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Stadtjubiläum statt Putschgedenken

Der Augustputsch von 1991 hat keinen Platz in Russlands staatlicher Gedenkkultur. Lieber feiert der Kreml opulente Stadtgeburtstage

  • Von Birger Schütz
  • Lesedauer: 3 Min.

Drei Tage lang rollten die Panzer durch Moskau, stellten sich Demonstranten Soldaten entgegen und organisierte Russlands späterer Präsident Boris Jelzin den Widerstand vor dem Weißen Haus: Der Augustputsch von 1991, mit dem konservative Hardliner den Zerfall der Sowjetunion stoppen wollten, ist ein Ereignis, das zusammen mit Kriegen und Revolutionen in die Geschichtsbücher einging und den Untergang des Sowjetimperiums maßgeblich beschleunigte.

Doch zum 30. Jahrestag eines der wichtigsten Ereignisse der russischen Geschichte vermeidet Präsident Wladimir Putin jegliche Erwähnung des gescheiterten Staatsstreichs. Lieber feiert die Staatsführung im großen Stil den 800. Jahrestag der Gründung der Wolgametropole Nischni Nowgorod. Die live im Staatsfernsehen übertragenen Feierlichkeiten beginnen am 19. August - dem heutigen Donnerstag - an dem vor genau drei Jahrzehnten schwere Militärtechnik durch Moskaus Straßen schepperte. Die Festivitäten, zu denen am Sonnabend auch Staatschef Putin anreist, dauern drei Tage - genauso lange wie der Putsch. Umgerechnet lässt sich der Kreml die aufwendigen Feierlichkeiten um das Stadtjubiläum rund 20 Millionen Euro kosten, schrieb die Tageszeitung »Kommersant« im Januar.

Die fehlende Erinnerung an den vereitelten Putsch hat in der Ägide Wladimir Putins Tradition: Schon 2001 zum 10. Jahrestag der historischen Ereignisse fuhr Putin lieber kommentarlos in den Urlaub als sich anlässlich des historischen Datums an die Bürger zu wenden. Politiker und Intellektuelle wunderten sich über das seinerzeit seltsam anmutende Verhalten des Präsidenten, der zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre im Amt war. Denn zu Beginn der 2000er Jahre wurde in Russland noch über die Einführung eines eigenen Feiertages - des sogenannten Tag des Freien Volkes - diskutiert, welcher an den Widerstand gegen den Putsch erinnern sollte. Der Präsident positionierte sich dazu nie.

Zehn Jahre später wunderte sich über so viel Zurückhaltung niemand mehr: Auch zum 20. Jahrestag des von den Bürgern verhinderten Staatsstreiches gab es keine offiziellen Ansprachen oder Gedenkveranstaltungen. Stattdessen traf sich Putin mit zivilgesellschaftlichen Vertretern von Behindertenorganisationen. Weitere fünf Jahre später, kurz nach der Ukrainekrise, kam es zu einer denkwürdigen historischen Parallele. Am 19. August 2016 hielt sich Putin auf der von Russland okkupierten Halbinsel Krim auf. Dort hatten die Putschisten genau ein Vierteljahrhundert zuvor Michail Gorbatschow in seiner Datscha in Foros festgesetzt, um ihn an einem Eingreifen in den Machtkampf in der sowjetischen Hauptsstadt zu hindern. Aber auch dieses Zusammentreffen historischer Linien entlockte Putin keinen Kommentar zu dem Putsch: Seine Rede an diesem Tag widmete der russische Präsident voll und ganz den wirtschaftlichen Probleme auf der Halbinsel und ihrer Bewältigung.

Das Schweigen um den Putschversuch hat Gründe: Der gescheiterte Staatsstreich leitete den Zerfallsprozess der Sowjetunion ein, den Putin als »größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« bezeichnete. In dieser Bewertung folgen ihm viele Russen: 67 Prozent der Befragten einer aktuellen Umfrage bedauern demnach den Zerfall des Imperiums, darunter auch viele junge Menschen. Mit dem Ende der Sowjetunion verbinden viele Gefühle wie Trauer, Enttäuschung und Verärgerung. Die Staatsführung setzt im Vorfeld der Dumawahlen daher lieber auf einigende Großveranstaltungen wie das Stadtjubiläum von Nischni Nowgorod, welche Stolz und Patriotismus befördern sollen.

Russlands Präsident äußerte sich nur einmal zu dem Putsch von 1991. In dem Dokumentarfilm »Der Fall Sobtschak« (2018) erläuterte Putin die Gründe für seine Kündigung beim sowjetischen Geheimdienst KGB, welche er am zweiten Putschtag, dem 20. August 1991, einreichte. Grund dafür sei ein Demonstrationsaufruf des oppositionellen Leningrader Bürgermeisters Anatoli Sobtschak gewesen, für den er damals arbeitete. Putin habe nicht mehr zwischen den Sicherheitsdiensten und den Demokraten um Jelzin und Sobtschak »hin und her hetzen« wollen.

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