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Der Kopf von Julian Reichelt reicht nicht

Das Ende der Ära Reichelt wirft auch Fragen zu dem System »Bild«-Zeitung auf. Der Kapitalismus im Journalismus ist auch eine Gefahr für die Pressefreiheit, findet Penelope Kemekenidou.

  • Von Penelope Kemekenidou
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn du in die Crew hinein willst, bring mir den Kopf von Julian Reichelt! Was für K.I.Z. stimmt, ist auch historische Wahrheit. Rollen mächtige Köpfe, bewegt das die Geschichte. Reichelts Abgang hat eine Welle von Euphorie ausgelöst. Mit Faszination wird nun hinter die Kulissen gelugt – auf die Intrigen, das Geld und natürlich: das »Opfer Frau«. Sein Abgang wird dabei schon als feministischer Sieg interpretiert. Was kaum thematisiert wird: die Macht, die hinter Reichelt steht. Und das ist ein grundlegendes Problem der feministischen Bewegung in Deutschland.

Unangepasster Boulevardjournalismus: Wo Männer noch zusammenhalten

Gerade die letzten Jahre im Hause »Bild« zeigen, dass mit dem Abgang problematischer Figuren kein Wechsel im System folgte. Schon bei dem ehemaligen Chefredakteur des Boulevardblattes Kai Diekmann war der Sexismus der alten Riege nicht mehr ganz so zeitgemäß; mit einem Augenzwinkern wollte man ihn aber noch nach außen verkaufen. 2015 startete dann die Kampagne #StopBILDSexism und prangerte die tägliche Sexualisierung und Erniedrigung von Frauen an. Visuell wie inhaltlich. Mit Diekmann verschwand Ende 2016 auch zum großen Teil das »Bild«-Girl. Als Tanit Koch zur Chefredakteurin ernannt wurde, weigerte sich die »Bild« unter ihrer Regie, von Feminiziden zu sprechen, obwohl es weltweit Debatten dazu gab. Mit ihr ebbte auch der antimuslimische Rassismus nicht ab, im Gegenteil.

Dass Reichelt jetzt weg ist, hat sicher auch mit dem Kampf von Aktivist*innen und Journalist*innen in zahlreichen Redaktionen zu tun. Julia Vohl, Anwältin für Arbeitsrecht, sagte im »Spiegel«: »#MeToo hat die Gesellschaft geändert: Es kommen mehr Fälle zur Sprache, und mehr Fälle werden zugunsten der Opfer entschieden.« 2021 will der 81-jährige Verleger Dirk Ippen die Veröffentlichung einer Recherche gegen Reichelt stoppen. Ein Team um die Journalistin Juliane Löffler hält diese aber am Leben. Zuletzt wird sie dann in einem »New York Times«-Artikel veröffentlicht.

Reichelt durfte bleiben, als das Compliance-Verfahren gegen ihn eingeleitet wurde. Er musste auch nicht gehen, als die Recherchen des Ippen-Investigativ Teams vorlagen. Sein Bruch mit »Bild« kommt aber an dem Punkt, an dem die Interessen von ihm und dem Konzern Axel Springer nicht mehr deckungsgleich sind. Reichelt wird sowohl von Georg Streiter, ehemaliger Ressortleitung von »Bild«-Politik, als auch von Döpfner als ein »Kampagnen-Journalist« bezeichnet, der individuelle Interessen verfolgt. Reichelt selbst ist nun ein Problem, wo er doch zuvor der Messias war. Springer hat währenddessen in den USA den Dienst »Politico« aufgekauft, und wenn man in den US-Medienmarkt vordringt, will man keine #metoo-Klagen im Haus haben. Die werden mittlerweile teuer. Seine Absetzung sagt damit mehr über die politischen Erfolge und Interessen in den USA aus, als dass sich viel Protest in Deutschland allein regt.

Ippen, Reichelt, Döpfner – sie sind keine isolierten Individuen, Bösewichte, die es nur auszuschalten gilt, um den Spuk zu beenden. Sie stützen sich gegenseitig, in einem international verstrickten, kapitalistischen System. Die Monopolisierung von Medienkonzernen fördert diese Tendenz. »Solange die Presse abhängig ist vom Kapital der Reichen, vom Anzeigengeschäft und von den Papierfabriken und Druckereien, solange kann sie nicht wirklich frei sein«, sagte schon Lenin. Dieser strebte Medienproduktionsstätten an, die Interessensgruppen der Gesellschaft prozentual abbilden sollten. Das wäre auch die einzige Möglichkeit, die Frage des Feminismus in den Medien ehrlich zu lösen. Davon sind wir gerade sehr weit entfernt. Es kann keine Redaktionen ohne Rassismus und Sexismus geben, wenn der Boden, auf dem sie stehen, den Kapitalist*innen gehört.

Wir müssen als Nächstes die Paläste angreifen, in denen sie residieren. Wir machen uns lächerlich, wenn wir meinen, nur die Spitze kappen zu müssen, ohne an die Wurzeln zu gehen. Man köpft eben nicht den König, um eine Königin einzusetzen. Wir müssen anfangen, Pressefreiheit als das zu sehen, was es sein sollte: Eine Presse frei von den Fesseln des kapitalistischen Eigentums. Kurz gesagt: Springer enteignen!

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