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  • NS-Künstler und die »Gottbegnadeten«

Unabkömmlich - auch im Rechtsstaat

Die »Gottbegnadeten« - das Deutsche Historische Museum offenbart ungebrochene Karieren von NS-Künstlern

  • Jürgen Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.
Blick in die Ausstellung über die Nachkriegskarrieren von NS-Künstlern im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Blick in die Ausstellung über die Nachkriegskarrieren von NS-Künstlern im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Im Oktober 1958 erschien im Wochenmagazin »Der Spiegel« ein Artikel mit der Überschrift »Gerling - Das Spektakulum«. Beschrieben wird darin die pompöse Eröffnung des Neubaus des Versicherungskonzerns in Köln. Dessen Fassade wurde von Arno Breker gestaltet, dem Staatsbildhauer des NS-Regimes. Seine Steinbildhauerwerkstätten waren eine Einrichtung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Berlin, Albert Speer. Hitlers Leibarchitekt vergab Aufträge jedweder Größenordnung ohne irgendein Genehmigungsverfahren direkt an Breker. In dessen Werkstätten entstanden Bildhauerarbeiten für die Neugestaltung Berlins und für das Parteitagsgelände in Nürnberg.

Gegen Ende des Krieges wurden bis zu 50 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für die Arbeiten an den überdimensionalen Figuren eingesetzt. Im besagten »Spiegel«-Artikel heißt es weiter: »Hans Gerling hatte dem Breker auch die Architektur des Verwaltungsgebäudes der ›Globale‹ anvertraut, das von den Kölnern inzwischen respektvoll Neue Reichskanzlei genannt wird. (...) Vom westdeutschen Fußballfunktionär Peco Bauwens [dessen Firma sich auf einer offiziellen Liste von 2500 «Sklavenhaltern im NS-Regime» der Alliierten fand und ein Zwangsarbeiterlager betrieb - JS] bis zu dem Play-Boy der westdeutschen Montanindustrie, Baron Hans Heini Thyssen-Bornemisza nebst Frau, fehlte in der Gästeliste kein Name, der in der Rhein-Ruhr-Gesellschaft Glanz besitzt.« Hier haben wir bereits einen Hinweis darauf, in welchen Netzwerken die »Gottbegnadeten« in der postfaschistischen BRD aufgehoben waren.

Am 26. August 1944 notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch: »Wir stellen eine sogenannte ›Gottbegnadetenliste‹ auf, von etwa 300 bis 400 wirklich hervorragenden, über die Zeit hinaus wirkenden Künstlern, die von Front und Arbeitsdienst freigestellt werden sollen. Dies Künstler rekrutieren sich aus allen Sparten unseres Kulturlebens.« Die »Gottbegnadeten-Liste« wurde im September 1944 zusammengestellt. Sie umfasst die Namen von 378 Künstlerinnen und Künstlern aus den Sparten Literatur, Bildende Kunst, Musik und Theater. Diese »Gottbegnadeten« wurden als »unabkömmlich« (UK) deklariert und von jeglichem Arbeits- und Kriegseinsatz befreit.

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin widmet sich derzeit jener Liste der »Gottbegnadeten«, deren Leben und Schaffen in der NS-Zeit und in der Bundesrepublik anhand von zwölf Protagonisten. Deutsche Politiker werden nicht müde immer wieder hervorzuheben, wie umfassend die braune Vergangenheit aufgearbeitet worden sei. Doch erst jetzt werden die ungebrochenen Karrieren der »Gottbegnadeten« im Wirtschaftswunderland BRD beleuchtet. Das liegt laut Kurator Wolfgang Brauneis auch an der tradierten kunsthistorischen Erzählung, die sich nach 1945 explizit über den Bruch mit dem Nationalsozialismus definiert habe. Das wiederum hätte zur Folge gehabt, dass die Staatskunst im NS-Regime lange und die Nachkriegskarrieren ihrer Vertreter noch länger weitgehend ausgeblendet worden seien. Obwohl es ausreichend Belege für deren Anbiederung an ein barbarisches System bis hin zu dessen willfähriger Unterstützung, gerade auch aus profitablem Eigennutz, sowie für deren Wirkmächtigkeit in der westdeutschen Kunst- und Kulturszene, der sie einen konservativen Stempel aufdrückten, wie im Katalog zur Ausstellung näher beschrieben wird. Dies betraf übrigens auch Österreich.

