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Sexismus, Übergriffe und Mackertum in linken Strukturen

Eine Antwort auf die Kolumne von Jeja Klein über den Umgang mit dem mutmaßlichen sexuellen Übergriff bei »Deutsche Wohnen & Co enteignen«

  • Von Kathrin Niedermoser
  • Lesedauer: 6 Min.

Linke Strukturen seien für Frauen sehr gefährliche Orte. Den Eindruck bekommt man, folgt man den Ausführungen von Jeja Klein, über den Umgang mit einem mutmaßlichen sexuellen Übergriff bei der Initiative »Deutsche Wohnen & Co enteignen«. Einem ehemaligen Sprecher des Bündnisses wurde ein Sexualdelikt vorgeworfen. Der Beschuldigte weist den Vorwurf zurück, auch die Initiative hat sich dazu geäußert.

In linken Strukturen herrsche sowohl ein »ständiger Krieg« gegen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen als auch »in uns allen angelegte Täterschutzreflexe«, schreibt Jeja Klein. Diese Aussagen entbehren jeglicher Grundlage und tragen nicht dazu bei, Vorfälle von sexueller Belästigung oder sexueller Gewalt, die es innerhalb linker Strukturen zweifelsohne gibt, zu verhindern oder aufzuarbeiten.

Mit vermeintlich radikalen Worten wischt Jeja Klein Errungenschaften von Generationen von Frauen gegen Sexismus, Übergriffe und Mackertum in linken Strukturen einfach mal so beiseite. Die Grundessenz ihrer Argumentation ist eine unmaterialistische und ahistorische Generalisierung, die der Verfasstheit von linken Strukturen und deren Umgang mit Sexismus und sexuellen Übergriffen in den eigenen Reihen keinesfalls gerecht wird.

Das Bündnis »Deutsche Wohnen & Co enteignen« (DWE) ist wohl in eine ähnliche Falle getappt.

Ganz so, als ob es nicht schon seit Jahren massive Kritik am Definitionsmacht-Konzept (Defma) gibt, nicht zuletzt aus autonomen und radikal-feministischen Kreisen, wo dieses Konzept seinen Ursprung hat, wurde Defma im Kontext der Kampagne reflexartig angewendet. Den Vorwürfen der Frau ist unhinterfragt zu glauben, der Mann wird nicht angehört, muss die Kampagne verlassen und wird aus allen Verteilern gelöscht. Zudem soll nicht mehr weiter über den Vorfall gesprochen werden. Die Warnungen vieler Aktivist*innen vor den polarisierenden und zerstörerischen Eigendynamiken des Defma-Konzeptes und den vielen negativen Erfahrungen, die es in linken Strukturen mit der Anwendung dieses »Verfahrens« gibt, wurden ignoriert.

Ob es dem Opferschutz tatsächlich dienlich ist, dass sexuelle Übergriffe tabuisiert werden, ist fraglich. Ebenso, ob die von Jeja Klein attestierte »Überforderung im Umgang mit sexueller Gewalt« durch Schweigen gelingen kann. Nicht zuletzt, weil das in der Realität dazu führt, dass hinter vorgehaltener Hand spekuliert, verharmlost oder übertrieben wird.

Das Definitionsmacht-Konzept wirkt auf den ersten Blick radikal und somit für viele attraktiv. Tatsächlich liegt die Radikalität dessen jedoch ausschließlich darin, dass es autoritär ist. Kritik am Konzept oder das Hinterfragen der Vorgehensweise werden umgehend als Täterschutz diffamiert. Dass sich eine kleine Szene-Gruppe herausnimmt, den einzig richtigen Umgang mit dem Vorwurf einer sexualisierten Belästigung festzulegen und alles andere als nicht links und antifeministisch abstempelt, zeugt zudem von einer autoritär-elitären Grundhaltung. So waren Informationen über den Vorwurf und die »Legitimation«, wer darüber sprechen darf und wer nicht von Anfang an asymmetrisch verteilt. Ein transparenter und demokratischer Umgang mit dem Vorwurf musste erst hart erkämpft werden. Bis heute wurden die Aktivist*innen der Kampagne nie sachlich über den vermeintlichen Tathergang und den Vorwurf aufgeklärt.

