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Probleme angehen, statt nur Löcher stopfen

Kampagne »Schule muss anders« für bessere Lern- und Arbeitsbedingungen

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.

Erst zwei Wochen läuft das neue Schuljahr in Berlin und schon berichten Lehrer von Überlastung und Eltern von Problemen bei der Inklusion ihrer Kinder, erzählt Philipp Dehne. Der ehemalige Lehrer kennt diese Probleme. Dass Lehrkräfte statt gute Bildungs- und Erziehungsarbeit leisten zu können, vor allem einen Missstand verwalten müssten, sei für ihn der Grund gewesen, aus dem Schuldienst auszuscheiden. »Wir müssen aufhören, Löcher zu stopfen und anfangen, grundsätzlich etwas zu ändern«, sagt er als Mitinitiator der Kampagne »Schule muss anders«.

Dahinter stehen nicht nur Lehrer wie Dehne, sondern auch Eltern und Schüler. Gemeinsam haben sie vier Kernforderungen, die Teil des Koalitionsvertrages der neuen Landesregierung sind. Die wichtigste Baustelle ist zweifellos der Lehrermangel. 3000 neue Lehrkräfte bräuchte Berlin jährlich, rechnet Dehne vor. Aktuell werden lediglich 900 ausgebildet. Auch für Erzieher und Sozialarbeiter wird eine Ausbildungsoffensive gefordert.

Für gute Schulen sollen auch andere Berufsgruppen wie Dolmetscher oder Therapeuten dauerhafter Teil des Kollegiums werden, um den Bedürfnissen an Schulen gerecht zu werden. Mit mehr Personal könne auch eine weitere Forderung umgesetzt werden: mehr Zeit für die Schüler. Beziehungsarbeit nennen sie das. Statt Lernfabrik bräuchte es Zeit für Persönlichkeitsbildung und Begleitung bei privaten Problemen der Schüler. Das sei beim aktuellen Unterrichtspensum nicht machbar. Paul Siewert, der im Frühjahr sein Abitur gemacht hat und sich in der Kampagne engagiert, erzählt, dass er sich zu seiner Schulzeit zum Beispiel gewünscht hätte, dass es ein Konzept für regelmäßiges Feedback der Schüler an die Lehrer gegeben hätte. »Das ging schlicht deswegen nicht, weil Lehrer die Zeit dafür gar nicht hatten.«

Aylin Jordan, Mutter von drei schulpflichtigen Kindern, von denen zwei erhöhten Unterstützungsbedarf haben, berichtet, dass es immer wieder Lehrkräfte gebe, die den Personalmangel mit ihrem Engagement ausgleichen. »Da bekommt man gleichzeitig Angst um die Gesundheit der Lehrer«, sagt sie. Der Normalfall sei aber, dass die Zeit für die Schüler fehle. Für ihr Kind mit Lese- und Rechtschreibschwäche habe es viel Druck und Unverständnis gegeben, was zu Schulängsten und Resignation geführt habe. Berichten kann Jordan auch von diskriminierendem Verhalten: »Meine Tochter sagt immer: rassistisch, sexistisch, alles mit -istisch, nur nicht optimistisch sind Lehrer.« Deswegen fordert die Kampagne eine unabhängige Beratungs- und Beschwerdestelle. Diese soll auch Ansprechpartner für Eltern sein, die Kinder mit besonderem Bedarf an eine Förderschule schicken müssen, weil sie trotz Rechtsanspruch keinen Platz an Regelschulen erhalten.

Prinzipiell fänden alle Parteien von Linke bis CDU die Forderungen gut, erzählt Philipp Dehne. Wenn es jedoch konkret wird, gebe es selbst im aktuellen rot-rot-grünen Senat Unterschiede. »Grüne und Linke sagen auch, dass wir einen erhöhten Personalbedarf haben, die SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheeres hingegen, dass wir kein Personalproblem haben, dass Personal nur falsch eingesetzt ist. Da scheint es einen inhaltlichen Dissens zwischen uns und der SPD zu geben«, so Dehne. Auch beim Thema Verbeamtung geht der ehemalige Lehrer auf Distanz zu Scheeres. »Wer den Fachkräftemangel lösen will, muss mehr ausbilden«, sagt er.

Um den Forderungen von »Schule muss anders« Nachdruck zu verleihen, wirbt die Kampagne gerade vielfältig um Unterstützung. So richtet sich eine Unterschriftensammlung an die Beschäftigten an den Berliner Schulen, eine Aktionswoche soll ab Montag dezentral an den Schulen stattfinden. Am 28. August soll demonstriert werden.

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