Der Geschmack der Erinnerungen

Leo Fischer über das Geschäft des Filmkonzerns Netflix mit Daten und Emotionen

Die südkoreanische Horrorserie »Squid Game« ist sensationell: In weniger als einem Monat haben 111 Millionen das Netflix-Format gesehen, das 500 verschuldete Personen im Kampf auf Leben und Tod in mörderischen Spielen zeigt. Neben der Ästhetik wurde der sozialkritische Aspekt gelobt, der die Hoffnungslosigkeit der koreanischen Leistungsgesellschaft als eigentliche Hölle darstellt – und die psychologische Mechanismen seziert, die Menschen an sie bindet.

Wieder einmal hat Netflix alles richtig gemacht! Kaum ein neues Format, das nicht als geniale Zeitkritik gewertet wird. Sicher, gerade in Sachen Repräsentation und Diversität macht die Plattform vieles richtig. Die Unabhängigkeit von Werbebudgets und Rundfunkräten sorgt für eine Offenheit, neben der das avancierteste deutsche TV-Produkt hinterwäldlerisch wirkt. Es macht eben einen Unterschied, ob beim Zuschnitt neuer Sendungen noch ein katholischer Bischof oder der Vertreter einer Windelfirma drübergucken darf. Die Versöhnung von Kulturindustrie und Avantgarde, hier wird sie Ereignis! Kapitalismuskritik als Massenkultur? Netflix geht weiter, als Brechts episches Theater jemals hätte träumen können!

Aber kann ein internationales Milliardenunternehmen wirklich Verbündeter im Kampf gegen Ungleichheit sein? Die brachiale und, ja, auch platte Kapitalismuskritik eines Formats wie »Squid Game« macht rasch vergessen, dass der Streamingdienst jede Minute Sendezeit datenanalytisch auswertet: Was wird geguckt, von wem, wann? Wann wird pausiert, wann eine Staffel übersprungen? Diese Daten, zum Nutzerprofil und sozialem Stratum verdichtet, sind das eigentliche Kapital des Senders, nicht der vergleichsweise lächerliche Monatsbeitrag; dass sie freimütig als »business insights« feilgeboten werden, steht ganz offen auf der Homepage. Der scheinbare Verbündete im Kampf gegen das Kapital stellt jenem alles zur Verfügung, was es über das Seelenleben der Nutzer*innen wissen muss.

Auch in die eigene Produktion werden die Nutzer*innendaten zurückgespielt. Die seltsame Gleichförmigkeit der Netflix-»Experience«, unabhängig vom Genre, die Cliffhanger zum Folgen- und Staffelende entstammen wohl dieser Form des Neuro-Marketings, wie auch die mittlerweile völlig entfesselte Nostalgiepolitik, maßgeschneidert auf die psychosozialen Bedürfnisse der Generation Praktikum, die jetzt Generation Corona-Nothilfe ist. Kein Samstagmorgen-Cartoon der 90er, der nicht schon längst sein wahlweise düsteres oder ironisches Prequel, Sequel oder sonstiges Spinoff hätte; man wartet nur noch auf die Realverfilmung der Gummibärenbande.

Schamlos werden die Emotionen des Publikums kolonisiert, Kindheitserinnerungen verwurstet und in kleinen Zellophanpackungen ans Publikum zurückverkauft, das diese standardisierten Erinnerungen für seine eigenen hält. Währenddessen normiert Netflix die ästhetische Erwartung, reduziert Spontaneität und Überraschung. Die oft kritisierte Reduktion des Filmklassiker-Sortiments ist Programm: Netflix zementiert vor allem den eigenen Kanon, »Filmkunst« ist auch nur ein Genrecode.

Die Hoffnung auf eine Überwindung der Verhältnisse ist in dieser Welt letztlich nur ein kulturelles Substrat, das reaktiviert und neu verwertet werden kann, ähnlich wie die Erinnerung an Star Wars oder der Geschmack von Cornflakes. Der Wunsch, sich beim abendlichen Slasher-Gucken auch noch das richtige Bewusstsein draufzuschaffen, ist dann vielleicht ebenso konsumistisch wie derjenige, mit Biofleisch die Klimakatastrophe aufzuhalten.

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