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Neue Machtverhältnisse umgeschnallt

Strap-on-Sex ermöglicht, mit den gängigen aktiven und passiven Rollen beim Geschlechtsverkehr zu spielen

  • Von Lady Lynn
  • Lesedauer: 5 Min.

Mein Partner liegt vor mir, fixiert, aufgeregt, bereit. Dank der Vorbereitung gleitet mein Penis problemlos in ihn hinein. Ja, mein Penis, obwohl ich eine cis Frau bin und eigentlich keinen habe. »Wie es dir gefällt, nicht wahr?«, flüstere ich und sehe zu, wie es ihm eine Mischung aus Scham und Lust ins Gesicht zaubert. Dieser »Rollentausch«, weg vom penetrierenden Mann und hin zu einem weiblichen, penetrierenden Part ist einer unserer Lieblingskinks: Strap-on-Sex.

»To strap on« bedeutet übersetzt »umschnallen« und bezieht sich auf eine Art Geschirr, das einen Dildo an der Leistenregion fixiert. »Strap-on-Sex« beschreibt zunächst nur, dass ein Strap-on verwendet wird, ohne konkret zu benennen, wo er zum Einsatz kommt. Der Begriff Pegging hingegen beschreibt die sexuelle Praktik, bei der eine Person eine andere mit einem Strap-on anal penetriert.

Wenn ich meinen Partner penetriere, geht es mir gar nicht darum, dass ich »mal der Mann« im Bett bin oder gar Penisneid hätte, wie es mir Sigmund Freud vermutlich attestiert hätte. Es macht mir vielmehr Spaß, ihm so viel Lust zu bereiten. Denn anders als beim herkömmlichen Hetero-Sex lässt sich mit einem Strap-on die Prostata des Mannes hervorragend stimulieren. Die Prostata ist das männliche Pendant zum G-Punkt. Sie ist empfindsam und kann, selbst ohne zusätzliche Stimulation des Penis, Orgasmen auslösen - sogar multiple.

Schade, dass nach wie vor viele Männer aus Scham oder Angst vor Analsex und dem gesellschaftlichen Stigma, das dem anhängt, verzichten. Denn ein Mann, der sich anal penetrieren lässt, sei es mit einem Finger oder Spielzeug, hat leicht Bedenken, ob das jetzt bedeutet, homosexuell zu sein. Doch eine Praktik sagt nicht das geringste über die sexuelle Orientierung aus.

Mein Partner und ich verstehen Strap-on-Sex als Teil unserer BDSM-Aktivitäten und dem Spiel mit Dominanz und Unterwerfung. Allerdings ist Strap-on-Sex variantenreich und kann das Sexualleben vieler Paarkonstellationen bereichern: Bei gleichgeschlechtlichen Paaren kann der Strap-on ganz außerhalb von Spielen mit dem Machtgefälle für eine schöne Abwechslung und ungeahnte Flexibilität dank freier Hände sorgen. Und trans Personen haben die Möglichkeit, sich mit einem Strap-on in ihrer Sexualität neu auszuprobieren. Auch heterosexuelle Paare, die mit BDSM nichts am Hut haben, müssen nicht auf Pegging verzichten. Die Palette der Spielmöglichkeiten ist groß und kommt sehr auf das Paar und deren persönliche Dynamik an. Den männlichen Partner mal »richtig durchzunehmen« ist ein aufregendes Gedankenspiel für viele Frauen. Männer, die gerne über die Prostata stimuliert werden oder es genießen, sich ihrer Partnerin zu unterwerfen, können hier eine völlig neue Intensität der Stimulation erfahren.

Ich musste mich erst mal an so »ein Ding« zwischen meinen Beinen gewöhnen. Es ist natürlich ungewohnt, man eckt irgendwo an und bewegt sich anders. Da der künstliche Penis keine Nerven besitzt, gibt es auch kein biologisches Feedback, das einem helfen würde. Bis ich Gespür für »meinen Penis« hatte und zielsicher damit umgehen konnte, brauchte es einige Übung.

Wer keine Erfahrung mit analer Stimulation hat, sollte sich auch nicht sofort begeistert in das Thema Pegging stürzen, sondern zunächst sanft mit kleineren Spielzeugen beginnen. Für viele Menschen ist es gar nicht so einfach, den Schließmuskel aktiv zu entspannen. Den Anus mit Gleitgel zu massieren ist der erste Schritt. Wenn Damm und Anus sich entspannen, kann man langsam beginnen, mit einem Finger oder einem Spielzeug einzudringen. Immer nur ein wenig und nach und nach etwas mehr. Kann man diese Dinge genießen und sich dabei fallen lassen, kann man die Intensität der Penetration schrittweise steigern, bis es nach einiger Übung auch zum Pegging kommen kann.

Meinen ersten Pegging-Muskelkater werde ich nie vergessen. Denn auch wie man sich beim Sex verhält und bewegt, ist auf einmal völlig anders. Daher empfehle ich jeder, die sich für diese Praktik interessiert, erst einmal alleine zu üben. Ganz nebenbei lernen wir auch zu schätzen, welche körperlichen Anstrengungen sich unsere Partner beim Geschlechtsverkehr abverlangen. Am nächsten Tag lag ich völlig fertig auf der Couch und hatte jedes Mal, wenn ich die Beine anheben wollte, Schmerzen. Sie waren es aber definitiv wert.

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Es gibt unterschiedlichste Gründe, auf Strap-on-Sex zu stehen. Das Auflösen typischer Rollenverhältnisse beim Sex ist eine aufregende Art, Macht und Unterwerfung auszuüben. Die meisten Männer haben beim Sex noch nie ihre eigenen Füße gesehen, wenn man es sich mal so überlegt. Diese leicht geweiteten, aufgeregten Augen, wenn man sich über den Partner beugt, die Knie auf den Schultern, das erste Stöhnen, wenn in den Partner eingedrungen wird - ein unbeschreibliches Gefühl. Doch nicht nur dem Mann »seinen Job« wegzunehmen macht Spaß, auch die Kombination aus Aktivität und Nähe kann berauschend sein.

Es verleiht mir persönlich ein starkes Gefühl von Macht, wie viel Hingabe ich bei meinem Partner währenddessen erfahre, das Vertrauen seinerseits, sich von mir eben »nehmen zu lassen«. Da Prostatastimulation für die allermeisten Männer so viel besser ist, als sie es sich hätten vorstellen können, ist es unbeschreiblich schön, diese Reaktionen in seinem Gesicht abzulesen. Verwirrung, Lust, Scham, wie viel Freude es einem bereitet, Analsex zu haben. Diese Scham ist es, womit man im BDSM-Kontext dann auch leicht zur Erniedrigung übergehen und spielen kann. Natürlich wird so ein Machtgefälle freiwillig eingegangen und kann jederzeit widerrufen werden.

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