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Wanderer zwischen den Welten

Max Zirngast saß in Erdoğans Knast und sitzt nun für die KPÖ im Gemeinderat der Stadt Graz

  • Von Stefan Schocher
  • Lesedauer: 2 Min.
Max Zirngast: Wanderer zwischen den Welten

So ganz genau einer Welt - der des Journalismus oder der der Politik - war Max Zirngast (32) bisher nie zuzuordnen. In Ankara hatte er gelebt, von dort fürs »nd« und andere linke Medien von »junge Welt« über »re:volt« bis »Jacobin« berichtet, sich zugleich aber auch aktiv politisch engagiert. Jetzt ist Max Zirngast in der Politik gelandet. Und zwar ganz. Bei der Gemeinderatswahl in Österreichs zweitgrößter Stadt Graz am vergangenen Sonntag, aus der die Kommunisten als stärkste Kraft hervorgegangen waren, errang er eines der 15 Mandate der KPÖ. Im siebenköpfigen Stadtsenat errang die Partei einen dritten Sitz, bisher hatte sie zwei Stadträte.

»Ich habe kein Problem mit einer klaren Haltung«, so Zirngast nach seiner Wahl. Und diese Haltung war es auch, die ihn zum Deniz Yücel Österreichs hatte werden lassen. Im September 2018 wurde Zirngast in Ankara festgenommen. Zu dem Zeitpunkt hatte er dort Politikwissenschaften studiert. Dabei setzte er sich vor allem mit der Kurdenpolitik Erdoğans auseinander. Begründet wurde seine Verhaftung von den türkischen Behörden damit, Max Zirngast würde einer Terrororganisation nahestehen. Selbst schrieb er dazu: »Meine Verhaftung war eine perverse Bestätigung des Autoritarismus.«

Wirklich laut aber wurde es in Wien um seine Verhaftung nicht. 2018, da war die ÖVP-FPÖ-Koalition voll in Fahrt und das Ibiza-Video noch nicht publik geworden. Als zuständige Außenministerin ließ die FPÖ-nahe Karin Kneissl auch keinen großen Appetit erkennen, sich für Zirngast diplomatisch weit aus dem Fenster zu lehnen. Politisch habe sie da keine Einflussmöglichkeiten, sagte sie. Und das, während Journalistenverbände sowie Genossen Zirngasts lauthals protestierten. Nach drei Monaten Haft wurde Zirngast schließlich freigelassen, in weiterer Folge konnte er auch aus der Türkei ausreisen.

Wie verschlägt es einen Südsteierer, der in Wien und Ankara studiert hat, in die Grazer Kommunalpolitik? Einer der ersten Auftritte Zirngasts nach seiner Rückkehr war die Präsentation seines Buches auf Einladung der KPÖ in Graz. Auch andere Parteien hätten sich für ihn eingesetzt, so Zirngast, aber nur die KPÖ habe den persönlichen Kontakt gesucht. Seit März 2021 arbeitete er schließlich voll für die KPÖ in Graz. Stefan Schocher

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