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  • Die Causa Julian Reichelt

Es geht nur um Macht

Das System »Bild« hat sich nicht verändert - persönliche Erinnerungen

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 5 Min.

Springer-Chef Mathias Döpfner spricht zur Zeit von einverständlichen Beziehungen zwischen seinem geschassten Chefredakteur Julian Reichelt und seinen jeweiligen Geliebten. Bei dem Wort »einverständlich« kann ich nur lachen. Der Chef von »Bild« München hatte damals auch eine Freundin, ihre Beziehung war bestimmt einverständlich. Wahrscheinlich war sie sogar in ihn verliebt. Er hatte sie von einer obskuren Modezeitung weggeholt und als Redakteurin bei »Bild« inthronisiert. Einer Position, in der sie total überfordert war, was ihm erlaubte, sie jeden zweiten Tag vor der versammelten Mannschaft herunterzuputzen, sich lustvollen Wutanfällen hinzugeben, bis sie schluchzend zusammenbrach. Danach hat er sie dann abends zum Essen ausgeführt.

Das alles ging mich eigentlich nichts an. Ich verspürte anfangs keine Solidarität mit einer Frau, die ihr bisschen Macht wiederum gegen mich, die Neue, auszuspielen versuchte. Kam ich doch von der Deutschen Journalistenschule, damals noch die einzige in der Bundesrepublik. Ich hatte den Wettbewerb um die wenigen Plätze dort gewonnen, hielt mich für klug und war selbstbewusst genug.

Was ich allerdings recht schnell bemerkte, war die allgemein schwüle und missgünstige Atmosphäre in der Redaktion. Ich erkannte, dass dort niemandem zu trauen war, obwohl der Arbeitstag regelmäßig in einem gemeinschaftlichen Besäufnis endete, was ich sehr schnell zu meiden lernte.

Zu Beginn meiner Tätigkeit bei »Bild« gab mir einer der Festangestellten den Auftrag, nach Inschriften auf öffentlichen Toiletten zu suchen. Ich war noch nicht erfahren genug, um sofort zu durchschauen, dass ich vorgeführt werden sollte. Wenn der Auftrag ernst gemeint gewesen wäre, hätte mich ein Fotograf begleitet. Ohne Bild ging bei »Bild« gar nichts. Als ich zurückkam, lachten sich alle halb tot über meine nichtssagende Ausbeute und wollten mich noch einmal losschicken, doch inzwischen hatte ich begriffen. Ich ließ mir nichts anmerken, aber weigerte mich, noch einmal loszumarschieren. »Man, haben die es nötig«, habe ich mir damals gedacht. Die Männer bei »Bild« glaubten, ihre Männlichkeit und noch mehr ihre Macht auf diese Art beweisen zu müssen.

In höchst unangenehmer Erinnerung ist mir, wie der Chef vom Dienst immer wieder jede Gelegenheit nutzte, sich an mich zu pressen: »Na Mädchen, alles okay?« Ich spürte sein halb erigiertes Glied an meinem Unterleib. Ich weiß nicht mehr, wie ich beim ersten Mal reagierte, wahrscheinlich habe ich mich verlegen aus seiner Umarmung herausgewunden. Später habe ich ihn energisch von mir geschubst und laut in den Raum hinein gesagt. » Mei Dulli, sei doch nicht so ein Idiot.« Dann hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Aber niemand hat etwas unternommen, das Verhalten des Kollegen zu unterbinden.

Ich lernte, peinliche Begegnungen von vornherein zu vermeiden. Ich holte mir morgens um neun Uhr mein Thema, »schnappte« mir einen Fotografen und machte mich auf den Weg. Viele Aufträge waren vollkommen banal. Ich bewegte mich zwischen Weihnachtsmarkt und Zirkus. Weil der Redakteur nicht mit den Fotos vom Zirkus zufrieden war, ihm diese zu unspektakulär erschienen, musste ich mit dem Fotografen noch einmal zurück und einen angstvollen Vater zwingen, seine achtjährige Tochter aufs Seil zu schicken - nur um einer spektakulären Aufnahme willen.

Ich schrieb meine Geschichten herunter und präsentierte sie noch vor drei Uhr nachmittags dem Redakteur, der sie dann redigierte. Danach war ich frei. Ich verschwand, bevor sich in der Redaktion die Schubladen öffneten, Sekt, Wein und Schnaps herausgeholt wurden und eine allgemeine Anbaggerei begann. Obwohl ich weitmöglichst Vorsorge traf, solcher zu entgehen, gelang mir dies nicht immer. Eines Abends wartete der für mich zuständige Redakteur auf mich vor meinem Haus. Ich kam vom Besuch eines Konzerts zurück. Es folgte eine kafkaeske Szene: Er wollte unbedingt zu mir in meine Wohnung. Er versuchte, mich die Treppe nach oben zu zerren. Ich wehrte mich mit aller Macht. Irgendwann gab er auf, aber nur unter der Bedingung, dass ich mit ihm noch etwas trinken ginge. Wir landeten in einem der wenigen Clubs, die noch offen waren. Dort trank er weiter, ich hielt mich zurück. Ich hatte zu tun, seinen trunkenen Umarmungen zu entgehen, immer wieder seine Hände von mir abzustreifen. Um drei Uhr Morgens sackte er an der Theke zusammen. Ich konnte in einem Taxi entfliehen. Am nächsten Morgen meldete ich mich krank. Zwei Wochen lang erschien ich nicht mehr auf Arbeit.

Als ich mich dann aufraffte und wieder in die Redaktion traute, tat der betreffende Redakteur, als wäre nichts geschehen. Vielleicht war ihm sein Auftritt im Nachhinein doch etwas peinlich, er kam nicht mehr darauf zu sprechen. Für ein paar Tage bekam ich einen anderen Arbeitsplatz zugewiesen. Ich teilte mir ein kleines Zimmer mit der Freundin des Chefs und einer weiteren Redakteurin.

Nach drei Monaten habe ich gerne meinen Abschied genommen, obwohl ich das Angebot erhielt, als Freie weiter für »Bild« zu arbeiten. Aber mir war klar, dass ich dort nie das schreiben könnte, was und wie ich es wollte. Ich erkannte, dass ich mich ungewollt bereits dem Stil von »Bild« angepasst hatte: Meine Texte wurden unverändert gedruckt. Ich begann also das zu schreiben, was von mir erwartet wurde.

Das System »Bild« bestand und besteht darin, Menschen zu manipulieren. Nicht nur die Meinungen der Leser. Das betrifft auch den Umgang untereinander in der Redaktion. Jeder, der sich diesem System ausliefert, verliert seine Individualität, Unabhängigkeit und Würde. Das System »Bild« ist streng hierarchisch. Es wird von oben nach unten getreten. Und ganz unten befinden sich die Berufsanfängerinnen, junge Frauen. Es geht vielleicht auch um Sex, vor allem aber geht es um die Demonstration und Ausübung von Macht. Das hat sich offensichtlich in all den Jahren nicht geändert, wie der Fall von Julian Reichelt jetzt bestätigt.

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