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und dann gebar sie ein fichtenscheit

Denis Osokin führt seine Leser in die Welt der »kleinen Völker«

  • Lesedauer: 10 Min.

Dieses Buch ist ein seltenes Beispiel dafür, wie umfangreich, überdimensional und poetisch russischsprachige Kurzprosa heute sein kann. Die hier enthaltenen Bücher, so nennt Osokin alle seine Texte, stellen das semantische Kristall der Kunst dar, das sich oft im Bereich der hohen Literatur herausbildet. Von besonderer Bedeutung für Osokins Sprache sind geographische Koordinaten mit nur ihnen innewohnenden Farben, die sich von Buch zu Buch ändern, während eine identische Autorenfigur durch die Landschaften führt. Durch die nordrussischen Sümpfe und Wälder führt der Streifzug durch Menschenwelten, in denen Legenden und deprimierender Alltag, Melancholie und Situationskomik ganz eigen ineinander verwoben sind.

Figuren aus dem Volk der Komi

wör worlön wörlys
wörly wör wörön
wörköd wörtög wörla
wöryn wörys wörö
wörlan wörsjan wöröd
wörti wöröd
der wald des waldes vom wald
dem wald der wald waldwärts
mit wald ohne wald hinterm wald
im wald aus dem wald in den wald
zum wald vom wald durch den wald
durch den wald bis zum wald

ödja lebt am fluss waschka im dorf poschja im rajon udora der republik komi. als ödja zwölf war - entführten sie die wörsy - die walddämonen - das sind die die im wald pfeifen und mit reibeisenstimme singen. das knarzen und knirschen der bäume. das knacken und klagen. alle dorfbewohner auch ödjas eltern waren überzeugt dass ödja dieses unglück und kein anderes zugestoßen war - damals fand man am waldrand ihre kleider und rundherum eine menge tannennadeln. hier hat man sie gepackt und weggeschleppt. sagten die alten frauen. drei jahre später kam ödja aus dem wald - tauchte schweigend am dorfrand auf und ging zu sich nach hause. es heißt nach ein paar tagen habe ödja ein fichtenscheit geboren - das ihr vater auf der stelle in der banja verbrannte, während ödja zur wand gekehrt auf der bank lag. heute ist ödja dreißig - sie lebt allein - keiner hat um sie angehalten - die eltern sind vor langer zeit gestorben - bald nach ödjas rückkehr aus dem wald. als ödja verschwand - haben alle im dorf sie bedauert, beweint, spankörbchen mit piroggen auf baumstümpfe gestellt, damit die hallibolde aus dem wald sie gehen ließen; als ödja zurückkehrte - bekamen sie angst und gaben ihr insgeheim die schuld am frühen tod ihrer eltern. wir aber lieben sie sehr. sehr. wenn wir plötzlich mal von ödja träumen - wachen wir verweint auf. ödja ist nicht groß - ihr haar hell - kurz - unterm weißen tuch. ihre brüste sind so wenig entwickelt - dass man sagen kann sie hat keine. die komi sind ohnehin große schweiger. doch ödja ist im schweigen meisterin. manchmal singt sie - ihre lieder sind einfach:

kötsch kötsch kotörtö

njyw njyw katschajtö

der hase der hase er läuft

die tanne die tanne sie träumt

ödjas speise - sind pilze und pflanzen. tiere isst sie nicht. im sommer badet ödja - und wird von mücken gestochen. im herbst ist es windig - das wasser der waschka wird grau - die vögel rufen - die bäume rauschen besonders laut. im winter sitzt ödja im haus. wenn sie ausgeht - stemmt sie die tür mit der eishacke zu. in dörfern - selbst wenn sie an der waschka, der wym, der mesen liegen - lebt man heute nicht mehr vor sich hin. jeder ist beschäftigt. ödja spielt in poschja nicht die dorfnärrin, die herumstromert und von der hand in den mund lebt. ödja - ist bibliothekarin im club. was für ein club, was gibt es dort für bücher? wer hat sie gesehen außer ödja? dort ist gar nichts außer strengem holzgeruch. wir lieben ödja sehr. wir verschlingen sie mit den augen. uns ist jede minute ihres lebens teuer. das dorf lebt. und ödja - ist keineswegs die hauptfigur darin. poschja - ist ein dorf von hickserinnen und männern mit zahnruinen, die jungmarder von den höchsten zweigen schießen. die hickserinnen plumpsen in pfützen und schreien wie die rohrdommeln. ödja hat eine schon kurios zu nennende wohltuende wirkung auf sie. in ihrer gegenwart beruhigen sich die schreikranken. ödja tut dabei rein gar nichts - steht nur daneben und presst die lippen fest zusammen. die hickserinnen rennen von sich aus zu ödja. wenn sie nicht zu hause ist - laufen sie zu ihr in die bücherei. sie wollen keine bücher - aber sie sind es, die ödja auf der arbeit vor allem sieht. ödja und zwei drei hickserinnen - das ist das übliche bild im lesesaal. wenn die hickserinnen einschlafen - tragen ihre angehörigen sie heim. ungeachtet dessen - hat noch keiner im dorf behauptet, ödja sei eine zauberin. ödja - ist ödja. der schatten der dreijährigen abwesenheit liegt auf ihr - mehr nicht. es versteht sich - dass keiner je mit ödja über diese zeit gesprochen hat. zauberinnen gibt es im dorf. im nachbardorf auch. die eine gräbt in der erde - die andere leckt an der axt - die dritte kobolzt über den baumstumpf. ödja aber - ist ödja. und was ihr vor vielen jahren zustieß - ist zwar selten - aber es kommt vor in dörfern die im sumpf versinken, die von wald und nichts als wald umgeben sind.

wir sehen das komidorf und lauschen den klängen in seinem innern. wir schauen auf die erde - aufs gras - in die augen des getöteten hermelins. eine nach der anderen bauen sich die figuren aus dem volk der komi vor uns auf. der wind weht - die mücke sirrt - wasserringe weiten sich - ödja geht vorsichtig ins wasser und fürchtet sich nicht zu frieren.

ödjas thematik ist für uns - ein roter faden, ausgestreute eschenbeeren: es gibt noch andere - und doch ist sie die einzige. wir sehen die normale ödja: sie geht - sie steht - sie blinzelt - trinkt fruchtsuppe - schläft. durch alles geschehen in poschja hindurch zieht sich ödjas alltäglichkeit. doch beim anblick auch des trivialsten teils dieser alltäglichkeit wissen wir - sagen wir uns - erinnern wir uns dass ödja dämonen berührt haben.

bur mijan ödjanym

radejtam mi tenö

addsysylytöds

süßeste ödja wir

lieben dich

auf wiedersehen

(die entführung von menschen durch walddämonen zum zwecke intimer beziehungen ist bei den komi ein ziemlich populäres motiv. die handlung könnte sich auch an den kleinen zuflüssen der oberen kama im rajon gainy im autonomen kreis der komi-permjaken abspielen. ödja spricht russisch mit starkem akzent. ödja - ist filmstoff.)

goschöm - sommer

der sommer ist vorbei - und manipa hat sich plötzlich aufgehängt - statt in die pilze zu gehen. sowas kommt vor - denn der sommer ist hier was spezielles für die leute. nehmen wir manipa - siebzig jahre hat sie gelebt - jetzt beschimpft man sie als närrin - legt ihr aber leckereien aufs grab. genja hat ihr das vom sommer gesagt - er war betrunken. jetzt läuft er durchs dorf und schwenkt die arme: sei’s drum. sagt er. sei’s drum. der himmel ändert sich hundert mal am tag. es gibt auch den wind - der steht höher als der sommer - doch den lieben nicht alle. hunde rennen am ufer entlang. auf einem strunk eine aalrutte. es ist sehr windig und behaglich.

der sommer ist vorbei - der wind bringt zum weinen - die boote schwarz und nass der sand - der himmel in bewegung - und die hunde gucken.

