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Vermeidbare Infektionen

Kassen-Report fordert höhere Anstrengungen bei der Krankenhaushygiene

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Krankenhaus ist alles sicher und sauber, hoffen die Patienten. Vom Grundsatz her stimmt das, aber dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich in einer Klinik eine sogenannte nosokomiale Infektion holen - zusätzlich zu der Krankheit, wegen der sie eigentlich aufgenommen wurden. Durchschnittlich sind das mehr als fünf Prozent der insgesamt behandelten Patienten, also etwa 600 000 pro Jahr, von denen wiederum bis zu 15 000 an der Infektion versterben. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich diese Situation noch verschärft, wie es im neuen Krankenhausreport der Barmer heißt. Die Kasse stellte ihre Befunde am Mittwoch in Berlin vor. Danach waren schon bis Ende 2020 deutschlandweit noch einmal zusätzlich 34 000 Menschen infiziert worden, 1300 weitere Todesfälle wurden in diesem Zusammenhang erfasst. Das ist besonders unerfreulich, weil sich laut Experten ein Drittel dieser Infektionen vermeiden ließe.

Als Ursache wird zunächst das große Spektrum der sogenannten Krankenhauskeime benannt: Angefangen bei den weitverbreiteten Staphylokokken, darunter Staphylococcus aureus, der goldgelben Eiter verursacht und zu den am meisten gefürchteten Bakterienarten in Krankenhäusern gehört. Einerseits sind diese und andere Bakterien normale Besiedler von Haut und Schleimhäuten, am falschen Platz können sie zu Lungen- oder Hirnhautentzündungen führen oder sogar zu einer lebensbedrohlichen Sepsis. Zu den in Kliniken auffälligen »Keimen« gehören neben Bakterien auch Viren und Pilze.

Es sind jedoch nicht diese Erreger allein, die das Problem machen, sondern die besonderen Bedingungen im Krankenhaus. Denn dort treffen sie auf bereits geschwächte Menschen, deren Immunsystem bereits versagt hat oder im Zuge bestimmter Therapien unterdrückt wird. 2020 kam hinzu, dass unter den stationär versorgten Patienten ein höherer Anteil an schweren Fällen war, die noch einmal besonders verletzlich sind. Geringere Besucherzahlen und neue Standards beim Tragen von Schutzmasken und der Händehygiene auch für Angehörige der Patienten allein konnten aber unter dem Strich viele Infektionen dann doch nicht verhindern.

Wie aus dem Report hervorgeht, kam es in den Jahren 2017 bis 2019 durchschnittlich in rund 5,6 Prozent der Krankenhausfälle zu einer nosokomialen Infektion. Dafür wurde eine Stichprobe von fünf Millionen Fällen verwendet. Unmittelbar zu Beginn der Pandemie stieg dieser Wert auf 6,8 Prozent an, was einem Zuwachs von über 20 Prozent binnen weniger Wochen entspricht. Selbst wenn man die veränderte Patientenstruktur berücksichtige, zeige sich weiterhin ein Anstieg des Infektionsgeschehens um fast zehn Prozent in der ersten Pandemiewelle und um 17,5 Prozent in der zweiten Welle bis Ende des vergangenen Jahres, wie Boris Augurzky erklärte. Der Autor des Krankenhausreports leitet den Kompetenzbereich »Gesundheit« am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

Durch die wegen Covid-19 gestiegenen Anforderungen an Pflegende und Ärzte wuchs deren Arbeitsbelastung noch mehr. »Das soll keine Schuldzuweisung an das Personal sein«, betonte Barmer-Vorstand Christoph Straub mehrmals. »Das System hat sich unter Last nicht ausreichend robust gezeigt.« Deshalb sei es weiter notwendig, Hygienestandards und Prozesse zu verbessern, Wissen zugänglich zu machen und Abläufe zu üben. »Nötig sind auch Investitionen, bei denen die Bundesländer in der Pflicht sind, etwa für Schleusen oder Isolierstationen.«

Seit 2013 gibt es ein von den Krankenkassen finanziertes Hygienesonderprogramm für die Kliniken, in das bereits über 500 Millionen Euro geflossen sind - für zusätzliche Fachkräfte und Schulungen zum Beispiel. Inzwischen können diese Mittel aber durch die Festlegung von Fallwerten pauschal auch anderswo als in Hygienemaßnahmen zum Einsatz kommen, kritisierte Straub. Um die Situation zu verbessern, fordert die Barmer nun einen Masterplan Krankenhaushygiene. Damit soll die Datengrundlage zum Infektionsgeschehen gestärkt werden. Die Ansteckungen in den Kliniken sollen verpflichtend und flächendeckend erfasst werden, einschließlich Laborbefund mit Erregertyp und dessen Resistenz.

Bei der Widerstandsfähigkeit gegen vorhandene Antibiotika lauert nämlich die nächste Falle: Viele der Krankenhauskeime halten sich hartnäckig vor Ort, unter anderem etwa in den Nasenschleimhäuten des (ansonsten gesunden) Personals, wie Studien zeigen. Auf den Druck von Reinigungsmitteln und Antibiotika hin haben die Erreger sich angepasst. Gegen manche Bakterien helfen dann nur noch Reserveantibiotika, besonders starke Mittel als letzte Verteidigungslinie der Medizin. Diese wiederum haben Nebenwirkungen bis hin zur Schädigung etwa der Nieren. Dieses Dilemma kann über Leben und Tod entscheiden, wie auch die Fallzahlen zeigen.

Dabei ist es nicht etwa billiger für die Krankenhäuser, bei der Hygiene nachzulassen. Durch die Folgen der nosokomialen Infektionen entstehen in Deutschland pro Jahr Zusatzkosten von 1,5 Milliarden Euro.

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