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Bestimmung oder Selbstbestimmung

Erziehung zur Tradition: Emina Saric lässt kulturalistische Erklärungen für Gewalt gegen Frauen nicht gelten

  • Lesedauer: 8 Min.

Anhand von Begriffen wie Scham, Schande und Ehre beleuchtet Emina Saric, wie geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen durch Erziehung und Tradition aus der Vergangenheit in die Gegenwart übertragen werden. Gewaltformen wie Zwangsheirat, Verhaltens- und Kleidervorschriften, Einschüchterungen, Drohungen und Ehrenmorde, die unter dem Deckmantel von Traditionen, Religionen und Kulturen stattfinden, sind längst ein Teil unseres Alltags geworden. Die Träger und Trägerinnen solcher nicht auf Anhieb erkennbaren Gewaltstrukturen und Traditionsformen können alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten sein. Dabei sind sich die Betroffenen der Dimension des traditionsbedingten Denkens und Verhaltens oft nicht bewusst. Um die Gewaltspirale zu unterbrechen, bedarf es sowohl der theoretischen Analyse als auch der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Kultur als Orientierungssystem

Der Begriff der Kultur kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bezeichnet im wahrsten Sinne des Wortes das Bestellen des Bodens. Häufig wird der Begriff »Kultur« mit »Zivilisation« verwechselt. Kultur im engeren Sinne bedeutet »Verfeinerung des Geistes«, die sich in Bildung, Kunst und Literatur niederschlägt. Geert Hofstede bezeichnet Kultur als »mentale Software« und versteht darunter einen weit gefassten sozial- und kulturanthropologischen Begriff. In der Sozialanthropologie umfasst der Begriff nicht nur Denk-, Fühl-, und Handlungsmuster, sondern auch gewöhnliche und niedere Dinge des Lebens: Grüßen, Essen, das Zeigen oder Nichtzeigen der Gefühle, das Wahren einer gewissen physischen Distanz zu anderen, Geschlechtsverkehr oder Körperpflege. [Geert HOFSTEDE, Jan Gert HOFSTEDE, Michael MINKOV, Lokales Denken, globales Handeln] Kultur ist immer ein kollektives Phänomen, da Menschen soziale Bindungen brauchen, um sich spiegeln zu können. All das, was Menschen erleben, versuchen sie auch mit anderen zu teilen. Dies geschieht vorwiegend im selben sozialen Umfeld, wo kulturelle Gepflogenheiten gelernt werden. Kultur besteht aus den ungeschriebenen Regeln des sozialen Zusammenspiels. »Sie ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet«. [Ebd. HOFSTEDE…] Kultur wird angelernt beziehungsweise angeeignet, sie ist nicht angeboren und unterscheidet sich einerseits nach der menschlichen Natur und andererseits nach der Persönlichkeit eines Individuums.

Kultur als Orientierungssystem stillt das zentrale menschliche Bedürfnis nach Orientierung im sozialen Umfeld und damit im Leben. Teil der Orientierungsfunktion von Kulturen ist es auch, ihren Mitgliedern Bewertungsmaßnahmen anzubieten, damit sie ihre Umwelt verstehen und bewältigen können. Diese Bewertungsmaßnahmen werden im Laufe der menschlichen Sozialisierung erworben und wirken meist automatisch, also ohne eine bewusste, kognitive Steuerung. [Alexander THOMAS, Astrid UTLER 2013, Kultur, Kulturdimensionen und Kulturstandards]

Kulturelle Unterschiede zeigen sich auf verschiedenste Weise. Als ein klares Beispiel für die Manifestationen von Kultur dient … das Bild einer Zwiebel, die sich aus vier Schichten zusammensetzt: Symbole, Helden, Rituale und Werte. [Das heißt]…, dass die Oberflächenstruktur der Kultur aus Symbolen besteht, während Werte die am tiefsten gehenden Manifestationen von Kultur sind. Helden und Rituale liegen dazwischen … Werte bilden den Kern der Zwiebel-Darstellung. Unter Werten werden allgemeine Neigungen, bestimmte Umstände oder aber Gefühle mit einer Orientierung zum Positiven oder Negativen verstanden … [Sie] werden sehr früh im Leben erworben. In den ersten zwölf Lebensjahren nehmen Menschen unbewusst alle notwendigen Informationen aus der Umgebung auf …

