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Aus den Schatten ans Licht gebracht

Eine neue Ausstellung in Weimar erinnert an die vergessenen Frauen des Bauhauses

  • Von Martin Stolzenau
  • Lesedauer: 5 Min.
Dörte Helm, »Selbstporträt mit Kaktus«, Pastell auf Papier, 1926, Privatbesitz
Dörte Helm, »Selbstporträt mit Kaktus«, Pastell auf Papier, 1926, Privatbesitz

Eigentlich glaubte man 2019, im 100. Gründungsjahr des Bauhauses, alles über die Kunstschmiede der Moderne erfahren zu haben und zu wissen. Doch dem ist bei weitem nicht so. Schon bei der Vorbereitung des Jubiläums wurde offenbar, dass es noch viele Desiderate gibt. Der Blick auf noch vorhandene Leerstellen wurde geschärft. Dazu gehören Leben und Schaffen der Bauhausfrauen, die nach wie vor viel zu wenig beachtet werden. Von den 462 Studentinnen am Bauhaus, immerhin ein Drittel der gesamten Studentenschaft, ist nur wenig bekannt, weshalb im vergangenen Jahr die Klassik-Stiftung Weimar und die Universität Erfurt ein Projekt initiierten, um Abhilfe zu schaffen. Erste Ergebnisse werden jetzt in einer Sonderausstellung im Bauhaus-Museum Weimar präsentiert.

Die Schau versteht sich einerseits als Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zur Geschichte des Bauhauses, andererseits als Beitrag zur weiteren Erforschung des Schicksals der Bauhäusler in der NS-Zeit. Nicht nur berühmte und weniger berühmte Männer, auch die Frauen dieser zweifellos einflussreichsten Bildungsstätte für Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert wurden verfolgt, ins Exil getrieben oder in die Konzentrationslager der Nazis deportiert und ermordet. Die wissenschaftliche Erschließung der einzelnen Schicksale, vor allem der im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen schon seinerzeit weniger beachteten Frauen in Zeiten der faschistischen Okkupation Europas und der Kriegswirren war besonders schwierig. Hinzu kommt, dass einige mit der Heirat ihre Namen wechselten oder unter dem Druck unwirtlicher Umstände im Exil den Normen in ihrer neuen Heimat sowie aus schierer Existenznot ihr künstlerisches Schaffen aufgeben mussten. Die meisten Arbeiten von Bauhäuslerinnen gingen verloren, entweder mit deren Deportation in die Ghettos und Lager im deutsch besetzen Osten oder während ihrer Fluchtodyssee quer durch Europa und über den »Großen Teich« nach Amerika.

Es gelang immerhin in der ersten Forschungsphase, von den 462 Bauhausstudentinnen 39 aufzuspüren; 24 werden in dieser Ausstellung vorgestellt.

Die Kärrnerarbeit hat sich gelohnt. Offenbar wird, es gab nicht »die« Bauhäuslerin an sich. Die Studentinnen zeichneten sich durch recht unterschiedliche Begabungen aus und verarbeiteten das Gelernte eigenschöpferisch sehr verschieden weiter. Das wird unter anderem bei der Gegenüberstellung der Werke der Bildhauerinnen Harriet von Rathlef-Keilmann und Lola Töbke deutlich. Während die große Figur von Rathlef-Keilmann mit der modernen Formgebung an die Arbeiten von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz erinnert, beeindruckt die Frauenfigur »Tänzerin« von Töbke eher durch ihre klassische Ausformung. Die erhaltenen Arbeiten der Bauhausfrauen spiegeln auch die Entwicklung der Bauhauskunst in ihren diversen Facetten wider. Auffällig ebenfalls, dass die Bauhäuslerinnen das Thema Faschismus und Holocaust grundsätzlich anders verarbeiteten als ihre männlichen Kollegen, sehr viel sensibler und emotionaler.

Frauen waren in allen Bauhaus-Werkstätten vertreten, in der Weberei ebenso wie in der Keramik, Fotografie, Malerei und Buchbinderei bis hin zur Architektur. Jedoch nur neun von ihnen erlangten an den Bauhausorten Weimar, Dessau und Berlin auch Lehraufgaben. Vier davon werden in der Schau mit ihren Arbeiten porträtiert: Lilly Reich, Karla Grosch, Otti Berger und Gertrud Grunow.

