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Was bleibt von »Tokyo 2020«?

Trotz Pandemie haben die Paralympics ihren jahrzehntelangen Wachstumskurs fortsetzen können

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Japaner Shingo Kunieda feiert nach seinem Sieg im Rollstuhltennis-Einzel der Herren im Ariake Tennis Park in Tokio
Der Japaner Shingo Kunieda feiert nach seinem Sieg im Rollstuhltennis-Einzel der Herren im Ariake Tennis Park in Tokio

So beliebt waren die Paralympischen Spiele nie zuvor: Mindestens 4,25 Milliarden Menschen in rund 150 Ländern haben die größte Behindertensportveranstaltung der Welt im TV gesehen. Auch mit den ungefähr 4400 Sportlerinnen und Sportlern, die nach Tokio reisten, wurde ein Rekord erreicht. Trotz Pandemie haben die Paralympics ihren jahrzehntelangen Wachstumskurs fortgesetzt.

Und das in Japan, das bisher nicht gerade als Hochburg des Parasports bekannt war. Im ostasiatischen Land sollten die Paralympics nicht zuletzt für mehr Wertschätzung von Diversität sorgen. Die Barrierefreiheit sollte verbessert und die Sichtbarkeit von Menschen mit einer Behinderung erhöht werden. Bevor die Pandemie die Welt eroberte und bald der Ausschluss von Zuschauern verkündet wurde, hatte Tokio barrierefreie Hotels gebaut sowie in Aufzüge an U-Bahnstationen investiert.

Auch die Öffentlichkeit blickte über die letzten Monate vermehrt auf Diversität. Mit der Animesendung »Anipara«, in der coole Protagonisten einem jungen Publikum den Parasport erklären, hat Japans öffentlicher Rundfunksender NHK einen Beitrag geleistet. Während der Spiele übertrug NHK dann rund 600 Stunden Livesport – ein historischer Rekord für ein Gastgeberland. Und im Studio saßen viele Experten mit diversen Behinderungen.

Ein großer Erfolg also? Das Internationale Paralympische Komitee (IPC)sowie das lokale Organisationskomitee haben das immer wieder betont. Kritiker sehen es anders. »So, wie die Spiele im TV präsentiert wurden, war es in großen Teilen emotionale Pornografie«, sagt etwa Hiroki Ogasawara, Soziologieprofessor an der Universität Kobe und im Land einer der bekanntesten Kritiker von »Tokyo 2020«: »Die Athleten wurden mit ihren persönlichen Geschichten angereichert. Das war zu viel Storytelling, der Sport stand selten im Mittelpunkt.«

Tatsächlich wurden auch vom IPC immer wieder individuellen Tragödien der Athleten betont, die Berichterstattung in Japan betonte dann wiederum das »Trotzdem« in diesen Geschichten. »Sieh hin, sogar die können das! Dann kannst du das auch!« So lautete Ogasawara zufolge die unmissverständliche Botschaft ans Publikum. »Aber natürlich können die Athleten das besser als wir Zuschauer. Sie sind Athleten!«

Durch den voyeuristischen Aspekt in der Inszenierung der Paralympics bestehe im Vergleich zu den Olympischen Spielen noch ein weiterer Unterschied, meint Ogasawara. Es ist quasi eine ironische Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte: »Die Paralympics werden so auf eine Weise zum Idealbild der Olympischen Spiele. Plötzlich sind die Medaillen gar nicht mehr so wichtig, stattdessen geht es ums Dabeisein.« Bei Olympia hingegen, wo mehr Sponsorengeld im Spiel ist, gehe es dagegen vielmehr ums Gold.

