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Der Hitze ausgeliefert

Phoenix gilt als heißeste Stadt der USA, Wohnungslose leiden unter der knallenden Sonne besonders

  • Von Johannes Streeck, Phoenix
  • Lesedauer: 7 Min.
Ein Obdachloser in Phoenix, um den sich Stacey Champion kümmert.
Ein Obdachloser in Phoenix, um den sich Stacey Champion kümmert.

Zielstrebig bahnt sich Stacey Champion einen Weg auf dem brütend heißen Gehweg, in jeder Hand eine Wasserflasche. »Wie gehts dir, Baby? Alles okay?«, fragt sie eine junge Frau, die auf dem Bordstein sitzt. Sie drückt ihr beide Flaschen in die Hände, und fragt »Brauchst du noch Socken? Ich bring dir welche, warte hier.«

Es ist Freitag Nachmittag in einem runtergekommenen Abschnitt der Innenstadt von Phoenix, Arizona, der als »The Zone« bekannt ist. Hoch umzäunte Lagerhallen und Gewerbeflächen reihen sich an leer stehende Gebäude, ein paar Ecken weiter werden Frachtzüge beladen. Es gibt keine Geschäfte, keine Bäume und keine Passanten. In dieser Gegend leben viele der mehr als 7500 wohnungslosen Menschen der Metropole im Südwesten der USA. In Zelten oder unter Plastikplanen teilen sie sich die sandigen Flächen entlang der Straße und verschaffen sich so ein wenig Schutz vor der Hitze.

Phoenix ist die heißeste Stadt der USA. Die Hauptstadt von Arizona ist das Herzstück des »Valley of the Sun«, dem Tal der Sonne, ein Ballungsraum von bald fünf Millionen Menschen inmitten der Sonora Wüste. An mehr als 150 Tagen im Jahr sind es hier mindestens 32 Grad, Tendenz steigend. Die vielen Sonnentage und das trockene Klima haben aus der ehemals ländlichen Region einen beliebten Ruhesitz für amerikanische Senior*innen gemacht. Mittlerweile treiben zudem Jobs in der Technologiebranche und im öffentlichen Sektor das rapide Wachstum im Tal an. Zwei der momentan am schnellsten wachsenden Orte der USA, Goodyear und Buckeye, sind Vororte von Phoenix.

Wer Phoenix und seine beinahe endlosen Vorstädte besucht, dem fällt sofort auf, dass sich das Leben der Hitze angepasst hat. Tagsüber bewegen sich die Menschen fast ausschließlich zwischen klimatisierten Wohnhäusern, Arbeitsplätzen und Geschäftsräumen mit dem Auto. Öffentliches wie privates Leben spielen sich vor allem drinnen ab. Außenplätze von Cafés und Restaurants bleiben auch nachts oft leer, die Menschen ziehen es vor, drinnen zu sitzen, weil es kühler ist. Viele Läden versuchen, ihre Außenbereiche attraktiver zu machen, indem sie große Sprinkleranlagen anbringen, welche die Gäste in kühlendem Wassernebel hüllen, allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Das Wachstum der Region hängt maßgeblich mit der Verbreitung der Klimaanlage zusammen - denn erst diese Erfindung machte das Leben mitten in der Wüste für viele erträglich.

In der Zone sind es laut Thermometer 44 Grad. Beton und Asphalt heizen sich auf, wer zu Fuß unterwegs ist, hat das Gefühl, in einem Backofen zu sein. Trotz Sonnenhut und kurzer Hose schwitzt auch Stacey Champion, kurz nachdem sie aus ihrem Auto gestiegen ist. Sie ist seit 15 Jahren in den Straßen von Phoenix als Ehrenamtliche unterwegs und verteilt Wasser, Lebensmittel sowie Produkte des täglichen Bedarfs an Menschen, die hier gestrandet sind. Auf dem Rücksitz ihres Autos gräbt die zierliche Frau nach den Socken, die sie soeben versprochen hat. Nach und nach kommen Menschen zu ihr, viele kennen sie bereits. An diesem Tag hat sie vor allem Wasserflaschen und Tücher dabei, die sie im Eiswasser ihrer Kühltruhen lagert. Für die überhitzen Menschen ist das ein Segen. Entlang eines Zaunes haben etwa 30 Personen ihre Lager aufgeschlagen, die meisten von ihnen harren auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem schmalen Streifen Schatten aus, den das Vordach einer Lagerhalle wirft. Allen sind die Strapazen des Lebens im Freien anzusehen.

Im Maricopa County, der Wahlbezirk, zu dem Phoenix und seine Vorstädte gehören, sind im letzten Jahr 323 Menschen an der Folge von Hitze gestorben. Darunter waren mindestens 172 Personen ohne festen Wohnsitz. Oft verbirgt sich Armut hinter den Todesfällen, denn an Hitzefolgen sterben die, die sich entweder den Wohnraum nicht mehr leisten können oder den Strom, den es kostet, diesen zu kühlen. Wohnwagen und die einfachen Fertigbauten, in denen viele Arme in den USA wohnen, bestehen aus Leichtmetall und Kunststoff, meistens ohne nennenswerte Isolierung. Ohne Strom für Ventilatoren und Klimaanlagen werden diese schnell zu tödlichen Fallen, besonders für ältere Menschen und die, die ohnehin schon mit gesundheitlichen Problemen kämpfen.

