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Ideologie und Ellenbogen

»Deutsche Wechseljahre«: Michael Hametner beklagt die Spaltung auf dem Gebiet der Künste

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

Die DDR ist der BRD beigetreten. Das West-System wurde den Menschen im Osten übergestülpt, nachdem sie sich per Wahl 1990 dafür entschieden hatten. Nun kann man einwenden, dass diese Wahl von außen beeinflusst war, wie Daniela Dahn und Rainer Mausfeld jüngst in ihrem Buch »Tam Tam und Tabu« akribisch nachgewiesen haben. Dennoch waren es persönliche Entscheidungen, die Künftigem den Boden bereiteten.

Dieser Systemwechsel hat DDR-Bürger sozusagen zu Neuankömmlingen gemacht, die sich im anderen Staat zu orientieren hatten. Damals habe er seine Berufung darin gesehen, »dem Osten die Schriftsteller aus dem Westen bekannt zu machen«, schreibt Michael Hametner. »Hätten meine Westkollegen im Nachbarressort dafür ihre Entdeckung von Ostautoren zum Thema in ihrem Programm gemacht, wären wir mit der deutschen Einheit weiter gekommen.« Aber warum sollten sie? Das DDR-Erbe hochzuhalten, stand und steht nicht auf der politischen Agenda.

25 Jahre lang ist Michael Hametner Literaturredakteur beim MDR gewesen. Nachdem es mit dem Leipziger Universitätstheater vorbei war, das er bis dahin geleitet hatte, war es für ihn ein Glück, zunächst freier Mitarbeiter, dann Festangestellter beim Sender zu werden, der als Landesrundfunkanstalt 1992 anstelle der aufgelösten DDR-Sender entstand. Da mag der Anpassungsdruck für das Ostpersonal viel größer gewesen sein als für uns beim »Neuen Deutschland«, die wir lange unter uns waren - und trotzdem gesteigerte Aufmerksamkeit gen Westen richteten. Aus Neugier, aus Entdeckerfreude, auch aus dem Wunsch, Versäumtes aufzuholen, suchten wir Verbindungen zu knüpfen und fühlten uns geehrt, wenn West-Autoren (für ein durchaus ansehnliches Honorar) die Rubrik »Sonntagsgeschichte« bedienten. Hätte man den »Bedeutungsabsturz« der einstigen »Heroes« aus dem Osten, wie Hametner schreibt, verhindern können?

Die Bevorzugung dessen, was man vorher nicht hatte - allein schon dieses Kaufverhalten produzierte Gewinner und Verlierer. Auch, was den Literaturmarkt betraf. Verlage, Buchhandel, Bibliotheken orientierten sich damals um. Der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel saß auf zehn Millionen Büchern fest und beauftragte 1990/91 die Recyclingfirma Sero, wieder Luft in den Lagerhallen zu schaffen. Bücher auf Müllkippen - welcher Skandal!

Aber das war doch nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Denn gleichzeitig brachen Ulrich Greiner und Frank Schirrmacher (am 1. Juni 1990 in der »Zeit« und am 2. Juni in der »FAZ«) mit scharfer Polemik den sogenannten deutschen Literaturstreit vom Zaun, der sich zunächst gegen Christa Wolfs Erzählung »Was bleibt« richtete, sich aber zu einer beispiellosen Diffamierungskampagne gegen die Kunst der DDR auswuchs. Bemerkenswert, dass vornehmlich jene vom Sockel gestürzt werden sollten, deren gesellschaftskritische Einwürfe früher im Westen gelobt worden waren - eben weil sie Identifikationsfiguren waren, die sich in der Öffentlichkeit publikumswirksam auch mit der neuen Realität auseinandersetzen konnten. Christa Wolf und Stefan Heym traf die Rache für den von ihnen im November 1989 initiierten Aufruf »Für unser Land«; es folgten Stephan Hermlin, Christoph Hein, Erwin Strittmatter.

Es sind fast schon vergessene schändliche Vorgänge, die Michael Hametner nun detailliert nachzeichnet, ebenso wie die schmerzhafte Vereinigung der beiden PEN-Zentren und Kunstakademien. Nachdem sich der DDR-Schriftstellerverband im November 1990 aufgelöst hatte, konnten dessen Mitglieder beim VS der BRD um Aufnahme bitten. Die Diffamierung des einstigen Präsidenten Hermann Kant wäre ein extra Kapitel wert gewesen. Zitiert wird Ulrich Greiner als Feuilletonchef der »Zeit«: »Wer bestimmt, was gewesen ist, der bestimmt auch, was in Zukunft sein wird. Der Streit um die Vergangenheit ist ein Streit um die Zukunft.«

»Unterstellungen und Enthüllungen« hatten »dafür gesorgt, dass der demontierte Osten als Sprecher in eigener Sache wegen fehlender Integrität ausfiel«, diagnostiziert Hametner. Dass die ideologische Säuberung nicht ausbleiben konnte angesichts radikal veränderter Machtverhältnisse, war manchen damals vielleicht nicht klar. Hametner beklagt die fehlende Ost-West-Vereinigung auf dem Gebiet der Künste und sieht die großen Medien in der Verantwortung.

