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Der große Aufschwung lässt auf sich warten

Lieferengpässe wirken sich auf Wirtschaftsleistung aus. Wirtschaftsforschungsinstitut IMK senkt seine Prognose für dieses Jahr

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.

Der große Aufschwung lässt noch auf sich warten. Dieses Jahr kommt er nicht mehr. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung senkte in seiner am Mittwoch veröffentlichten Konjunkturprognose seine Erwartungen stark. »Wir erleben einen Aufschwung mit angezogener Handbremse«, sagte IMK-Chef Sebastian Dullien. Er und seine Kolleg*innen gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung nach dem Einbruch infolge der Corona-Pandemie dieses Jahr um 2,6 Prozent steigen wird. Im Juni waren sie noch von 4,5 Prozent ausgegangen.

Das IMK ist nicht das einzige Institut, das seine Prognose dieser Tage senkte. Das Münchner Ifo-Institut revidierte in seiner vergangene Woche veröffentlichten Prognose seine Aussichten von 3,3 auf 2,5 Prozent nach unten. »Die ursprünglich für den Sommer erwartete kräftige Erholung nach Corona verschiebt sich weiter«, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Und auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist nicht mehr so optimistisch wie noch vor einigen Monaten. Es geht für dieses Jahr nur noch von 3,2 statt 2,1 Prozent Wirtschaftswachstum aus.

Für nächstes Jahr hoben die IMK-Ökonom*innen ihre Erwartungen allerdings leicht an. Sie gehen nun davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt dann um 5,1 Prozent wächst. Im Juni gingen sie von 4,9 Prozent aus. Die Arbeitslosenrate wird demnach im Laufe von 2022 von 5,7 auf 5,1 Prozent zurückgehen. Während sich dieses Jahr vor allem die Entwicklung in der Exportwirtschaft positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirkt, wird es nächstes Jahr der private Konsum sein, schätzen die Forscher*innen. So legten die Menschen hierzulande seit Beginn der Corona-Pandemie insgesamt rund 200 Milliarden Euro zusätzlich zur Seite. »Einen Teil dieser Zusatzersparnis werden die Haushalte in den Konsum stecken«, sagte Dullien. Er geht deshalb davon aus, dass die privaten Konsumausgaben im kommenden Jahr um 8,2 Prozent zulegen werden, nachdem sie in diesem Jahr noch leicht um 0,4 Prozent sanken. Vergangenes Jahr waren sie aufgrund der Verunsicherung und Kontaktbeschränkungen infolge der Pandemie um 5,9 Prozent eingebrochen.

Auch die Inflationsrate und die staatliche Neuverschuldung werden laut dem IMK nächstes Jahr wieder zurückgehen. Demnach geht die dieses Jahr besonders hohe Preissteigerung von 2,9 Prozent auch auf temporäre Sondereffekte wie die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz zurück. Das staatliche Defizit wird vermutlich von 4,9 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem auf 1,9 Prozent im nächsten Jahr zurückgehen. Denn der Aufschwung spült neue Einnahmen in die Staatskassen, und vor allem reduziert eine höhere Wirtschaftsleistung schon rein mathematisch die Schuldenquote.

Für das IMK gibt es vor allem zwei Gründe, warum der große Aufschwung dieses Jahr noch auf sich warten lässt. Zum einen ist die Corona-Pandemie noch nicht überstanden. Dies liegt auch an den schleppenden Fortschritten beim Impfen. Das IMK ging im Juni noch davon aus, dass bis Ende Juli 75 Prozent aller Erwachsenen gegen Covid-19 mindestens einmal geimpft sein könnten.

Zum anderen wirken sich die Lieferengpässe immer stärker auf die Wirtschaft aus. »Da sich aber die Nachfrage hin zu Elektronikprodukten verschoben hat und sich in vielen Teilen der Welt die Nachfrage schneller erholt als von den Unternehmen erwartet, sorgen Engstellen für besonders große Probleme«, erklärte Dullien. Das gelte für wichtige Rohstoffe und Vorprodukte, deren Gewinnung und Produktion nach der Pandemie auch erst mit Verzögerung wieder hochgefahren wird. »Diese Engstellen sind hartnäckiger, als wir erwartet haben«, so Dullien.

Die Engpässe haben ihm zufolge die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu den Nachbarvolkswirtschaften stärker getroffen, weil sie im besonderen Maße von der Automobilindustrie abhängig ist. So sind Kraftwagen und Kraftwagenteile mit einem Volumen von 187,5 Milliarden Euro und einem Anteil von 15,6 Prozent an den deutschen Gesamtexporten Deutschlands wichtigste Ausfuhrgüter.

»Man braucht 10 000 Teile, um ein Auto zu bauen, und nur ein Teil, um es nicht zu bauen«, führte Dullien weiter aus, wie sich die Engpässe auf die Branche auswirkten. Laut der IMK-Prognose brach die Produktion dort in den ersten sieben Monaten dieses Jahres preisbereinigt um fast 23 Prozent ein, weil die benötigten Halbleiter fehlten. Hiesige Autobauer gingen deshalb auch immer wieder in Kurzarbeit. Erst am Mittwoch teilte Volkswagen mit, dass wegen Mikrochipmangels in seinem Stammwerk in Wolfsburg erneut Kurzarbeit gefahren wird. So ziehen sich die zuerst bis Ende dieser Woche einkalkulierten Einschränkungen weit in den Oktober hinein, wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte.

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