Jene vermeintliche Reinheit, die die Paralympics auszeichnet, sollte in diesem Sommer auch dem angekratzten Image der Olympischen Spiele helfen. Die Ablehnung gegenüber der Austragung inmitten der Pandemie war vor den Olympischen Spielen groß. An den Paralympics gab es anfangs weniger Kritik. Aber das änderte sich bald. Denn die Infektionsquote unter den Teilnehmern der Paralympics war schon zur Halbzeit in etwa so hoch wie bei den Olympischen Spielen zum Ende. Wie dicht jene Blasen, die die Teilnehmer der Sportveranstaltungen von der japanischen Bevölkerung isolieren sollten, wirklich gewesen sind, ist weiter umstritten. Jedenfalls hat sich die Pandemielage in Japan deutlich verschärft. Die 7-Tage-Inzidenz hat sich in den letzten sechs Wochen auf 116 mehr als vervierfacht.

Kurz vor dem Start der Paralympics machte der Fall einer hochschwangeren Frau Schlagzeilen, die wegen der Krankenhausüberlastung wieder nach Hause geschickt worden war, wo ihr Kind bei der Geburt verstarb. Am vergangenen Donnerstag wurde dann ein mit Covid-19 infizierter Paralympics-Athlet – offiziell ohne schwere Symptome – ins Krankenhaus eingeliefert. In Japan war die Aufregung darüber groß. Schließlich hatte Premierminister Yoshihide Suga einen Monat früher verkündet, es würden nur noch Patienten mit schweren Covid-Symptomen in die Krankenhäuser aufgenommen. Außerdem wurde stets betont, die Olympischen und Paralympischen Spiele würden auf keinen Fall das japanische Gesundheitssystem belasten. Dass dann dennoch ein Athlet ohne schwere Symptome in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, offenbarte das Gegenteil.

Solche Sonderregeln und Widersprüche haben dazu beigetragen, dass sich die Olympischen und Paralympischen Spiele in Japan bei Vertretern jeder politischen Couleur Feinde gemacht haben. Es sind nicht nur Kapitalismuskritiker wie Hiroki Ogasawara, die sich beschweren. Auch die konservative Politikkommentatorin Lully Miura, die eigentlich für die Veranstaltung war, äußert nun Zweifel: »Ich habe eigentlich nichts gegen extravagante Veranstaltungen«, sagte Miura in einem Gespräch. »Aber die Organisatoren müssen sich schon zurückhalten.«

Dass zum Beispiel der IOC-Präsident Bach ins Land kam und dann in einer Präsidenten-Suite eines Luxushotels untergebracht wurde, sei unangemessen gewesen. Tatsächlich stand dies inmitten der Pandemie sinnbildlich für Extrawürste, die sich Sportfunktionäre reservieren. Auch Bachs rein symbolische Reise ins 800 Kilometer von Tokio entfernte Hiroshima kurz nach seiner Ankunft in Japan, wurde von allen Seiten scharf kritisiert. »Solche und ähnliche Sachen kamen den ganzen Sommer über mehrfach vor«, so Miura. »Dann kann ich mir vorstellen, dass die öffentliche Unterstützung für die Veranstaltung irgendwann schwindet.«

Nach den Olympischen und Paralympischen Spielen von Tokio, die voll von Kontroversen waren, will sich nun die nordjapanische Metropole Sapporo um die Winterspiele 2030 bemühen. Das IOC hat vor zwei Jahren angekündigt, dass in Zukunft auch ein positives Volksvotum zu den Bewerbungsunterlagen gehören soll. Sofern sich IOC und IPC an diese Ankündigungen halten, ist ungewiss, ob die japanische Bevölkerung so bald nach »Tokyo 2020« schon ein »Sapporo 2030« will.

Die Nachrichtenagentur Kyodo schrieb zuletzt jedenfalls: »In Japan könnten die Spiele öffentlichen Zuspruch verlieren.« Denn »Tokyo 2020« war nicht nur gesundheitspolitisch ein heikles Unterfangen. Nach Berechnungen des Ökonomieprofessors Katsuhiro Miyamoto hat die Veranstaltung auch ein Defizit in Höhe von rund 18 Milliarden Euro erwirtschaftet. Am Freitag, noch während der Paralympischen Spiele, kündigte dann Premierminister Yoshihide Suga seinen Rückzug aus der Regierung an. Inmitten der Pandemie hat ihn dieser Sportsommer nicht beliebter gemacht.

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