommunikationslinien von Regierung und Streitkräften anzapfen. Überdies wussten sie über die Kommandeure der in Afghanistan stationierten Streitkräfte über den moralisch jammervollen Zustand der Sicherheitskräfte Bescheid. Nach dem übereilten Abzug der Nato-Truppen hatten sie den letzten Halt verloren.

Deutschland war - wie seit zwei Jahrzehnten gewohnt - auch bei der von der Nato getragenen Ausbildungs- und Beratermission »Resolute Support« nach den USA der zweitgrößter Truppensteller. Unter der Hand vermittelten viele der eingesetzten Bundeswehr-Trainer seit langem die Einsicht, dass die Ausbildung an den Bedürfnissen des Kampfplatzes Afghanistan vorbeigeht. In den zwei Jahrzehnten Besatzung gelang es nicht, zentrale staatliche Strukturen aufzubauen. Auch deshalb war die 350 000-Mann-Regierungstruppe, die nach westlichen Maßstäben massiv ausgerüstet und generalstabsmäßig geführt wurde, der flexiblen Kampfführung der Taliban unterlegen. Ausschlaggebend aber war vermutlich, dass die Männer und Frauen, die ihren Sold via Kabul erhielten, sehen konnten, dass die Allianz zwischen der eigenen korrupten Führung und der US-hörigen Nato nicht ewig hält.

Wenn die Zahlen stimmen, so waren die Verluste der Regierungstruppen dennoch hoch. Die Zahl aller Kriegstoten seit 1989, dem Ende der sowjetischen Besatzung, wird auf annähernd 300 000 beziffert. Wofür starben sie? Die Antwort ist einfach: Ihr Tod war sinnlos. Kein Wunder also, dass die Uniformierten die Fortsetzung des ungeliebten Bruderkriegs scheuten, mehr an »das Danach« und das Überleben ihrer Familien dachten. Ergebnis: massenhafte Desertion.

Damit passten sie sich vielen Vorgesetzten an, die ohne militärischen Zwang Provinzhauptstädte räumten und »stiften« gingen. So wie der Präsident und Oberbefehlshaber Aschraf Ghani am Sonntag.

Diesen inneren Zustand der afghanischen Truppen und vieler anderer Staatsbediensteter haben die nachrichtendienstlichen Analytiker nicht übersehen, wohl aber die Geschwindigkeit unterschätzt, mit der sich der Wandel vollzog. Noch im Juni gingen US-Dienste angeblich davon aus, dass es sechs bis zwölf Monate dauern werde, bis die Taliban die vollständige Kontrolle über das Land erringen. Vor wenigen Tagen dann berichtete die »Washington Post« unter Berufung auf nicht genannte US-Geheimdienst-Quellen: Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen. Selbst das war zu optimistisch. Die Taktik der Taliban dagegen ist aufgegangen. Sie haben nicht versucht, den Krieg militärisch zu entscheiden. Sie haben ihn durch Geduld gewonnen, darauf wartend, dass die ausländischen Truppen abziehen. Um das vorauszusehen, brauchte es keine geheimen Dienste. Es reichte zu sehen, dass die Friedensverhandlungen zwischen den USA und den Taliban unter Ausschluss der Regierung in Kabul zu keinem guten Ende gekommen sind.

So muss man - wie der Grüne Omid Nouripour und andere Außenpolitiker - der Bundesregierung ein komplettes Versagen in der Afghanistan-Krise vorwerfen. Sie hat - wie die gesamte Nato - offenkundig keine tragenden Notfallpläne entworfen und dadurch Tausende Afghanen aber auch eigene Staatsbürger in Gefahr gebracht.

Die Kanzlerin hielt und hält sich weitgehend raus. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) setzte noch unlängst darauf, dass es in den nächsten Wochen und Monaten »eben auch politische Fortschritte gibt« und Außenminister Heiko Maas (SPD) meinte anlässlich seiner letzten Kabul-Reise Ende April, die Taliban hätten verstanden, dass die Konflikte in Afghanistan »politisch gelöst werden müssen« und es nie eine militärische Lösung geben wird. Den Auftrag, unter der Federführung des Auswärtigen Amtes einen Friedensplan für alle Afghanen zu entwickeln, hat Maas nie erfüllt. Stattdessen entdeckt auch er, dass die Zukunft Afghanistans ab sofort ein rein inneres Problem ist. Das aber und die wirren Entscheidungsprozesse in Berlin zum erneuten Einsatz von deutschem Militär sind für viele der 160 000 Bundeswehr-Angehörigen, die in Afghanistan dienten, inakzeptabel. Das alles, so rumort es in der Truppe, sei fern von jenen Werten, auf die sie ihren Eid geleistet haben.

Diese unsägliche Ignoranz und Arroganz auf Seiten auch der deutschen Regierung ist kein Freibrief für fehlende Konsequenz der Opposition. Seit Beginn des Afghanistan-Feldzuges hat beispielsweise die Linkspartei konsequent den Abzug der ausländischen Truppen gefordert - freilich ohne eigene tragfähige Ideen für diesen Zeitpunkt zur Diskussion zu stellen. Dass die westliche »Logik von Krieg und Regime-Change« nun »krachend gescheitert« ist, wie die Linke-Obfrau im Auswärtigen Bundestagsausschuss Sevim Dagdelen betont, ist richtig. Aber eine Binsenweisheit, die nichts bringt.

Jenseits hektischer Evakuierungseinsätze ergeben sich eine Reihe gravierender Fragen. Wird in Afghanistan neuer Terror nach Al-Qaida- oder IS-Art Fuß fassen können? Zumindest mittelfristig nicht, denn die Taliban werden solche Konkurrenz nicht dulden.

Was geschieht mit den zum Teil modernen Waffen, die den Siegern einsatzbereit auf den Hof gestellt wurden? Darauf zu hoffen, dass die - wie ein Bundeswehr-Ex-General sagte - »Moped-Banditen« damit nicht umgehen können, ist fahrlässig. Zumindest der internationale Waffenschwarzmarkt erhält Nachschub an Waffen und Munition. Der Verkauf an Mordwerkzeug ist gewiss so ertragreich wie der Drogenhandel, dessen Ertrag bereits ein Achtel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Zu fragen ist, wie sich Nachbarstaaten, die oft zugleich ungewollt Zufluchtsorte sind, jetzt aufstellen. Beispiel Tadschikistan. Dessen Truppen übten bereits gemeinsam mit russischen und usbekischen Verbänden die Abwehr »von Terroristen«. Mit Jagdbombern und Kampfhubschraubern. Desertierte Soldaten und Bewohner der nördlichen Provinzen Afghanistans, meist Tadschiken und Kirgisen, haben mit all ihrem Hab und Gut die afghanisch-tadschikische Grenze überquert. In der Region Chatlon und anderenorts wurden Zeltlager für Flüchtlinge gebaut.

Im Gegensatz zu anderen Vertretungen arbeitet die russische Botschaft in Kabul weiter, denn im Moskauer Außenministerium glaubt man, dass die wichtigste Bedrohung Zentralasiens und damit auch Russlands nicht so sehr von den Taliban, sondern von der sich ausbreitenden generellen Instabilität in Afghanistan ausgeht. Es steht zu vermuten, dass man in Chinas Außenamt zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt.

Es fragt sich, welchen Draht hat der Westen zu den jetzt Herrschenden in Kabul? Die inoffiziellen Kommunikationslinien sind bis auf weiteres wohl unterbrochen. Haben die USA parallel zu den Doha-Verhandlungen neue aufgebaut? Oder setzt man ganz auf die Türkei? Ankara hatte es im Nato-Verbund übernommen, den Hauptstadt-Flugplatz für Evakuierungsoperationen zu sichern, um so die Beziehungen zu den USA verbessern.

Das war Ende Juni, die Zusage wurde nicht eingehalten. Vielleicht weil die bereits bestehenden Beziehungen der islamisch geprägten Türkei mit den islamisch-fundamentalistischen Taliban auf mittlere Sicht bedeutsamer sind?

Sicher ist: Die deutsche Außenpolitik hat viel Kredit verspielt in den vergangenen zwei Jahrzehnten Krieg, in denen es den USA gelungen ist, ihr abermaliges »Vietnam« auf die Schultern aller Nato-Mitglieder zu verteilen.

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