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Kein Verstecken mehr

Die 14-jährige Schwimmerin Husnah Kukundakwe will Vorbild für behinderte Menschen in Uganda werden

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich hab schon zu meiner Mutter gesagt«, fängt die Heranwachsende zu erzählen an: »Ich brauche keine Medaille. Hier zu sein, ist schon unglaublich. Seit ich ins Athletendorf eingezogen bin, fühle ich mich, als hätte ich alles erreicht.« Neue Freundschaften wolle Husnah Kukundakwe unter den Athletinnen und Athleten schließen. In der Kantine und draußen auf dem Hof im Athletendorf traue sie sich ab und zu schon, jemanden von den Erwachsenen anzusprechen. »Ich will hier einfach Spaß haben«, sagt die 14-Jährige.

Beim ersten Hinhören klingen die Worte nicht nach denen einer Teenagerin. Anstatt bei der weltweit größten Behindertensportveranstaltung die Welt erobern zu wollen, stapelt Husnah Kukundakwe lieber tief. Die Schwimmerin, die ohne einen rechten Unterarm und mit einer Fehlbildung der linken Hand zur Welt kam, hat in ihrer Heimat Uganda gerade erst die High School begonnen. Bei den Paralympischen Spielen von Tokio ist sie die jüngste Teilnehmerin von allen.

Allerdings lässt sich schon jetzt erahnen, dass Husnah Kukundakwe eine große Karriere bevorstehen könnte. Ihr Debüt auf der internationalen Bühne gab sie bereits vor zwei Jahren bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in London. Auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) sieht in ihr offenbar großes Potenzial. Auf einer Pressekonferenz kurz vor der Eröffnungsfeier, wo einige herausragende Persönlichkeiten dieser Spiele vorgestellt werden sollten, gehörte Kukundakwe zur illustren Auswahl.

Bei ihr sitzen der Weitspringer Markus Rehm, der weiter fliegen kann als jeder olympische Athlet sowie die mexikanische Serienweltrekordhalterin im Gewichtheben Amalia Pérez. Auch die Japanerin Shoka Ota, die schon bei den Winterspielen im Skifahren Medaillen gewann und nun an der paralympischen Premiere von Taekwondo teilnimmt, ist anwesend. Dazu noch der US-Amerikaner Matt Stutzman, ein im Parasport bekannter Bogenschütze, sowie die Goldmedaillengewinnerin im Fechten, Bebe Vio aus Italien. Beide sind Protagonisten in der weltweit ausgestrahlten Netflix-Dokumentation »Rising Phoenix« über den Behindertensport. »Es kommt mir vor, als würde ich Filmstars treffen«, sagt Husnah Kukundakwe, die zwischen Stutzman und Vio sitzt, und muss über sich lachen. »Da habe ich natürlich schon ein Selfie, als Beweis gemacht.«

Auch wenn Stutzman und Vio keine Schwimmer sind wie die junge Frau aus Uganda, seien sie für Kukundakwe doch eine Inspiration gewesen, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. »Der Sport und solche Vorbilder haben mir dabei geholfen, dass ich meine Hand nicht mehr verstecken will. Mir ist es jetzt egal, wie mich andere Leute sehen.«

Dabei ist die 14-Jährige offenbar selbst schon zur Inspirationsquelle für andere geworden. In der Schule in ihrer Heimat Kampala, der Hauptstadt von Uganda, wurde sie seit der WM-Teilnahme in London so etwas wie eine Berühmtheit. Als sie 2019 von ihrem ersten großen Turnier nach Hause zurückkehrte, wurde sie plötzlich von fremden Personen angesprochen. »Leute, die ich noch nie gesehen hatte, sagten: ›Hi! Ich hab dich im Fernsehen gesehen. Du bist so cool!‹« Für Kukundakwe, die sich zuvor oft uncool gefunden hatte, hat sich durch den Sport die Welt verändert.

Und vielleicht nicht nur für sie. »In Uganda gibt es nur wenige Menschen, die eine Behinderung haben und das auch zeigen«, sagt Kukundakwe, die ohne das Schwimmen, so sagt sie selbst, wohl nie ihre Liebe zum eigenen Körper entwickelt hätte. Das will sie auch anderen vermitteln, nur haben eben nicht viele Behinderte in Uganda ähnliche Erfahrungen gemacht. Husnah Kukundakwe ist erst die zweite Schwimmerin aus Uganda, die an den Paralympics teilnimmt und die erste seit mehr als 20 Jahren. Insgesamt sind in Tokio nur drei weitere Athleten aus dem ostafrikanischen Entwicklungsland dabei.

Generell gilt: Wegen der hohen Kosten für die Ausrüstung sind ärmere Länder bei Paralympischen Spielen chronisch unterrepräsentiert. Dies wiederum ist ein Thema, bei dem sich auch die junge Husnah Kukundakwe schon klare Aussagen zutraut. »Schwimmen ist teuer, wie andere Sportarten ja auch. Meine Eltern mussten finanziell sehr kämpfen, damit wir den Eintritt in ein gutes Schwimmbad und einen guten Trainer bezahlen konnten.« Für Reisen zu Turnieren habe sie schon Stipendien von Stiftungen erhalten. Aber langfristiges Trainieren und Planen sei auf diese Weise schwierig.

Vom Staat bekam sie offensichtlich kaum etwas. »Ich finde, Regierungen in allen Ländern sollten uns Parasportler unterstützen. Es fühlt sich sonst einfach nicht gerecht an.« In Zukunft würde Husnah Kukundakwe mit ihrer Familie gern selbst eine Stiftung gründen, die Parasportler unterstützt. Aber damit das möglich ist, muss sie erst mal selbst einige Erfolge einfahren. Am Donnerstag könnte sie den Grundstein dafür legen. Dann startet Husnah Kukundakwe über 100 Meter Brust.

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