Werbung

Früher war alles so schlecht wie heute

Jochen Schmidt will in seinem neuen Buch mit Humor die Welt retten – und sich selbst

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 6 Min.

In Ihrem jüngst erschienenen Buch »Ich weiß noch, wie King Kong starb«, arbeiten Sie sich laut Verlag »mit störrischem Humor an den Konventionalitäten des Lebens ab«. Was darf sich der geneigte Neuleser darunter vorstellen?
Das ist eben Werbeprosa, ich beneide keinen darum, die schreiben zu müssen. Man hätte auch abkürzen können: »Schmidts Texte sind die besten!« Das wäre zwar die Wahrheit gewesen, hätte aber arrogant geklungen. Die Texte im Buch wollen mit Humor die Welt retten, also zunächst einmal mich. Ich schreibe nichts, was ich nicht auch einem Publikum vorlesen würde, um es zu unterhalten. Aber dazu muss man wissen, dass ich nicht nur Helge Schneider, Louis C.K., Larry David, Gerd Dudenhöfer, die Olsenbande, Loriot oder alte DEFA-Filme unterhaltsam finde, sondern genauso Kafka, Thomas Mann, Tschechow, George Perec, eine gut geschriebene Grammatik der russischen Sprache oder einen Jahrgang des ND von vor 1989.

Lieber Herr Schmidt, ist es nicht schon genug harte Arbeit zu leben, bis man stirbt?
Ich habe zum Glück einen Beruf, bei dem ich mich bei der Arbeit vom Leben erholen kann, das Problem ist nur, dass diese Arbeit jemand bezahlen muss.

Sie lieben Kinder (haben mehrere gezeugt). Warum?
Sich seinen Kindern wirklich zuzuwenden (wie es frühere, von schwarzer Pädagogik, Prügelschule, Krieg und erniedrigenden Arbeitsverhältnissen geprägte Generationen nicht konnten), sie zu begleiten und von ihnen zu lernen, ist für mich die wichtigste, schwerste und beglückendste Aufgabe, die man für die Gesellschaft leisten kann, es ist nur wie mit jeder Arbeit: es muss sie auch jemand bezahlen.

In Ihren Büchern tauchen immer wieder imaginäre Frauen/Mütter auf, die es gut mit Ihren Helden meinen. Sie stehen für Haferschleim zum Frühstück, geruchslose Kernseife, kratzige Ökopullover und andere Accessoires der sogenannten Gutmenschen. Hatten Sie eine schwere Kindheit?
Dazu muss ich sagen, ich esse jeden Morgen Haferflocken, benutze kein Duschbad mehr (Mikroplastik) sondern Seife. Kleidung für mich kaufe ich, bis auf Laufzeug, fast gar nicht mehr. Die Ökowäsche unserer Kinder stammt von dm und ist fair produziert, sehr angenehm zu tragen, auch noch für die nächsten kleinen Besitzer, die sie, da sie so haltbar ist, erben werden. In meiner DDR-Kindheit benutzte die ganze Familie dasselbe Stück Seife und in die Haferflocken kamen leider noch Rosinen. Ansonsten war meine Kindheit im neu errichteten Plattenbaugebiet großartig: massenhaft Kinder auf etlichen Spielplätzen, auf Baustellen und in den Feldern. Die Probleme kamen erst, als ich auch mal ins Kino oder ins Theater wollte und eine Stunde Anreise ins Stadtzentrum hatte.

Was gefällt Ihnen besonders gut am Älterwerden?
Körperlich bin ich bis jetzt noch gar nicht älter geworden, das kommt dann sicher irgendwann sehr plötzlich. Neulich fiel mir aber auf, wie angenehm mir neuerdings beim Aufsteigen ein von der Sonne aufgeheizter Fahrradsitz ist, das hat vielleicht mit Älterwerden zu tun, aber es ist ja eher ein Gewinn an Lebensfreude.

Was geht ab in Brandenburgs versteppten Wiesen und Wäldern? Was finden Sie gut am Sommer auf dem Land?
Dass man für die Anreise nicht fliegen muss.

Als aufgeweckter Erdenwurm hat man mitunter den Eindruck, dass unsere lieben Mitbürger in Ostdeutschland bei jeder Art Verschwörung und Schwurbelei mittenmang sind...
Ich glaube, darüber wird bei uns, wenn es den Osten betrifft, nur intensiver berichtet - was natürlich auch eine Verschwörungstheorie sein könnte. Die deutsche Teilung war eine Folge des Zweiten Weltkriegs, und bis heute sind selbst aufgeschlossene Westdeutsche selten in der Lage, das Leben in der DDR und den harten Umbruch danach zu verstehen oder auch nur verstehen zu wollen. Hier hat man Verwerfungen hinter sich, über die dort erst jetzt, seit sie auch den Westen betreffen, gejammert wird.

In Ihrem jüngst erschienenen Buch vermitteln Sie den Eindruck, früher sei alles genauso schlecht wie heute gewesen. Ist das Leben für Sie eine schreckliche Komödie?
Ob schrecklich oder schön, das sind alles Bewertungen, die unseren Geist und Körper lähmen und daran hindern, die Gegenwart wahrzunehmen und zu genießen. Ich entwickle mich da zu einem aufgeklärten Buddhismus hin.

Wie man hört, spielen Sie Fußball und joggen gern durch Betonwüsten?
Ich habe tatsächlich Bücher über Fußball und das Laufen geschrieben. Das eine bringt Gesellschaft und das andere geht überall und allein. Je »hässlicher« die Gegend, umso intensiver erlebe ich sie beim Joggen, gerade Stadtränder und Betonwüsten. Die gibt es übrigens auch auf dem Land, in Gestalt von Parkplätzen vor Einkaufsmärkten.

Wofür stehen Prenzl’berg und Prenzlauer Berg?
Für viele Vorurteile, sowohl über den Prenzlauer Berg (wie er früher hieß), als auch in den Köpfen seiner heutigen Bewohner.

Mietenwucher, Fucking AfD, Hohenzollernaufstand, braucht es nicht langsam eine Revolution, um die Eine oder den Anderen womöglich einen Kopf kürzer zu machen?
Nein, das geht alles im Rahmen des Grundgesetzes auf dem Weg der demokratischen Willensbildung. Wenn man daran nicht mehr glaubt, lässt man sich schnell vom Zynismus verführen.

In Ihrem letzten Roman schickten Sie den drittklassigen Architekten Otto Kwant ganz weit nach Osten ins bizarre Urfustan. Was inspiriert Sie an postsowjetischen »Schurkenstaaten«?
Die gemeinsame Geschichte, die Spuren der sozialistischen Vergangenheit, der wesentlich brutalere Kapitalismus, von dem wir bei uns fleißig profitieren, ohne uns deswegen als Schurken zu bezeichnen.

Werden Sie im Herbst zur Wahlurne schreiten und welche Kandidatinnen empfehlen Sie?
Selbstverständlich gehe ich wählen, und für wen man stimmt, ergibt sich, angesichts der Probleme, vor denen die Menschheit und damit auch Deutschland steht, ja wie immer ganz von selbst.

»Eine Nasenlänge vor den Pinkertons«. Die Schriftstellerin und Aktivistin Marge Piercy über ihr Leben, ihr Werk und die Politik

Verraten Sie uns zum Abschluss ihren Lieblingswitz.
»Mariechen, hast du dich verschluckt?«
»Nein, ich bin noch da …«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung