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Der Antisemit in mir

Jeja nervt: Nemi El-Hassan sollte offener über sich sprechen

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Journalistin Nemi El-Hassan nahm 2014, im Alter von 20 Jahren, am antisemitischen Al-Quds-Marsch teil. Das prangerten die Zeitungen der Springer-Gruppe an, als bekannt wurde, dass El-Hassan die Wissenschaftssendung »Quarks« moderieren sollte. Im »Spiegel« (Onlineausgabe) ist am Donnerstag ein Interview mit ihr erschienen, das vielfach als gute Entschuldigung rezipiert worden ist.

Mir aber reichen die Passagen nicht, in denen sie sich nur äußerlich von diesem und jenem distanziert, Antisemitismus »verurteilt« und ihre Scham für ihr früheres, jüngeres Ich betont – nicht wegen Antisemitismus, sondern wegen angeblicher Uninformiertheit. Ich halte ihre Erzählung für eine Opferinszenierung, die an genau das anschließt, was sie auch früher vertreten hat: eine undifferenzierte und einseitige Betonung des Opferstatus von Muslimen, denen die »islamophobe« Mehrheit nicht über den Weg traue. Antisemitismus und verschwörungsideologische Weltbilder aber leben von solchen Opferdiskursen.

El-Hassan bekennt sich an keiner Stelle dazu, früher antisemitisch eingestellt gewesen zu sein. Vielmehr präsentiert sie sich als eine damals ahnungslose Jugendliche, die sie dann mit Sätzen wie »Ich habe mit 15 keinen Bericht des Verfassungsschutzes gelesen« verteidigen kann. Im Ernst? Dazu passt, dass sie in einer ersten Reaktion betont hatte, auf dem Marsch aber keine Jüd*innen geschlagen zu haben. Es entsteht der Eindruck, dass sie Antisemitismus vor allem für eine Art Laster, für einen individuellen Fehler hält, nicht aber (unter anderem) für ein kulturell tradiertes Narrativ, das im Zweifelsfall die moralische Verantwortung gerade von Jugendlichen übersteigt.

Man muss sich nicht dafür schämen, als Jugendliche in antisemitischen Kreisen mit Antisemitismus geimpft worden zu sein. In meiner »unpolitischen«, deutsch-deutschen Familie zirkulierten ebenfalls antisemitische Erzählungen, etwa vom legendären Geldschatz, auf dem Jüd*innen sitzen sollten. Meine viel zu frühe Beschäftigung mit der Shoah kippte mit Beginn meiner linken Politisierung, dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg 2003, in Wut auf Israel und die USA – praktisch für einen jugendlichen Menschen, der von verwirrenden Gefühlen zu Genozid, Verantwortung und Schuld ergriffen war und es nun mit der eigenen Politisierung so viel besser machen wollte.

Im Internet las ich Verschwörungstheorien und konfrontierte meine Mutter mit kruden Fantasien darüber, wie die Amerikaner*innen gerade unschuldige afghanische Qaida-Leute jagen würden, ohne zu ahnen, dass ihre eigene Regierung die Türme abgerissen hätte. Anlässlich des Libanonkrieges 2006 ging ich mit den hängengebliebendsten Leuten zu einer wütenden Spontandemonstration auf die Straße, die Kufiyeh kämpferisch um den Hals gewickelt.

Allein: Ich habe mich von diesen Dingen nicht einfach »distanziert« oder, wie El-Hassan es angibt, erst keine Ahnung gehabt, dann aber auf einer Reise nicht-rassistische, jüdische Israelis kennengelernt. Das Privileg hatte ich nicht, auch aufgrund der Provinzialität und Armut meiner Familie. Ich habe mich stattdessen irgendwann inhaltlich damit beschäftigt, was Antisemitismus ist, durch welche weltlichen Mechanismen er entsteht und in welchen Gefühlswelten er sich einnistet – nicht nur bei irgendwelchen Nazis, die wir Linken so gern als Feigenblatt dafür benutzen, selber überhaupt nicht antisemitisch sein zu können.

Der Hass auf Israel, in mir war er eine Strategie, mein jugendliches, ohnmächtiges Gefühl selbstwirksam gegen die schwer begreifliche, kapitalistisch vermittelte Bewegung der Menschheitsgeschichte zu verteidigen, die es aber doch gerade gedanklich zu durchdringen galt. Je mehr mir das gelang, desto weniger war ich auf Spekulationen über blutige israelisch-amerikanische Komplotte angewiesen.

Mich hingegen rein äußerlich »gegen Antisemitismus« auszusprechen oder davon zu »distanzieren«, das war eher der Entwicklungsstand meines jugendlichen Ichs selber gewesen. Warum schützt El-Hassan also ihre angeblich verdrängte, persönliche Geschichte, wenn sie mit einem echten Einblick in ihren Werdegang so wertvolle Aufklärung zum Antisemitismus leisten könnte?

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