Einfach mal nerven

Ein Marzahner teilt mit kreativen Aktionen auf der Straße und im Netz gegen die AfD aus

  • Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Hundekotkostüm gegen rechte Hetzer: Antifaschist Schnubby auf Tour durch Marzahn-Hellersdorf
Im Hundekotkostüm gegen rechte Hetzer: Antifaschist Schnubby auf Tour durch Marzahn-Hellersdorf

»Ihr seid alle Faschisten!«, schallt es über den Platz vor dem Einkaufszentrum Eastgate in Marzahn. Drei Mitglieder der Corona verharmlosenden Partei Die Basis haben sich an diesem Spätsommernachmittag ihren Wahlkampfstand aufgebaut, aus den Boxen ertönt Musik des rechten Verschwörungsgläubigen Xavier Naidoo. »Was stimmt mit euch nicht?! Auf Wiedersehen! Euch will hier keiner!«, ruft der kräftig gebaute Mann mit den tätowierten Armen und dem Vollbart. »Für mich sind Nazis echt schwer zu ertragen«, sagt Schnubby. Sein richtiger Name tue nichts zur Sache, sagt der Antifaschist. »Schnubby« muss reichen.

Der Aktivist ist mittlerweile eine Art linker Star auf Tiktok, einer Social-Media-Plattform, auf der junge Menschen kurze Videos teilen. Schnubby nennt sich dort wiederum »Backenhörnchen«. Mehr als 10 000 Menschen folgen dem »Politik-Influencer« auf der Plattform, wo er seit Ende vergangenen Jahres aktiv ist. »Ich hab gesehen, dass Tiktok mittlerweile ganz schön rechts ist, alle rechten Parteien sind da unterwegs«, sagt Schnubby. Die Rechten haben ihn irgendwann »Backenhörnchen« genannt, »wegen meines Barts«. Das habe er dann übernommen und anders gewendet. »Wir haben daraus eine Marke gemacht und sind mittlerweile ein Kollektiv von etwa 20 Leuten, quer durch Europa verstreut«, sagt Schnubby. Die Aktivisten recherchieren Hintergründe zu Neonazis und Rechten im Internet, bieten ihnen die Stirn in sozialen Netzwerken wie Tiktok. Aber nicht nur da.

Schnubby stellt sich schon mal mit einer Antifa-Regenbogenfahne vor einen AfD-Wahlstand in Marzahn-Hellersdorf. Eine Neuerwerbung, auf die er besonders stolz ist: ein Ganzkörperkostüm in Form eines braunen Hundekothaufens. Er freue sich bereits darauf, sich in den letzten Tagen des Wahlkampfs so an AfD-Ständen zu präsentieren. »Es geht darum, Nazis auch öffentlich zu konfrontieren«, sagt er. »Meine größte Waffe sind meine Schlagfertigkeit und mein Humor, damit kommen die gar nicht klar.« Generell gelte für ihn aber nach wie vor der Wahlspruch: »Man redet nicht mit Nazis!«

Marzahn-Hellersdorf ist eine Hochburg der AfD. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus 2016 holte die Rechtsaußenpartei hier zwei Direktmandate. Mit 23,6 Prozent lag die AfD hauchdünn vor der Linkspartei, die auf 23,5 Prozent kam. Im aktuellen Wahlkampf geben sich die Rechten zwar vergleichsweise zahm. Recherchen des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums Berlin (Apabiz) zeigen jedoch ein anderes, weitaus weniger harmloses Bild der AfD. So stellt Frank Metzger vom Apabiz gegenüber »nd« nicht nur klar, »dass der Bezirksverband Marzahn-Hellersdorf Haupteinflussbereich des völkisch-nationalistischen Spektrums bleibt«. Auch im Berliner Landesverband nehmen Metzger zufolge völkisch-nationalistisch Gesinnte weiterhin Schlüsselpositionen ein. »Mehr als ein Drittel des Landesvorstands vertritt entsprechende Ansichten und Positionen, zu deren Umsetzung unter anderem das Netzwerk des mittlerweile formell aufgelösten ›Flügels‹ gegründet worden war«, so Metzger. »Das Beispiel des Landesverbands zeigt, dass sich die offen völkisch-nationalistischen Kräfte nicht von dem vorgeblich weniger radikalen Teil der Partei trennen lassen.«

Auch Antifaschist Schnubby ist überzeugt: »Zum Schluss bleibt nur noch der radikale Bodensatz übrig.« Aufgewachsen ist der 40-Jährige in der Nähe des Marzahner Einkaufszentrums, vor dem er sich postiert hat. »Mittlerweile ist hier eher alles tot«, sagt er. An fast jedem Laternenmast hängen AfD-Plakate. Wegziehen? Das ist für ihn trotzdem kein Thema. Marzahn sei schon immer rechts geprägt gewesen. »Hier sind viele Leute, die sich abgehängt fühlen und die sich durch die einfache Polemik der AfD angesprochen fühlen.« Dass sich die Rechten jetzt so brav geben, überrasche ihn wenig. Schließlich sitze ihnen der Verfassungsschutz im Nacken. Letztlich - und das erlebe er eben in Marzahn-Hellersdorf - beruhe der Wahlkampf der AfD aber trotzdem »nur darauf, den Leuten Angst zu machen und zu hetzen«.

Das könnte hier zumindest erneut verfangen. »Die AfD wird nicht nur trotz, sondern wegen ihrer radikalen Ausleger gewählt«, sagt Frank Metzger vom Apabiz. Gerade die Marzahn-Hellersdorfer AfD ist in dieser Hinsicht weit vorn. Dem Apabiz zufolge sind mit Jeannette Auricht, Gunnar Lindemann und Vadim Derksen dann auch gleich drei Personen aus dem Bezirk im Landesvorstand vertreten, die dem formell nicht mehr existenten »Flügel« zuzurechnen sind. »Die überproportionale Repräsentation des Bezirks dort könnte auf die sehr hohen Ergebnisse bei den vergangenen Wahlen zurückzuführen sein«, so die Rechercheure. Die Berliner AfD bleibe auf das aktivistische Potenzial und die Loyalität ihrer radikalsten Anhänger angewiesen. »Diese haben ihren Einfluss zuletzt verstetigen oder sogar ausbauen können.«

Der Sprecher der Berliner AfD, Ronald Gläser, war am Donnerstag für eine Stellungnahme zu den Apabiz-Recherchen telefonisch zunächst nicht für »nd« zu erreichen.

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