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Gleich geht’s los

Spaß und Verantwortung: Olga Hohmann macht sich mit »Edging« vertraut

  • Von Olga Hohmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Voll »edgy«: der Schleiertanz der Salome wie hier im gleichnamigen Ballett an der Staatsoper Stuttgart
Voll »edgy«: der Schleiertanz der Salome wie hier im gleichnamigen Ballett an der Staatsoper Stuttgart

Im vergangenen Jahr wurde ich mit dem Begriff »Edging« vertraut gemacht. »Edging« bezeichnet zwar im engeren Sinne eine spezifische sexuelle Praxis, hat aber auch eine symbolische Qualität. Beim »Edging« geht es nämlich darum, eine Spannung über einen längeren Zeitraum hinweg aufzubauen und diese aufrechtzuerhalten, ohne dass es zur Entladung kommt. Manchmal, wenn ein Höhepunkt fast erreicht ist, gibt es eine kurze Pause - nur, damit der Spannungsaufbau dann wieder von vorne anfangen kann.

Es ist ein bisschen so wie beim Tanz der Salome, den man aus der Bibel kennt: Die schöne Prinzessin lässt bei der Geburtstagsparty von Herodes langsam tanzend, Stück für Stück, ganze sieben Schleier fallen, bevor sie endlich nackt ist - ein unendlich scheinender Striptease. Ich erinnere mich nicht mehr an das Ende der Geschichte, an die endgültige Enthüllung. Scheinbar hatte mich bei der Lektüre damals nur der Teil interessiert, in dem es um die Verzögerung ging.

Man kann sich nicht nur freiwillig gegenseitig »edgen«, man kann auch, wie ich neulich festgestellt habe, unfreiwillig von etwas »ge-edged« werden. Ich zum Beispiel fühle mich ein bisschen so, als ob mein Leben mich konstant an einer Art Abgrund, einem ökonomischen und sozialen Limit, stehen lässt. Die Schleier fallen ebenso wie neue dazukommen. Meine Überforderung ist dabei so groß, dass ich mich permanent in einer Art Habachtstellung befinde, jeden Moment bereit, auf Angreifer*innen oder Auftraggeber*innen zu reagieren. Häufig bin ich den (Erschöpfungs-)Tränen nah, die sich aber selten Bahn brechen, denn es bleibt keine Zeit, sich ihnen hinzugeben - und das eigene Gesicht bleibt doch ein Werkzeug, das so einigermaßen instand gehalten werden muss. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch einen Lustgewinn daran, am körperlichen und sozialen »Limit« zu leben.

Es fällt mir trotzdem kaum ein Arbeitsverhältnis ein, das mir lieber wäre als dieser aufregend-zerklüftete - euphemistisch ausgedrückt: »vielseitige« - Alltag einer Freiberuflerin. Auch das Feiern gehört nämlich dazu, das »Sich-Zeigen« an Orten des halböffentlichen Lebens. Wenn ich versuche, Menschen einer anderen Generation zu erklären, warum es Partys gibt, bei denen ich regelrecht auftauchen »muss«, trifft das häufig auf Unverständnis. Sogar meine eigene Geburtstagsparty kam mir dieses Jahr vor allem wie eine gesellschaftliche Pflicht vor - zum Glück ohne Schleiertanz.

Obwohl ich mein »edgy« anstrengendes Leben hauptsächlich genieße, würde ich mir doch wünschen, wenigstens mal eine Nacht durchschlafen zu können, ohne dabei schon die Sätze, Aufgaben und möglichen Konversationen vom Folgetag durchzugehen, immer in dieser leicht panisch-lustvollen Anspannung bleibend, als würde es jeden Moment an der Tür klingeln. Eine Art Seelenruhe bei all der Überforderung - das wäre schön. Als meine Mutter mich vergangene Woche fragte, was ich mir zum Geburtstag wünsche, fiel mir nur eine Antwort ein: guten Schlaf. Sie schenkte mir daraufhin einen cremefarbenen Schlafanzug und einen Gutschein für einen Meditationsworkshop, den ich leider aus Zeitgründen nicht einlösen kann.

Manchmal denke ich in meiner fröhlichen Verzweiflung an eine Szene aus dem Prinzenbad vom Sommer: Ein Kind in einer gelben Badehose hockte am Beckenrand, die Arme zu einem Kopfsprung ausgestreckt. Wenn man näherkam, hörte man, wie es immer wieder zu sich selbst sagte: »Gleich geht’s los. Gleich geht’s los. Gleich geht’s los.« Es hatte dabei einen ganz ruhigen Gesichtsausdruck, voll sturer Gewissheit. Als ich eine halbe Stunde später wieder dort vorbeikam, saß es noch immer in der identischen Position am Beckenrand und flüsterte, mit exakt demselben, hoffnungsvoll-versonnenen Gesichtsausdruck den Satz: »Gleich geht’s los.« Es hatte sich durch die Spannung der in der Zukunft liegenden Handlung nicht aus der Ruhe bringen lassen, es freute sich regelrecht auf das Kommende - ob es nun eintreten würde oder nicht. Ich wäre gerne ein bisschen mehr wie dieses Kind in der gelben Badehose. Denn: Ist die ängstliche Vorfreude, die das Kind im Prinzenbad empfunden haben muss, vielleicht einfach besser als der Kopfsprung selbst?

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