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Das Alles und das Nichts

Gibt es hier irgendwas zu sehen? Die Akademie der Künste spannt einen Bogen um die Farbe Weiß

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 5 Min.

Weiß ist mehr als eine Farbe. Aus der Perspektive der Physik gesehen enthält weißes Licht alle Spektralfarben, ist daher also die reichste, die alles umfassende Farbe. Aus der Sicht der Wahrnehmungsforschung wird der Farbreiz für Weiß im menschlichen Auge in den drei verschiedenen Rezeptorentypen, die sensibel auf Rot, Blau und Grün reagieren, genau dann erzeugt, wenn die Intensität bei allen gleich hoch ist. Die Addition führt zum Weiß. Wir Menschen sind Trichromaten, Drei-Farben-Seher. Monochromaten wie Wale nehmen verstärkt grünliche Lichtreize wahr. Hunde sind Dichromaten. Ihre Rezeptoren empfangen verstärkt Blau und Gelb, und das Hundehirn mischt daraus seine Farbpalette. Von Schmetterlingen nimmt man an, dass sie die Welt pentachromatisch erfassen, also auf der Basis von fünf Grundfarben. Ihr Weiß, wenn sie es denn wahrnehmen, dürfte also anders produziert sein.

Im Gegensatz zum physiologischen Konstruktionsprinzip wird Weiß in menschlichen Gesellschaften gern mit Klarheit, Reinheit, ja Jungfräulichkeit verknüpft. Das betrifft vor allem die westliche Hemisphäre. In buddhistisch oder muslimisch geprägten Kulturen ist Weiß hingegen als Farbe des Trauerns besetzt. Weiß ist in der Kunst zudem die Grundierungsfarbe, wenn es um das Füllen von Leinwänden geht. Wer noch mit mechanischen Schreibmaschinen vertraut ist, erinnert sich, dass das Weiß des Tipp-Ex das Löschen von Fehlern ermöglichte. Das analoge »Delete« hatte also die Farbe Weiß.

Wegen dieses Bündels von Bedeutungen verwundert es nicht, dass die Akademie der Künste in Berlin nun dem Phänomen eine ganze Ausstellung widmet. Sie umfasst 112 Arbeiten von 75 Künstlerinnen und Künstlern, die von 51 Leihgebern zur Verfügung gestellt wurden. »Nothingtoseeness - Leere/Weiß/Stille« spannt einen Bogen von den 1950er Jahren bis heute. Sie reicht also nicht bis zu Kasimir Malewitschs »Weißem Quadrat« zurück. Das malte er 1917, zwei Jahre nach der ersten Hängung seines »Schwarzen Quadrats«. Ein ikonisches Werk der monochromen Kunst eröffnet aber auch »Nothingtoseeness«. Es handelt sich um »Untitled White Monochrome (M33)« von Yves Klein. Das weiße Rechteck, 64,5 mal 50 Zentimeter klein, lenkt den Blick vor allem auf die Unterschiede im Weiß. Pigmente treten hervor. Sie sprengen die Zweidimensionalität. Licht wird von minimalen Erhebungen reflektiert.

Dieses Spiel treiben Werke im zweiten Ausstellungsraum weiter. Mit Punkten im Weiß, erzeugt durch Erhebungen, Vertiefungen und aufgebrachte Materialien, operieren Otto Piene (1959), Günther Uecker (1960) und Enrico Castellani (1970). Mit Schlitzen und Linien arbeiten Piero Manzoni (1958), Lucio Fontana (1959) und Raimund Girke (1963). Ein Raster aus gekreuzten Erhebungen durch weißen Karton erzeugt Jan Schoonhoven (1966), was überraschend harmonisch mit den braunen Deckenkassetten der Ausstellungshalle korrespondiert. Die Textur des Farbauftrags wird bei Strawaldes »Sonnenflecken« (2017/18) sogar zum dramatischen Ereignis.

