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»Es war kalt, und ich war fünf Jahre alt«

Deutschland war einmal ein türkisches Märchen und eine Odyssee: Ein Gespräch mit Levent Aktoprak

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 9 Min.

Sie haben zwei Ihrer alten Gedichtbände wieder veröffentlicht: Eigentlich sind es zwei Langgedichte: »Unterm Arm die Odyssee«, erschienen 1987, und »Das Meer noch immer im Kopf« von 1991. Warum gibt es die jetzt in einem Band?
Immer wieder wurde ich bei Lesungen gefragt, ob die Bücher noch aufzutreiben sind. Mit einem Musiker hatte ich die »Odyssee« als eine musikalisch-literarische Reise vorgestellt, mit der wir durch ganz Deutschland getingelt sind. Mit Zitaten aus allen Genres: osmanischer Kunstmusik, Volksmusik und politischem Lied. Die Bücher hatten im Dağyeli-Verlag zwei Auflagen und waren dann vergriffen, auch weil der Verlag 1994 seine Arbeit vorübergehend eingestellt hatte.

Es kamen immer wieder Anfragen von Interessenten, beispielsweise von Bildungseinrichtungen, teils auch aus Übersee, die sich mit Migration und Integration beschäftigten, mit Identität und Kulturverschiebungen - mit allem, was gerade heute wieder intensiv diskutiert wird. Als die neuen Verleger von Dağyeli sich diese alten Texte anschauten, haben sie gesehen, dass das ein Dokument gelebter Erinnerungskultur ist.

Ihre persönliche Migration begann im Winter 1964, mit Schuhgröße 24, wie Sie in der »Odyssee« schreiben.
Ja, so kam ich unter die Deutschen - eine Anspielung auf Hölderlin. Es war kalt, es hatte geschneit, ich war fünf Jahre alt. Meine Eltern waren vorausgegangen, und dann holten sie nach ein paar Monaten meinen Bruder und mich nach. Viel später erinnerte ich mich an einzelne Bilder, Bruchstücke von damals. Woher wusste ich, dass Papa unter Tage gearbeitet hat? Man sah es an den schwarz geränderten Augen. So kam ich unter die Deutschen, ins Ruhrgebiet, und wuchs zwischen Kohlehalden und Ascheplätzen auf.

In meinen Gedichten gibt es viele bewusste Anspielungen. Man hört den Brecht, Hikmet, Fried, Heine und Kafka. Politische Geschichte wird verhandelt. Und wenn ich das lyrisch nicht gut packen kann, mache ich daraus ein Märchen oder eine Fabel.

In »Das Meer noch immer im Kopf« ist auch die Rede von »meinem Ach«. Diese Formulierung ist von Ihnen, oder?
Die Geschichte basiert auf einer Reise nach Rotterdam und ist mir heute etwas peinlich: Ich saß im Zug, eine junge Frau setzte sich mir gegenüber, guckte irgendwann rüber, dann guckten wir uns an, und sie schaute auf mein Buch. Ein deutsches Buch, »Memed mein Falke« von Yaşar Kemal. »Sie sprechen Deutsch?«, fragte ich, und sie antwortete: »Ein bisschen.« Das war ein Moment, um sich zu verlieben. Ich sagte: »Ach«, und weg war mein Ach. Übermütig zog es von dannen und trieb Schabernack, keck wie Till Eulenspiegel. Dieser Moment erinnerte mich an Morgenstern, der hatte einen Seufzer. Der ertrank. Mein Ach aber kehrte immer wieder zurück. Ich hätte ein Liebesgedicht schreiben können, aber auf wen? Ich kannte die Frau nicht, sah sie nie wieder. Allein die Begegnung hatte mich begeistert.

Stattdessen werden im Poem »volle Sonnen« und »sonnige Widersprüche« versprochen, ein revolutionärer Jugendführer hält pathetische Ansprachen.
Genauso habe ich das erlebt, ich musste einfach diesen Duktus wiedergeben. Die türkische Kultur hat dieses Pathos, das man aus den Gedichten von Neruda oder Hikmet kennt. Die türkische Linke ist pathetisch, begeisterungsfähig, hitzig. Im Prinzip habe ich meinen Cousin hier beschrieben. Die meisten in unserer Familie waren links, an China oder an der Sowjetunion orientiert. In den 70er und vor allem 80er Jahren gab es viele konkurrierende linke Gruppen in der Türkei.

