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Projekte auf dem Land erhalten

Die Initiative Polylux fördert linke Räume in Ostdeutschland abseits der Metropolen

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 5 Min.
Initiative Polylux: Projekte auf dem Land erhalten

Die AfD war bei der Bundestagswahl vor allem in den ländlichen Gegenden von Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt erfolgreich. Was bedeutet das für die zivilgesellschaftlichen und linken Projekte vor Ort?
Johannes Richter: So überraschend war das Wahlergebnis der AfD nicht. Bei uns in Sachsen hat sie seit Jahren eine stabile Wähler*innenschaft von rund 25 Prozent. Entsprechend treten die AfD-Anhänger*innen vor Ort immer selbstbewusster auf. Sie festigen hier ihre rechte Hegemonie und können so kleine zivilgesellschaftliche und antifaschistische Projekte immer stärker unter Druck setzen. Dagegen braucht es jetzt einen zivilgesellschaftlichen Linksruck.

Was meinen Sie damit?
Richter: Es braucht gerade in Sachsen eine konsequente Haltung, bei der Antifaschismus wieder zum Anstand dazugehört; es braucht einen antifaschistischen Grundkonsens.

Wie kann man das erreichen?
Fatma Kar: Klar wirkt ein Linksruck auf dem Land gerade weit weg. Und doch ist er möglich – trotz Angstmacherei, Gerede von Extremismusquatsch und politischer Lähmung durch angebliche Neutralitätsgebote. Aus unserer Sicht wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, auf dem Land mehr linke Räume zu schaffen. Hier können sich alternative Jugendliche austauschen, Menschen einen Schutzraum finden und Antifaschist*innen sich vernetzen. Damit wäre es auch möglich, die entsprechenden Positionen wieder in die Orte und lokalen Debatten zu tragen.

Polylux unterstützt verschiedene linke Projekte in Ostdeutschland. Wie läuft das in der Praxis?
Kar: In Suhl haben wir etwa das Projekt AK40. Hier wird Geflüchteten ein Schutzraum geboten. Auch Jugendliche, die vielleicht nicht explizit politisch sind, aber kein Bock auf Neonazis haben, können hier vorbeikommen. Es gibt damit eine klare Alternative zum Schützenverein, dem Kirmesverein oder dem Sportverein und den dort geduldeten rechten Meinungen. Ins AK40 kann man sich zurückziehen und muss sich so nicht der rechten Hegemonie unterordnen. Es sind Räume mit einem antifaschistischen und antirassistischen Grundkonsens. So etwas brauchen wir in jedem ostdeutschen Dorf.

Wie hoch war der Druck auf die Aktiven in den vergangenen Jahren?
Richter: Aufgrund der Corona-Pandemie konnten viele Projekte keine Veranstaltungen durchführen, und Einnahmen brachen weg. Viele Initiativen waren schon zuvor prekär aufgestellt, sie bekamen keine oder kaum staatliche Förderung. Einige wollen sich auch bewusst nicht in die Abhängigkeit einer solchen Förderung begeben. Polylux hat da eine Art Soforthilfe geleistet und beispielsweise bei den Mietzahlungen ausgeholfen. Auf diese Weise konnten die Freiräume als wichtige Anlaufpunkte erhalten bleiben. Dazu gab es aber auch politischen Druck.

Inwiefern?
Richter: Die AfD-Fraktion versuchte beispielsweise, über Kleine Anfragen Druck auf Projekte auszuüben. Dadurch ergab sich in Teilen der Zivilgesellschaft eine große Unsicherheit. Projekte fragen sich, was sie noch sagen dürfen und was nicht. Sie denken nun präventiv darüber nach, wie die AfD auf bestimmte Sachen reagieren würde. Hier will Polylux einen Gegenpol setzen. Wir wollen die Projekte fördern und erreichen, dass sie standhaft bleiben.

Wie wird denn noch politischer Druck ausgeübt?
Richter: Ein gutes Beispiel ist das alternative Festival »Bouncen« in Bautzen. Über die lokalen Partnerschaften für Demokratie sollte es Gelder erhalten, der verantwortliche Begleitausschuss hatte bereits zugestimmt. AfD, CDU und FDP hatten dann jedoch gemeinsam verhindert, dass die Förderung kommt. Polylux war eingesprungen, damit das Festival dennoch stattfinden konnte.
Kar: Es gibt dabei jedoch nicht nur die Angriffe durch die AfD, sondern generell von einer konservativen Gesellschaft, die bestimmte Sachen nicht sehen will. Wir haben in Görlitz etwa eine feministische Gruppe unterstützt. Diese hat nun einen Raum für Veranstaltungen gefunden. Polylux ermöglichte das einfach und schnell.

Die Linkspartei hat bei den Bundestagswahlen viele Stimmen im Osten verloren. Hat das Auswirkungen auf die lokalen Projekte?
Richter: Bei den Projekten, die ich kenne, hat die Linkspartei keine große Rolle gespielt. Entweder war sie in der Region nicht so gut aufgestellt oder hatte weniger Anbindung an die Themen der sozialen Bewegung.

Um so wichtiger scheint eine unabhängige Förderung. Wie hat sich Polylux in den vergangenen Jahren entwickelt?
Kar: Polylux ist schneller gewachsen, als wir dachten. Wir wollten zuletzt auch eine Tour durch westdeutsche Städte machen, um noch bekannter zu werden – die Corona-Pandemie hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben dennoch im vergangenen Jahr Projekte mit fast 70 000 Euro unterstützt. Da kam eine Spende über 100 000 Euro zur selben Zeit genau richtig, sonst hätten wir nicht in dem Umfang helfen können. Nach der Bundestagswahl gab es zudem einen neuen Schub von Förderpatenschaften.

Wie schwer ist es, Vertrauen zu neuen Projekten aufzubauen?
Kar: Oft hat es lange gedauert, bis wir den Projekten klarmachen konnten, dass wir sie nicht kontrollieren wollen. Unsere Arbeit basiert auf Vertrauen. Die Projekte müssen uns kennenlernen und merken: »Ah, die sind in Ordnung. Das sind Leute, die unsere Lebensrealität kennen.« Wenn wir so weit sind, funktioniert es relativ gut.

Fällt es angesichts der Zustände im ländlichen Osten schwer, nicht zu resignieren?
Kar: Aufgeben kommt nicht infrage. Ich bin in den 1990er-Jahren im Osten als Flüchtlingskind aufgewachsen. Der Hass war hier immer schon da, umso wichtiger ist es, dass wir endlich handeln. Es ist dabei auch wichtig, sich bewusst zu machen, dass es in den ländlichen Gegenden weiterhin viele tolle Menschen und Projekte gibt. Nicht alles ist verloren.
Richter: Für mich ist es auch in Ordnung, mal niedergeschlagen oder zynisch zu sein. Das zeigt immerhin: Diese Zustände sind für einen nicht normal. Diese negativen Gefühle müssen aber irgendwann in die Bewunderung für die Leute übergehen, die vor Ort geblieben sind und den Kampf weiterführen. Diese Menschen gilt es, durch den Aufbau und die Förderung von unabhängigen Strukturen zu stärken.

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