Individuum und Kollektiv

Die Mehrheit der Menschen leben in Gesellschaften, in denen das Interesse der Gruppe über jene des Individuums gestellt wird. Hofstede bezeichnet solche Gemeinschaften als kollektivistisch. Der Begriff kollektivistisch wird in keiner politischen Konnotation verwendet, weil er sich nicht auf die Macht des Staates oder auf das Individuum bezieht, sondern auf die Macht der Gruppe. Die erste Gruppe in unserem Leben ist die Familie, und familiäre Strukturen können von Gruppe zu Gruppe durchaus unterschiedlich wirken. Kollektivistische Gesellschaften setzten Familienstrukturen voraus, in denen mehrere oder viele Menschen eng zusammenleben. Solche Familien umfassen nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch Großeltern, Onkeln, Tanten und so weiter. Hierbei handelt es sich dann um die sogenannten Großfamilien. Kinder wachsen heran und lernen, als Teil einer »Wir«-Gruppe zu funktionieren, die nicht freiwillig eingegangen, sondern unbewusst verinnerlicht wurde. Die »Wir«-Gruppe bildet die Hauptquelle der Identität des Menschen und bietet gleichzeitig Schutz gegen die Gefahren des Lebens, daher schuldet man seiner »Wir«-Gruppe lebenslange Loyalität. Hier kann behauptet werden, dass sich zwischen dem Einzelnen und der »Wir«-Gruppe ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt, das sowohl praktischen als auch psychologischen Charakter hat. Gesellschaften, in denen das Interesse des Individuums Vorrang vor den Interessen der Gruppe genießt, sind weniger häufig. Solche Gesellschaften werden als individualistisch bezeichnet. Darunter versteht man sogenannte Kernfamilien oder Kleinfamilien, die aus zwei Elternteilen und eventuell weiteren Kindern bestehen. Kinder, die in einer derartig individualistisch geprägten familiären Struktur aufwachsen, lernen sehr schnell, sich selbst als »Ich« zu begreifen. Das »Ich«, die persönliche Identität, unterscheidet sich vom »Ich« der Anderen, und diese Anderen werden nicht nach ihrer Gruppenzugehörigkeit klassifiziert, sondern nach individuellen Merkmalen. Vom Kind wird häufig erwartet, dass es das Elternhaus verlässt, sobald es eine gewisse Reife und Selbständigkeit erreicht hat.

Neurowissenschaften belegen, dass die soziale Umwelt das menschliche Gehirn formt. Kinder, die Gewalt erlebt haben und sich unwohl in ihrer Umgebung fühlen, verlieren bis zu 30% ihrer grauen Substanz. [Vgl. im folgenden Joachim BAUER, Wie wir werden, wer wir sind] Demzufolge ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass soziale Umwelten, die auf der ganzen Welt unterschiedlich sind und das Gehirn der Menschen prägen, kulturell gefärbt und kultur- beziehungsweise traditionsbedingt sind. Ein Kulturmerkmal, das in den letzten 20 Jahren sehr gut zum Vorschein kommt und in Symbolen, Ritualen und Werten sichtbar wird, ist die unterschiedlich ausgeprägte Gemeinschaftsorientierung einer Kultur beziehungsweise das Maß an Individualismus. Zwei Drittel der Menschheit leben in »Gemeinschaftskulturen« (Collectivistic Cultures) und ein Drittel der Weltbevölkerung ist individualistisch geprägt (Individualistic Cultures). Die meisten asiatischen und arabischen Länder sind durch eine Gemeinschaftskultur geprägt, die westlichen Länder wiederum ausgeprägt individualistisch orientiert. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass es trotz dieser Differenzen im Einfluss der sozialen Umgebung auf Menschen einen gemeinsamen Nenner für alle Menschen gibt - nämlich, ein Mensch zu sein. Daher sollten diese kulturellen Ausprägungen mit Vorsicht behandelt werden, da sonst kulturelle Kategorisierungen entstehen könnten. Stereotype auf eine Kultur oder ein Volk anzuwenden, birgt immer die Gefahr in sich, dieselben auch negativ abzuspeichern und bestimmte Gruppen damit abzustempeln.

Es lassen sich einige zentrale Unterschiede zwischen individualistischen und kollektivistischen kulturellen Milieus erkennen, ohne das eine oder das andere zu bewerten. In patriarchal strukturierten Gemeinschaften oder ehrkulturellen Milieus wird die Bewahrung des sozialen Zusammenhaltes in der Familie oder Großfamilie über individuelle Interessen gestellt. Die Identität eines Menschen definiert sich in einem traditionellen patriarchalen Kulturraum aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie, einem Stamm und einer Religion und nicht aus seinen persönlichen Erfahrungen oder Erfolgen beziehungsweise Misserfolgen.