Da gab’s ordentlich Streit, oder? Wie bei dem Gleichnis von den drei Eseln, das in dem Poem auftaucht: Sie stehen im Stall und streiten sich die ganze Nacht, wer aus der besten Gegend kommt, während ihre Herren entspannt schlafen können.
Es gab endlose Diskussionen und Richtungsstreitigkeiten, vor allem an den Hochschulen. Es gab die KP-Jugend, die radikaleren »Dev-Yol« und »Dev-Sol«. In Ankara wie in anderen Städten gab es Viertel, die man besser nicht betrat. Es war gefährlich, vor allem abends. Wenn ich mit Cousin Ali loszog, sagte der: »Willst du vielleicht mal Turnschuhe anziehen?« - »Wieso, wollen wir joggen?«, fragte ich und er: »Nein, wir kommen durch eine Gegend, wo man rennen muss. Da sind die Faschisten, die Grauen Wölfe.«

Ein Cousin ging in den Knast, weil er jemanden angeschossen hätte. Dabei besaß er gar keine Waffe. Oder hatte er die alte Knarre vom Opa gefunden? Im Poem wird das die Zwischenerzählung über meine Verwandten und Freunde in der Türkei. Die Rechten hielten zusammen, und die Linke war zersplittert, teils sich spinnefeind. Das konnte nicht gut gehen.

Sie schreiben von »Deutschland, ein Wintermärchen« und »Deutschland, ein türkisches Märchen«.
Ich sprach einmal in der Türkei mit einem deutschen Lehrer, der dort als Tourist unterwegs war, über Heinrich Heine. Da kamen wir auf »Deutschland, ein türkisches Märchen«. Für die meisten Türken war Deutschland ja tatsächlich ein Traum: Dort wachsen die Bäume in den Himmel, Milch und Honig fließen, man kann viel Geld verdienen. Es gab anfangs eine richtige Aufbruchstimmung bei den Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen.

Für die wurde aber aus dem Märchen doch ein ziemlich proletarischer Knochenjob?
In dem Sinne war es auch nur ein Märchen. Für die Türken war Deutschland ein Märchen, weil sie dort Arbeit bekommen, einen Traum verwirklichen konnten: ein Stück Land oder eine Wohnung kaufen, ein Haus bauen. Die Papiere abholen, und dann ab in die Türkei. Aber so lief die Geschichte nicht. Ihre Kinder wurden in Deutschland geboren und wuchsen dort auf.

Wie war das für Sie als Kind, das Deutsch lernen musste?
Die ersten Jahre waren extrem. Ich kam in einen Ganztagskindergarten und wurde von meiner Mutter wieder herausgenommen, weil mir regelmäßig schlecht wurde. Ich verstand nichts, war völlig verschüchtert und hatte Ängste. Pädagogen sprechen gerne vom »Kulturschock«; ich glaube, das war einer. Und viele Türkischstämmige, die aufgestiegen sind und heute als integriert gelten, hat man erst mal in die Hauptschule gesteckt.

Ihre Eltern haben beide gearbeitet?
Ja, meine Mutter ist als Erste nach Deutschland gekommen. Mein Vater kam zwei, drei Monate später nach. Mama hat in der Fabrik gearbeitet, Papa unter Tage. Die Mama war bei uns die Kanzlerin und Papa eher der Bundespräsident. Mama hat die Richtung vorgeben, und der Papa hat das abgenickt. Er war für das Repräsentative zuständig, das in einer patriarchalischen Kultur wichtig ist. Die Fäden hat die Mama hinter den Kulissen gezogen.

Beide haben früh gemerkt, dass man in die Bildung der Kinder investieren muss. Sie haben nicht wie bei anderen Familien darauf gepocht, dass die Kinder nach der Schule schnell Geld nach Hause bringen. Der Traum war ja, mit ordentlich Geld in der Tasche zurückzugehen. Diesen Traum haben meine Eltern recht bald aufgegeben. In gewisser Weise war es ein Glück für uns Kinder, dass meine Eltern zwar keine Akademiker waren, aber aus der Großstadt kamen. Meine Mama hat alles gemanagt. Papa war eher der Ruhige, von ihm habe ich die Liebe zur Poesie mitbekommen. Er hat selbst viele Gedichte und Erzählungen geschrieben.