Dass es innerhalb linker Strukturen aller Traditionen, in linken Parteien, Gewerkschaften und NGOs zahlreiche Verfahrensweisen jenseits von Defma und Erfahrungen im Umgang mit solchen Vorwürfen beziehungsweise Vorfällen gibt, wurde durch eine kleine Gruppe, die hier das Heft des Handelns an sich riss, schlichtweg ignoriert.

Wochenlange Bemühungen ein transformatives Verfahren im Sinne einer »transformative justice« als Alternative zu Defma zu entwickeln, wurden letztendlich durch eine abgekartete Mehrheit im Plenum zunichte gemacht. Es standen weder die Parteilichkeit, die Solidarität oder ein einzurichtender Schutzraum für die betroffene Frau in Frage. Dazu bestand in der Kampagne Einigkeit. Dissens gab es darüber, ob bis zur Untersuchung durch die einzurichtende Kommission die Unschuldsvermutung für den Beschuldigten gelte. Befürworter*innen des Defma-Konzeptes, konnten diese beiden Prinzipien nicht nebeneinander stehen lassen und stellten sie unversöhnlich zur Wahl. Dass der Beschuldigte nun, nicht an einem Verfahren teilnehmen will, da durch die Festlegung des Verfahrens bereits eine Vorverurteilung stattgefunden hat, ist nicht verwunderlich.

Bei genauerer Betrachtung und vor allem dann, wenn man die Kampagne von innen kennt, kommt man vielleicht auch zu dem Schluss, dass dieser Konflikt eine Verdichtung von diversen Konflikten war, die in den letzten Monaten vor sich hinköchelten. Der Beschuldigte stand oft in der Kritik. Der »alte weiße Mann« war einigen zu oft in den Medien. Dabei ging es kaum um Inhalte, sondern um die Eigenschaften »alt« und »weiß«. Dies soll kein Einfallstor für Verschwörungstheorien bieten, aber das hier auch einige alte Rechnungen gleich mit beglichen wurden, ist kaum von der Hand zu weisen.

Wenn Jeja Klein linke Gruppen mit einem »Freund*innenkreis« vergleicht, wo man sich aussuchen kann, mit wem man an einem Tisch sitzt, mag das für so manche homogene, meist akademisierte Kleingruppe zutreffen, DWE war das aber zu keinem Zeitpunkt. Und genau darin lag auch die Stärke dieser Kampagne. Es war gelungen, eine Bürger*inneninitiative auf die Beine zu stellen, die weit über die »linke Blase« hinaus auf Resonanz stieß und deren Zusammensetzung sehr heterogen war. Dass Aktivist*innen aus oben genannten Kleingruppen immer wieder die eigenen identitätspolitischen Themen nach vorne bringen wollten, sorgte für Unverständnis, Konflikte und Widersprüche.

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Die Anwendung des Defma-Konzeptes und all die Konflikte, die darüber innerhalb von DWE entstanden sind, müssen jedenfalls auch vor diesem Hintergrund gesehen werden. So gab es in der Kampagne nicht wenige Aktivist*innen, die es als zwischenmenschliche Selbstverständlichkeit ansahen, dass eine Person, die mit einem Vorwurf konfrontiert ist, dazu auch Stellung nehmen können müsste. Diese an sich vernünftige Grundhaltung kollidierte jedoch mit einem identitätspolitischen Selbstverständnis, sodass ein möglicher Kompromiss und die Einheit der Kampagne der eigenen Szene-Pietät geopfert wurden.

Letztlich hat sich in der Kampagne ein Konflikt reproduziert, der aktuell viele linke Strukturen beschäftigt. Dieser Umstand muss in die Analyse und Aufarbeitung einbezogen werden. Abstrakte vom Balkon herab verkündete Parolen, helfen dabei ebenso wenig, wie ein Politikverständnis, das ausschließlich aus der ersten Person heraus formuliert wird und deshalb keine kollektiven und schon gar keine gesellschaftsverändernden Strategien und Perspektiven entwickeln kann.

Die Autorin ist Aktivistin der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co enteignen«.

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