Während die meisten Bauhäuslerinnen wie viele ihrer männlichen Kollegen nach dem Machtantritt der Nazis aus Deutschland emigrierten, gelangten vier Künstlerinnen nach entsprechender Anpassung zu Erfolg in der NS-Zeit. Von einer Bauhausabsolventin ist gar eine engagierte Mitgliedschaft in der NSDAP überliefert. Dieses Kapitel der Geschichte der renommierten Institution ist erst mit dem Jubiläum ernsthaft aufgearbeitet worden. Die Mehrheit der Bauhausfrauen war jedoch allein aufgrund ihrer jüdischer Herkunft wie auch ihrer politischen Gesinnung in Nazideutschland nicht mehr gelitten. Besonders berührend ist das Schicksal von Friedl Dicker, die als Jüdin ins KZ Theresienstadt deportiert wurde und den dortigen Kindern unter schwierigen Bedingungen Zeichenunterricht erteilte, ihnen quasi einen kleinen Trost im erbarmungslosen Lageralltag spendete. Davon zeugen viele erhalten gebliebene, über die NS-Zeit gerettete Blätter, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Die gebürtige Österreicherin, Malerin, Designerin, Kunsthandwerkerin und Innenarchitektin ist Anfang Oktober 1944 in Auschwitz ermordet worden.

Der Vergessenheit entrissen wurden durch die jüngsten Recherchen auch die Schicksale von Hilde Horn, Lilly Reich und Charlotte Brand. Die mit einem Arzt verheiratete Horn entwickelte sich unter dem Einfluss des ebenfalls verheirateten Bauhausmeisters Laszlo Moholy-Nagy zu einer professionellen Fotokünstlerin, die zu großen Hoffnungen berechtigte. Über Schülerin und Lehrer ist eine stürmische Affäre überliefert. Reich, die schon früh dem Werkbund angehörte und bis zu dessen Auflösung als einzige Frau Mitglied des Vorstandes war, wirkte als rechte Hand für Mies van der Rohe, gestaltete gemeinsam mit ihm internationale viel beachtete Ausstellungen und übernahm 1932 unter ihm die Leitung der Ausbau-Abteilung in Dessau. Während van der Rohe ungebrochen Weltruhm genoss und genießt, fiel die 1947 verstorbene Reich der Vergessenheit anheim.

Die attraktive, aus Pforzheim stammende Jüdin Brand wiederum avancierte in Weimar und Dessau unter dem Bauhausgründer Walter Gropius zu einer herausragenden Malerin. Sie emigrierte vor dem ausufernden Naziterror in Deutschland nach Paris, Madrid und Barcelona, wo sie unter anderem mit Pablo Picasso zusammenarbeitete. Dank Gropius konnte sie schließlich nach New York übersiedeln, wo ihre letzte Ausstellung stattfand. Sie starb 1944 an Krebs. Nach 1945 tauchten mehrere Arbeiten von ihr überraschend auf dem Kunstmarkt auf und wurden zu satten Preisen versteigert. Einige sind in der aktuellen Weimarer Schau zu bewundern.

Gewiss, einige Bauhausfrauen sind in den letzten Jahren bereits mit Einzelausstellungen oder Publikationen gewürdigt worden. Beispielsweise Alma Siedhoff-Buscher 2005 im Bauhaus-Museum von Weimar. Ihre multifunktionalen Kindermöbel sind seitdem im Musterhaus »Am Horn« zu bestaunen und ihr »Kleines Schiffbauspiel« ist sogar wieder im Handel erhältlich: Ein kindgerechter Bausatz, der entsprechend der allgemeinen Anforderung von Gropius nach attraktiven und gleichzeitig industriell herstellbaren Produkten, freie Kreativität bei den Jüngsten der Gesellschaft förderte. Die meisten Bauhäuslerinnen blieben jedoch bis jetzt im Schatten ihrer männlichen Kollegen, obgleich sie ebenbürtige Werke wie diese schufen und ihr Leben nicht minder dramatisch verlief. Umso erfreulicher, dass sie nunmehr sukzessive in Licht der Öffentlichkeit gebracht werden sollen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Projektes ist weiterhin ein glückliches Händchen bei der Erforschung und Publizierung dieser Biografien zu wünschen. Die Frauen des Bauhauses haben es verdient!

»Vergessene Bauhaus-Frauen. Lebensschicksale in den Jahren 1930-1940«, Bauhaus-Museum Weimar, Stéphane-Hessel-Platz 1, 99423 Weimar; bis 4. Januar, täglich außer dienstags geöffnet 9.30 bis 18 Uhr (Katalog).

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