Wurden die auch veröffentlicht?
Zwei, drei Sachen wurden von ihm veröffentlicht, in »Hürriyet« oder »Milliyet«. Bei uns im Wohnzimmer standen nicht nur der Koran und die Hadithen, sondern auch Yaşar Kemal, Nâzım Hikmet, Orhan Veli, Sait Faik, die ganze Bandbreite der türkischen Literatur. Meine Eltern lasen regelmäßig eine türkische Tageszeitung. Unter den Gastarbeitern der ersten Generation gab es eine regelrechte Zeitungskultur. Man hat sich im Café oder auf einer Parkbank getroffen und Zeitung gelesen. Meine Eltern waren eher kemalistisch-sozialdemokratisch orientiert, sie lasen mal die »Milliyet«, mal die »Cumhuriyet«.

Und Sie waren Anhänger von zwei verschiedenen Istanbuler Fußballklubs?
Mein Vater war Fenerbahçe-Istanbul-Fan, meine Mutter für Galatasaray. Papa meinte, man müsse patriotisch sein und auf der asiatischen Seite bleiben. Mama sagte: »Nein, ich will auf der modernen, europäischen Seite sein.« Da prallten Kontinente aufeinander. Meist hat sich die Mama durchgesetzt.

Und Sie sind Dortmund-Fan?
Im Ruhrgebiet, in Hamm, wo ich aufgewachsen bin, musst du dich entscheiden: Entweder bist du Blau-Weiß oder Schwarz-Gelb. Schalke oder Dortmund. Irgendwann war ich dann der Präsident des Internationalen BVB-Fanclubs.

Sie beschreiben sich im Vorwort als einen »Lokalpatrioten von 1,68 Meter«. Erst seien Sie Türke gewesen, dann »Vorzeigetürke« und schließlich »Deutschtürke«.
Ich habe es erlebt, wenn man »der Türke« war. In der Grundschule schämte ich mich, wenn der Lehrer den Namen Levent Aktoprak unmöglich fand und die ganze Klasse gelacht hat. Im Gymnasium dann habe ich stolz meinen Namen erklärt, dass bei den Osmanen die Kapitäne und Maate so genannt wurden. Dass Aktoprak weiße Erde bedeutet, aus der man in Konya Keramik fertigt. So erzählte ich Geschichten über mich. Auf dem Gymnasium war ich der erste Türke, beim ZDF der erste türkische Moderator, beim Deutschlandfunk bin ich nach wie vor der einzige Türkischstämmige mit einer Livesendung. Immer wieder sagte da der eine oder andere Kollege: »Da kommt unser Vorzeigetürke.« Ja, ein Türke, der unverschämt gut Deutsch spricht, kreativ mit Sprache umgehen kann, studiert hat - also gar nicht mehr auffällt.

»Deutschtürke« ist ein politischer Begriff, als man uns irgendwie definieren musste: Deutsche mit Migrationshintergrund. Wir gelten als integriert, aber ich habe meine Schwierigkeiten mit diesem Begriff. Wann ist man denn »integriert«? Welche deutschen Werte muss man im Alltag leben, dass man wirklich integriert ist? Dieses Wort ist so ausgelutscht. Wohin sollen wir denn integriert werden: in die Unterschicht, in die Oberschicht? Und um auf mein Buch zurückzukommen: Eine Odyssee war die Ankunft meiner Eltern in Deutschland; eine Odyssee ist es, wenn ich als Journalist oder auch als lyrisches Ich in die Türkei fahre. Aber ich fahre nie zwischen den Kulturen, sondern immer mit den Kulturen.

Lesung und Diskussion in der nd-Literaturwoche am Freitag, 22.10. um 19 Uhr im Salon des FMP 1, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin.

Levent Aktoprak: Unterm Arm die Odyssee/ Das Meer noch immer im Kopf, Dağyeli-Verlag, 148 S., br., 18 €.

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