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Für die enttäuschten Besserwisser

Ist doch nur Politik – zur Ästhetik des Wahlkampfs (7) : Die letzten Inhaltisten von Die PARTEI

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

»Rot will das Leben und das Leben will Rot!«, hat Rio Reiser vor langer Zeit gesungen. Die Farbe der Liebe, der Linken und des Alarms. Besonders 2021. Rot ist die Trendfarbe auf den Wahlplakaten, sogar die SPD hat sich diesmal klassisch rot geschminkt. War die nicht früher mal orange, so wie später dann die CDU? Und die Linkspartei hat’s schon immer mit dem Rot gehabt, die DKP ebenso – und auch Die PARTEI. Ihr Weinrot sieht auch anders aus, ein PARTEI-Plakat erkennt man sofort. Sogar inmitten der ganzen Rot-Konkurrenz.

Da hängt zum Beispiel in Berlin-Wedding ein rotes Plakat der MLPD, auf dem steht: »1000 Lügen, eine Quelle: Antikommunismus!« Darüber hängt ein weinrotes Plakat der PARTEI, und darauf steht: »Himbeereis«. Sonst nichts. Könnte diese Geschmacksrichtung nicht auch die Quelle für »1000 Lügen« sein? Oder das Gegengift zum Antikommunismus? In der Kunst entscheiden die Betrachter.

Wo ein Plakat hängt, ist Die PARTEI. Selbstverständlich spielt die von der »Titanic«-Redaktion initiierte Organisation mit dem Pathos und dem Mythos der Kommunisten. Und hat auch »Das Lied der Partei« am Start, diesen grotesken Hit aus der stalinistischen Dunkelheit, zusammen gesungen von Slime, Bela B und Antilopen Gang. Finden nur Leute lustig, die das Lied noch nicht kennen. Imposanter war vor vier Jahren das Plakat: »Grüße an die Oma! Wählt Die PARTEI – sie ist sehr alt.« So präzise wurde der Hirnriss moderner Wahlkämpfe vorher noch nicht auf den Punkt gebracht. Und der Spruch war wiederum eine Variation der Parole »Wählt Die PARTEI – sie ist sehr gut.« 2021 wird »Wahlplakate verbieten« plakatiert.

Für alle, die glauben, »wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten« – der Klassiker der Stammtischmeinung von links bis rechts –, ist die Wahl der PARTEI die einzige Möglichkeit, überhaupt eine Partei zu wählen. Auch wenn’s nichts nutzt, ist es ein guter Witz. Und Opposition gegen den Unsinn – als Unsinn. Der wiederum auch politische Aufklärung liefert, weil er sich weigert, die berühmten besseren, konstruktiven Vorschläge zu machen. Wie Punk. Oder die Frankfurter Schule, einerlei, ob es jetzt die alte (Horkheimer/Adorno) oder die neue (»Titanic«-Redaktion) ist. Nein heißt nein, verstanden, ihr Bundestagsparteien?

Deshalb ist der Slogan »Inhalte überwinden« aus der Frühzeit der PARTEI auch mehr als ein lustiger Spruch gegen das Gebaren der Normalpolitiker. Auf die PARTEI trifft er am wenigsten zu. Denn wenn jemand inhaltlich wird, dann sie. Auf ihren Plakaten gibt es nur wenige Fotos oder Bilder. Die PARTEI glaubt an den reinen Text, den puren Scherz, den offensichtlichen Widerspruch zu den anderen Parteien – auf weinrotem Grund. Als wären hier die letzten Inhaltisten unterwegs, für die enttäuschte und besserwisserische und antifaschistische Intelligenz.

Die Zahl derjenigen, die das ernst nehmen, wächst und damit auch die Zahl der Mandate für Die PARTEI in den Kommunal- und Studi-Parlamenten. Davon zeugt ihr endloser Wikipedia-Eintrag – Satire zwischen Negation und Vereinsmeierei. Das weiß Die PARTEI aber schon. In Berlin-Westend hängt ein Plakat, auf dem steht: »CDU: nicht christlich – SPD: nicht sozial – Grüne: nicht ökologisch – FDP: nicht liberal – AfD: keine Alternative – Die PARTEI: nicht lustig.«

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