Phoenix wird gerne in einem Satz mit Las Vegas erwähnt, beides sind Beispiele für eine typisch amerikanische Hybris - der Mensch ist offenbar so von sich selbst überzeugt, dass er Metropolen in die Wüste setzt. Dieser Denkweise folgend ist die Bebauung des Tals der Sonne nichts mehr als eine weitere Skurrilität der USA, ein künstliches Gebilde bar jeder Nachhaltigkeit. Auch innerhalb der Vereinigten Staaten schauen viele Menschen auf Phoenix und sehen dort ein ständig erweiterndes Netz von Autobahnen und Einfamilienhäusern, gebaut auf schnellem Kredit und trockenem Sand. Für manche ist Phoenix auch ein Rückzugsort für Menschen, die sich das nahe Kalifornien nicht mehr leisten können, im wahrsten Sinne des Wortes ein Los Angeles für Arme.

Doch dieser Blick ignoriert die menschliche und natürliche Geschichte der Region. Denn lange vor Buckeye, Goodyear und den vielen anderen großen und kleinen Orten, die heute die Gegend ausmachen, wurde sie von den Hohokam geprägt, einer Hochkultur, die rund 1800 Jahre im Tal bestand. Entlang der Gila und Salt Flüsse bauten die Hohokam komplexe Bewässerungssysteme, so ausgeklügelt, dass sie auch Hunderte Jahre nach Ende ihrer Blütezeit noch von ihren indigenen Nachfahren genutzt werden konnten. Unter dem Tal liegt ein massives Wasserreservoir. Das Tal der Sonne war schon lange vor Erfindung der Klimaanlage ein Zuhause für Menschen gewesen.

Die Stadt versucht inzwischen, mit zahlreichen Maßnahmen auf die Trockenheit und die Hitze zu reagieren. Ähnlich wie Las Vegas hat auch Phoenix es geschafft, seinen Wasserverbrauch einzudämmen. Viele der künstlich bewässerten Golfkurse und Stadtparks sind heute verschwunden.

Grund dafür ist das sogenannte Xeriscaping, eine Methode des Landschaftsbaus, in der dekorative Gräser und Bäume wieder durch heimische, trockenheitsresistente Pflanzen ersetzt werden. Vielfach wird nicht mehr der englische Rasen unter massivem Aufwand von Wasser und Arbeitskraft am Leben erhalten, sondern in Arizona erfreuen sich viele an ihren heimischen Kakteen und Sukkulenten. Die Ergebnisse für den städtischen Wasserverbrauch sprechen für sich, doch das Ende der Verschwendung zieht noch eine andere Konsequenz mit sich: Sie macht die Stadt noch heißer, und diese Hitze ist ungleich verteilt.

Kathryn Sorensen war lange Zeit Leiterin der städtischen Wasserwerke, heute leitet sie verschiedene Forschungsprojekte zum Thema Wasser. »Viele wohlhabenden Menschen behalten ihre Rasen einfach, denn ihnen sind die damit verbundenen Kosten egal.« Ärmere haben dagegen oft weder die notwendigen Ressourcen noch die dafür notwendigen Grundstücke, um sich private Grünflächen zu halten. Das Resultat: Reiche leben oft wortwörtlich in einem anderen, kühlerem Klima.

Stacey Champion ist nicht alleine im Kampf gegen Hitzetod und Obdachlosigkeit; die Stadtregierung ist sich des Problems bewusst und fährt eine Reihe von Maßnahmen auf. In der Zone wurden im vergangenen Jahr große Metalldächer aufgestellt, um Schatten zu spenden. Neben den Dächern sind mobile Toiletten und ein Wasserspender. Ein paar Straßen weiter steht ein Bus der Stadt mit laufendem Motor, ohne sich zu bewegen. Von morgens bis zum späten Nachmittag ist er für Menschen von der Straße geöffnet, die sich in seinem klimatisierten Fahrgastabteil der Hitze entziehen möchten. Vor allem aber befindet sich mitten in der Zone ein städtisches Zentrum, das ein breites Angebot von sozialen und medizinischen Leistungen für Wohnungslose anbietet, allem voran die Vermittlung für sozialen Wohnraum.

So sehr Stacey Champion viele der städtischen Angestellten und deren Intentionen zu schätzen weiß, so kritisch bleibt sie gegenüber der Lokalpolitik und Polizei. Eine Frage nach den neuen Metalldächern dreht sie einfach um: »Wie viele Leute hast du denn da gesehen?« Wer sich unter den neuen Schattenspendern ausruhen möchte, muss nämlich sämtliches Hab und Gut vor den hohen Zäunen des Geländes lassen, Tiere dürfen auch nicht hinein. Vielen Wohnungslosen scheint dieser Tausch zu riskant. Als Konsequenz bleiben die Plätze unter den großen Dächern auch an heißen Tagen meistens leer.

Die besonders hohe Zahl von Hitzetoten im vergangenen Jahr wird auch darauf zurückgeführt, dass Büchereien und andere beliebte Zufluchtsorte für Wohnungslose geschlossen waren. Wütend beschreibt Stacey Champion, wie Phoenix 300 000 Dollar der föderalen Corona-Zuschüsse genutzt hat, um Barrieren gegen Obdachlose in der Innenstadt zu bauen. Die Frau, die ihre Touren in der Zone von ihrem eigenem Geld und kleinen Spendenkampagnen unter ihren Twitter-Followern finanziert, schüttelt über diese Summen nur den Kopf.

In der Innenstadt gegenüber der Lagerhalle mit dem schmalen Vordach sagt ein Bewohner des Obdachlosencamps leise, »Wir sind nicht alle zufällig hier. Das ist ein System.«

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