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»Es gibt ein kleines Fenster, und da musst du rein«

Ein großartiges Debüt: »Hitze« von Raven Leilani erscheint endlich auf Deutsch - ein Roman, der ernste Themen anpackt, dabei aber witzig und leicht ist

  • Von Isabella A. Caldart
  • Lesedauer: 5 Min.

Sie ist eigentlich eine klassische sehr junge Millennial oder eine ältere Generation-Z-Vertreterin: Edie, eine 23-jährige Schwarze Frau, arbeitet in einem Verlagsjob, den sie nicht sonderlich mag, wohnt in einer kakerlakenverseuchten WG in Brooklyn und beginnt eine Affäre mit einem doppelt so alten weißen Mann, der in offener Ehe lebt und den sie über eine Dating-App kennenlernt. Sie ist die Protagonistin in »Hitze«, dem ersten Roman von Raven Leilani, kürzlich 31 geworden, der in den USA mit mehreren Preisen ausgezeichnet und unter anderem von Zadie Smith (Leilanis Mentorin, die sie vom Studium an der New York University kennt), Carmen Maria Machado und Brit Bennet gelobt wurde.

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Raven Leilani: Hitze.
A. d. Engl. v. Sophie Zeitz. Atlantik, 256 S., geb., 22 €.

Dass »Hitze« aber kein typischer Millennial-Roman ist, von denen Jahr für Jahr Dutzende erscheinen, liegt am einzigartigen Stil und der gekonnten Figurenzeichnung der New Yorker Autorin und der Art, wie sie Themen wie Klassismus und Rassismus verhandelt.

Edie ist eine großartige Protagonistin, unverblümt, offen, und obwohl sie sich in ihrem Leben über vieles beschweren könnte, vollkommen frei von Selbstmitleid. Vielmehr erzählt sie ihr Leben ganz nüchtern, manchmal selbstironisch. Sie eiert zwar recht orientierungslos durchs Leben, ist sich ihrer selbst aber hyperbewusst.

Als ihr Eric, der Mann, mit dem sie die Affäre hat, beim ersten Treffen sagt, dass er nicht genau weiß, woran er bei ihr sei, jubelt Edie innerlich, »weil ich es geschafft habe, meine Bedürftigkeit und Negativität zu verbergen«. Als er sie wenig später ghostet, fährt Edie kurzerhand in die Suburbs von New Jersey und bricht in sein Haus ein. Sie schlendert durch die Zimmer, eine Milchtüte aus dem Kühlschrank in der Hand, öffnet Schränke. Und dann wird sie von Erics Frau Rebecca erwischt.

Eine andere Autorin hätte wahrscheinlich diesen Moment dramatisch zugespitzt und davon ausgehend die Handlung erzählt. Nicht aber Leilani. Denn Rebecca weiß bereits, wer Edie ist. Sie ist zwar nicht begeistert über ihre Anwesenheit, schickt sie aber nicht weg oder droht gar mit der Polizei, sondern lädt sie auf eine Party ein, die für den gleichen Abend geplant ist, legt ihr sogar ein Kleid raus. »Ich weiß, wer Sie sind, aber ich will nicht darüber reden, falls das in Ordnung für Sie ist«, sagt sie nüchtern.

Langsam kristallisiert sich heraus, dass die Kernbeziehung in dem Roman nicht Edie und Eric sind, sondern Edie und Rebecca oder vielleicht auch Edie und das Ehepaar. Später nehmen Eric und Rebecca Edie, die aus ihrer Wohnung in Brooklyn fliegt, bei sich auf.