Aus der Abstraktion heraus ins Gegenständliche geht es mit George Segals »Sleeping Woman« (1970) und Katharina Fritschs Polyester-Skulptur »Doktor« (1997-99). Fritsch zeigt eine lebensgroße, weiße Arztfigur, die mit einem Totenschädel gekrönt ist. Der »Gott in Weiß« wird zum Todesboten; Tod gehört zum Heilen dazu, wird häufig als dessen Versagen betrachtet, nicht selten aber auch als Erlösung von den vergeblichen Heilungsversuchen.

Weil das Äquivalent von Weiß in der Musik die Stille ist, ist auch John Cages berühmte Komposition »4’33« in die Ausstellung integriert. »4’33« ist ein Stück ohne Ton. Beim konzentrierten Hören nimmt man Nebengeräusche besonders intensiv wahr. Fehlen diese, wird das Rauschen des eigenen Bluts zum Hörereignis.

Das Feld der Musik berührt auch die Installation »We Buy White Albums« von Rutherford Chang. Chang, als Teenager bereits Besitzer eines »White Albums« der Beatles, kaufte im Jahr 2013 ein zweites Exemplar und begann so seine Sammlung. Die Platte wurde millionenfach verkauft. Eine fortlaufende Nummer, die auf das vom Konzeptkünstler Richard Hamilton gestaltete monochrome weiße Cover geprägt wurde, gab dem industriell hergestellten Produkt aber die Anmutung eines Originals. Chang besitzt inzwischen 2792 »White Albums«, das letzte erwarb er kurz vor Ausstellungseröffnung in Berlin. Die Platten sind in der Nachbildung eines Plattenladens zu sehen. Viele der weißen Plattenhüllen weisen Benutzungsspuren auf. Auf manchen Hüllen sind Registriernummern aufgebracht. Und manch ein Vorbesitzer verzierte sie mit Blumen und Ornamenten, möglicherweise inspiriert von dem psychedelisch gestalteten Vorgängeralbum »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band«.

Chang nahm auch eine eigene Platte auf, zu der er seine 100 ersten »White Albums« parallel abspielen ließ. Beim ersten Song, »Back in the USSR«, rotieren die Scheiben noch recht synchron auf den Tellern. Dann aber treten Verschiebungen auf, weil die Platten nicht mehr gleichmäßig drehen, Kratzer den Tonabnehmer springen ließen, Wellen und Erhebungen zu Verzögerungen führen. Beim letzten Lied auf jeder Seite summieren sich die chaotischen Töne zu einer Art von »weißem Rauschen«, die ultimative Addition von Tönen, ähnlich der Addition der Farbreize bei der Wahrnehmung von Weiß.

Der Videokünstler Nam June Paik hingegen benutzt Weiß in »Zen for Film« (1964) als Synonym für Abwesenheit. Er lässt einen leeren Film durch den Projektor laufen. Das Bild an der Wand ist weiß, allerdings nicht ganz weiß. Beschädigungen des Zelluloidstreifens durch mechanische Beanspruchung führen zu dunklen Flecken.

Die Ausstellung, kuratiert von Anke Hervol und Wulf Herzogenrath, erkundet viele Bedeutungsräume von Weiß. Ein Manko ist allerdings das fast vollständige Fehlen von Werken, die sich mit Weiß als Hautfarbe und den damit verbundenen Herrschaftsmechanismen beschäftigen. Ebenfalls verwundert es, dass die unterschiedlichen Konnotationen von Weiß in nichtwestlichen Kulturen so wenig Beachtung finden.

Zeitgenössisches Schmutzweiß gelangt durch das Publikum in die Ausstellung; in dieser Farbe sind die klassischen Mund-Nase-Bedeckungen gehalten. Weiß ist also auch eine Pandemiefarbe. Dies zu verarbeiten hatten Künstler*innen offenbar noch keine Gelegenheit, oder dem Kuratorenteam sind derartige Werke entgangen. Kleine Lücken in einer ansonsten sehr sehenswerten Schau.

»Nothingtoseeness - Leere/Weiß/Stille«, Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg, bis 12. 12.

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