jeder komi runzelt beim wort sommer die stirn und wischt sich die augen. wenn man einem komi gar sagt, dass der sommer vorbei ist oder dass wir keinen sommer haben - dann kriegt er richtig zustände: haut die axt in die erde und schleppt sich heulend in den wald, steht vom tisch auf und vergräbt sich in sein kissen. in der stadt kann man erleben wie im bus ein gut gekleidetes komi-frauchen in die zeitung schaut, sie plötzlich zusammenknüllt und sich unter lautem weinen zur tür drängt - der fahrer bremst, das frauchen steigt aus, der bus fährt weiter - durchs fenster sieht man wie das frauchen ohne auf den weg zu achten und von schluchzern geschüttelt dahergeht. alle komi im bus - denken voller angst an die zu boden gefallene zeitung - wissen dass dort irgendwo dies ungeheuerliche über den sommer steht.

in vergangenen zeiten sind mehrmals ethnographen an wym und pischma gewesen - und an anderen schmalen trostlosen waldüberwucherten flüssen - und haben dieses phänomen beobachtet. sie kommen in die dörfer, rufen etwas über den sommer - fallen aus allen wolken, schreiben danach artikel. und die leute dort können diesen fieslingen nichts anhaben - alle weinen und bewegen sich wie im traum - der eine steigt ins boot und fährt davon, der andere will sich auf die ethnographen stürzen und sie verprügeln - aber man ruft auch ihm was über den sommer zu. später könnte es natürlich prügel setzen - wenn sich alle ausgeheult haben. aber so kann man der ganzen bevölkerung kummer bereiten und in aller ruhe wieder fortgehen. überhaupt - das ganze ist schon sehr merkwürdig. schlägereien und besäufnisse gibt es hier wie anderswo auch - die männer sterben selten eines natürlichen todes - in den dörfern passieren die ärgsten dinge - und trotzdem gibt es diese sommersache.

manchmal aber zeichnet einer selber in den ufersand »der sommer ist vorbei« - und sitzt allein daneben. sieht er jemanden kommen - springt er auf und zertrampelt die buchstaben. bisweilen schreit ein komi diese worte wütend einem anderen zu - um ihn zu ärgern - und dann weinen die beiden zusammen und sind lange untröstlich. ist das weinen tragisch? - unbedingt - aber anscheinend birgt es auch noch ein geheimnis. bisweilen näht man den satz ja auch in ein beutelchen und trägt es am gürtel oder hängt es seinem kind um den hals - mit der warnung, es nie abzunehmen oder dranzugehen - und es auf keinen fall je aufzutrennen. bisweilen wird er sogar auf eine ikone geschrieben - mit dem füller auf die rückseite. beim tiefen sinn und bei den tränen geht es um viel mehr als um die liebe zum sommer - auch wenn sie im norden sehr speziell ist. sonst könnte man ja einfach »sommer« schreiben oder »sommer sommer«. die liebe zum sommer und die trauer um seinen verlust - das ist nur der augenscheinliche sinn.

es riecht nach farbe. wir haben die petroleumlampe angestrichen und warten jetzt. genja stochert mit dem finger in den gräten auf dem teller und erinnert sich an das gespräch damals - als manipa morgens aus dem fenster guckte, »was ist das nur - es regnet und regnet« sagte, das rote kopftuch umband und zur tür schritt.

- kyttschö mödin?

- gribla.

- no te jobnutöj. tatschöm powoddjayn.

- abu me jobnutöj. a myj nö wötschnysö? regyd i goschömys pomasjas.

- pomasis nin.

- wo gehst du hin?

- in die pilze.

- du hast ja den arsch auf. bei dem wetter.

- ich hab nicht den arsch auf. was soll ich denn machen? bald ist der sommer vorbei.

- der ist schon vorbei.

wir sitzen mit einer halben flasche sprit am ufer - verdünnen ihn mit flusswasser - trinken und gehen baden.

Denis Osokin
Goldammern
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Ciconia Ciconia Verlag
200 S.,geb.,
mit zahlreichen Abb., 25,00 €

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