Würde man in dortigen Redaktionen sein Buch lesen, könnte man viel erfahren über großartige Literatur und Kunst mit DDR-Wurzeln. Und auch für Leserinnen und Leser im Osten ist es ein Gewinn, wie sich der Autor aus genauer Kenntnis und auf persönliche, lebendige Weise im Einzelnen ausführlich mit Akteurinnen und Akteuren von Literatur und bildender Kunst beschäftigt, wie er herausarbeitet, wodurch sie uns auch künftig etwas zu sagen haben.

Es ist eine Frage der Meinungsmacht. Dass »Neues Deutschland« und »Freitag« auf der Literaturkritik-Plattform »perlentaucher.de« skandalöserweise nicht vorkommen, wie Hametner schreibt, gehört dazu. Hinzu kommt, dass der Osten im Westen auf große Produktionskapazitäten traf - auch im künstlerischen Bereich. Von 78 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR, die zum Teil wie kleine Literaturinstitute funktionierten, blieb nur ein knappes Dutzend übrig. Der Mitteldeutsche Verlag gehört dazu, dem Hametner seinen Einleitungstext widmet.

Der deutsche Buch- und Kunstmarkt ist gesättigt. Ideologie und Ellenbogen werden eingesetzt im Kampf um das rare Gut Aufmerksamkeit als Voraussetzung für materiellen Erfolg. Im Verdrängungswettbewerb fällt vieles durch den Rost, was wertvoll gewesen wäre. Dass bildende Kunst aus dem Osten in West-Museen so schwer Platz findet, begründet Hametner mit Desinteresse, aber auch mit Platzproblemen. Man müsste anderes abhängen oder verkaufen, was natürlich zu Widerstand führen würde. Georg Baselitz mag es kaum treffen, doch sein Hassausbruch ist exemplarisch: »Keine Künstler, keine Maler. Keiner von ihnen hat je ein Bild gemalt … alles Arschlöcher.«

»Das Scheitern des sozialistischen Experiments bedeutete eben nicht das ›Ende der Geschichte‹, wie Francis Fukuyama 1992 verkündet hatte, sondern des fortgesetzten Kalten Kriegs.« Eine wichtige Feststellung, doch von Bedeutung ist noch etwas anderes: In der DDR war das Verhältnis zur Kunst ein weitgehend anderes als in der BRD. Wohl gab es immer wieder Versuche politischer Einflussnahme, wie Hametner nicht müde wird zu betonen, aber im Grundsätzlichen war ein gesellschaftlicher Dialog angestrebt, der über einen kleinen Kreis von Intellektuellen hinausgehen sollte. Wer vermag sich heute vorzustellen, dass in Betrieben während der Arbeitszeit Schriftstellerlesungen stattfinden könnten oder gemeinsame Brigadeausflüge zu Kunstausstellungen organisiert würden.

Die Anwesenheit der Staatsführung bei Künstlerkongressen war eine Machtdemonstration und signalisierte zugleich Wertschätzung. Literatur als Einmischung in gesellschaftliche Angelegenheiten - das Credo Hermann Kants als Präsident des Schriftstellerverbandes, oft mit schwierigen Verrenkungen bezahlt, bezeichnet auch den Grund, weshalb die Künste für das Publikum so wichtig waren. Angesichts weitgehend von oben dirigierter Medien öffneten sie Gedankenräume, blieben also in ihrer Wirkung nicht auf einzelne Rezipienten beschränkt, sondern wollten diskutiert werden, um über Bestehendes hinauszuweisen.

Auch die heutige Medienöffentlichkeit bedarf kritischer Einwürfe, die es durchaus gibt. Vor allem im Sachbuchbereich. Aber sie werden nicht allgemein wahrgenommen, marginalisiert. Die Flut des Unterhaltsamen gegen das Buch als Leitmedium entspricht durchaus machtpolitischem Interesse.

Literatur der DDR würde deshalb vor der Literaturgeschichte Bestand haben, weil sie »den Leser noch einmal verwickelt in eine Art ›Training des aufrechten Gangs‹«, heißt es im Buch mit Blick auf Volker Brauns gleichnamigen Lyrikband. Auch diese Widerständigkeit ist etwas gewesen, das abzuwickeln war.

Michael Hametner: Deutsche Wechseljahre. Mitteldeutscher Verlag, 221 S., br., 14 €.

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