Warum, das wird nie wirklich ausgesprochen. Ein Grund ist wohl, dass Rebecca und Eric eine Schwarze Tochter adoptiert haben, die zwölfjährige Akila, die vierte Protagonistin des Romans. Ihre Eltern wissen nicht immer, wie sie mit Akila umgehen sollen. Als sie sich für eine Comic Convention ein sehr knappes Kostüm aussucht, belauscht Edie ein Gespräch zwischen ihren Eltern - wie Rebecca »für blickdichte Strumpfhosen plädiert und Eric mit seiner Weißheit und Akilas Wirkung hadert. Wir können ihr nicht alles erlauben, nur weil sie Schwarz ist, sagt Rebecca. Das ist kein intersektionaler Feminismus, das ist schwache Elternkompetenz.«

Diese Szenen sind typisch für den trockenen, subtilen Humor von Leilani. Immer wieder streut sie ironische Beobachtungen ein. So hat der Verlag, für den Edie arbeitet, »Diversity-Give-aways« ausliegen, neben »Slave Narratives« auch den Roman einer selbstlosen weißen Lehrerin und ein Buch über ein kantonesisches Restaurant. Im Verlag arbeitet neben Edie eine weitere Schwarze Frau. Freundinnen sind sie aber nicht, weil Edie zu früh zu viel von ihrem Zorn geteilt habe, »zu viele sind diese weißen Menschen (...). Zu viel Scheißpolizei. Wir haben beide einen Abschluss in Doppelt-so-gut-für-halb-so-viel, aber ich glaube, sie findet den Eintrittspreis immer noch akzeptabel.«

Als Edie gefeuert wird, bekommt die Kollegin ihren Job. In einem kurzen Gespräch macht sie Edie klar, warum sie so ehrgeizig ist: »Es gibt tatsächlich ein kleines Fenster, wo sie nicht wissen, wie Schwarz du bist, und da musst du rein.« Unmöglich für Edie, ein zu chaotischer, kein berechnender Mensch.

Auch Klassismus spielt für sie eine große Rolle, immerhin hat sie ihren Job verloren, schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Als sie bei Eric und Rebecca einzieht, tauchen immer wieder Umschläge mit Geld in ihrem Zimmer auf. Warum und von wem, weiß sie nicht genau, und obwohl Edie das Gefühl Scham durchaus bekannt ist, akzeptiert sie, dass sie nicht in der Situation ist, das Geld abzulehnen, und dass die beiden möglicherweise versuchen, sich so von ihrer White Guilt freizukaufen. Sie investiert es in Malutensilien, ihre einzige wahre Leidenschaft.

An ein, zwei Stellen schießt Raven Leilani etwas über ihr Ziel hinaus, wenn Rebecca beispielsweise eine Leiche obduziert und Edie mitnimmt, damit sie diese malt. Dem sonst rundum gelungenen Roman seien diese Szenen aber verziehen. »Hitze« besticht auch durch die Sprache (gekonnt und sensibel übersetzt von Sophie Zeitz, die »Schwarz« als Adjektiv mit großem S schreibt, um zu verdeutlichen, dass es sich nicht um eine Farbe, sondern eine soziale Kategorie handelt), in der, Edies Alter entsprechend, viele Markennamen genannt werden, »IRL« (in real life) gesagt wird - so, wie junge Menschen im Alltag reden, authentisch und nicht aufgesetzt.

Es gibt auch immer wieder pointierte One-Liner, etwa wenn Edie sagt: »Ich schleiche durchs Haus und versuche, ethnisch neutral zu sein« oder wenn sie festhält, dass es Schlimmeres gibt, als sich für einen uninteressierten Mann zu verbiegen, nämlich »Massentierhaltung, christlichen Rock, die dreidimensionale Animation von Meister Proper«.

Trotz der eigentlich schweren Themen ist »Hitze« ein wirklich witziges Buch, das sich selbst nicht zu ernst nimmt. Nur an einer Stelle ist es frei von Humor oder Leichtigkeit - als es zur Konfrontation mit der Polizei kommt. Davon abgesehen ist »Hitze« ein Roman, der vom Leben einer Schwarzen Frau erzählt, die weder tragisch noch heroisch ist, sondern ganz alltäglich sein darf.

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