Soziale Zugehörigkeit ist für die meisten Menschen wichtig, aber ihre Bedeutung und Wertigkeit wird in individualistisch geprägten Milieus wesentlich geringer eingeschätzt. Vor allem aber wird sie selbst gewählt und kann, wenn sie einem Individuum nicht entspricht, ausgetauscht werden. Dieses Verhältnis zu einer Gemeinschaft ist in patriarchal geprägten ehrkulturellen Räumen hingegen eher etwas Unübliches, denn die durch Herkunft und Tradition begründete Zugehörigkeit wird nicht in Frage gestellt. Der Gruppe wird ein hoher Stellenwert beigemessen. In individualistischen kulturellen Milieus wird Wert auf die persönliche, individuelle Entwicklung der Einzelnen gelegt. Und auch hier gibt es selbstverständlich interindividuelle Unterschiede. Eine Ausbildung in einer fremden Stadt ohne Unterstützung der Familie anzutreten, ist in einem kollektivistisch erlebten Kulturraum eher eine Seltenheit.

… Westlich, individualistisch orientierte Menschen neigen dazu, in ihrer Sprache sehr genau zu sein und sich auf Fakten zu berufen. »Anderen mit Fakten die Maske herunterzureißen, halten bei uns viele für legitim.« Bei Menschen, die in kollektivistischen Milieus aufgewachsen sind, treten Fakten in den Hintergrund, wenn sie zu einem Gesichtsverlust führen könnten. Hier herrscht das Gebot, das eigene Ansehen, aber auch das Ansehen Anderer nicht zu beschädigen. Tatsachen, Fakten oder Bemerkungen, die sich individualistisch orientierte Menschen erlauben, ohne verletzend sein zu müssen, können bei Menschen mit kollektivistischen Prägungen durchaus die Schmerzgrenze erreichen und zu Ehrverletzung führen. So entstehen sehr oft Missverständnisse im täglichen Zusammenleben oder Arbeiten, denn kollektivistisches Handeln beruht oft auf dem Versuch der Wiedergutmachung und nicht in erster Linie auf Bestrafung. Der Weg zur Polizei oder der Beratungsstelle ist eher ungewöhnlich. Die Klärung der Konflikte geschieht häufig untereinander beziehungsweise innerhalb der betroffenen Familien oder Clans. Eines der bisher wichtigsten Ergebnisse der Gehirnforschung hat gezeigt, dass kulturelle Begebenheiten, Sozialisierungsmerkmale und Unterschiede unser Gehirn beziehungsweise die Ich-und-Wir-Netzwerke durchaus beeinflussen können.

Wenn man bei einzelnen Menschen in getrennten Untersuchungen zunächst das Selbst-Netzwerk und dann das Wir-Netzwerk darstellt und wenn man daran anschließend das Aktivitätsmuster des Wir-Netzwerkes vom Selbst-Netzwerk abzieht, dann ist der Rest - also das »pure Ich« - bei Menschen aus Gemeinschaftsstrukturen signifikant kleiner als bei individualistisch erzogenen. Dies bedeutet, dass in Gemeinschaftskulturen sozialisierte Menschen nicht nur psychologisch, sondern auch neuronal ein Wir-Ich, ein Interdependent Self entwickelt haben, während sich in individualistisch erzogenen Menschen ein Ich-Ich, ein Independent Self herausgebildet hat.

Hier ist anzumerken, dass dies nicht genetisch bedingt ist, denn ein Mensch hat bei der Geburt kein Selbst entwickelt, sondern erwirbt es durch Resonanzen von den Bezugspersonen aus seiner Umgebung. »Die neuronalen Unterschiede im Selbst-System sind ausschließlich kulturbedingt, sie stellen einen Fingerabdruck der Kultur im Gehirn dar.«9 Dies bedeutet, dass kulturbedingte neuronale Sozialisierungsmerkmale durch neue, kulturelle Erfahrungen, Einflüsse und Alternativen verändert werden können. Veränderungen oder Verinnerlichung neuer Sozialisierungsmuster sind ein langwieriger Prozess und hängen von Faktoren ab wie etwa Bildungsgrad, urbane oder rurale Merkmale, Persönlichkeitsprofile, positive oder negative persönliche Erfahrungen und vielen mehr.

Emina Saric
Ehre, Scham und Schande. Warum wird Frauen Gewalt angetan?
Passagen Verlag
140 S., kt., 17,40 €

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