Breker durfte beispielsweise 1957 vor einem Wuppertaler Gymnasium seine Skulptur »Pallas Athene« aufstellen. Er hatte sich 1954 in einem Wettbewerb gegen die Bildhauer Fritz Bernuth und Hans Rompel durchgesetzt. Letzterer nahm 1959 an der documenta teil, die ebenfalls Wurzeln im NS-Staat hatte, wie gleichfalls in einer Schau im DHM gezeigt wird: »documenta. Politik und Kunst« (noch bis zum 9. Januar). Federführend für den Wuppertaler Wettbewerb war der Baudezernent und Architekt Friedrich Hetzelt, ebenfalls ein »Gottbegnadeter«. Er hatte Hermann Görings Landresidenz Carinhall entworfen sowie das Berliner Prinz-Albrecht-Palais umgebaut, das dem Sicherheitsdienst der SS als Sitz diente.

Breker durfte übrigens nicht nur für Gerling, sondern auch für die Demag (Deutsche Maschinenbau-Aktiengesellschaft) tätig sein. Er schuf auch Porträtbüsten von prominenten Nachkriegspolitiker und Unternehmer. Zu den Anhängern seiner Kunst gehörten Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Kunstmäzen Peter Ludwig, die Unternehmer Rudolf August Oetker, Günther und Herbert Quandt, der Bankier Hermann Josef Abs sowie Winifred Wagner, Schwiegertochter von Richard Wagner, den Breker natürlich ebenfalls porträtiert hat. Dessen auf einer Travertinsäule postierte Büste ist ein beliebtes Pilgerziel der Besucherinnen und Besucher der Bayreuther Festspiele.

Zu den »Gottbegnadeten« wurde auch der Genre- und Porträtmaler Paul Mathias Padua gezählt, dessen Werke seit 1938 alljährlich auf der »Großen Deutschen Kunstausstellung« in München ausgestellt waren. Zu den Sammlern seiner Bilder gehörte der Reichsminister und Hitlervertraute Martin Bormann. Nach Kriegsende war Padua weiterhin als Porträtmaler gefragt. Zu den Politikern und Industriellen, die ihn um ein Porträt baten, gehörten Franz Josef Strauß und Friedrich Flick.

Der Bildhauer Richard Scheibe fertigte 1935 im Auftrag der IG Farben anlässlich der Wiedereingliederung des Saargebiets in das Deutsche Reich die Skulptur »Befreiung der Saar«, der symbolpolitische Bedeutung zukam. Scheibe wirkte bei der Gestaltung von Militärbauten mit. Unter seinen Kunden fanden sich Hitler und Goebbels, aber auch die Hamburger Unternehmerfamilie Reemtsma. Schon kurz nach Kriegsende wurde er an die wiederbegründete Berliner Hochschule für bildende Kunst berufen. An öffentlichen Aufträgen mangelte es ihm nicht. So wurde er beauftragt, das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 im Hof des Bendlerblocks in Berlin zu gestalten. Was die bittere Bemerkung des Philosophen Walter Benjamin bestätigt, dass auch die Toten vor dem Feind nicht sicher sind. Scheibe erhielt 1953 das Große Bundesverdienstkreuz.

Das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich heimste 1973 Rudolf Hermann Eisenmenger ein. Der Maler war bereits 1933 der NSDAP beigetreten, 1939 ernannte ihn der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste in Berlin zum Präsidenten des Künstlerhauses in Wien. Von 1951 bis 1972 war Eisenmenger an der TU Wien beschäftigt, wo er den Lehrstuhl für zeichnerische und malerische Darstellung innehatte. Auch ihm mangelte es nicht an Aufträgen. Er gestaltete unter anderem ein Wandbild im Parlamentsgebäude der österreichischen Hauptstadt und das Ziffernblatt der Uhr an der Westfassade des Stephansdoms in Wien. Auch die Wiener Staatsoper mochte auf seine Dienste nicht verzichten.

Zu Ende Ausstellung werden Fotos von Werken der »Gottbegnadeten« gezeigt, die sich über ganz Deutschland und Österreich verteilt sind. Die Frage, die das US-amerikanische Internetmagazin »Hyperallergic« kürzlich stellte, ist auch hier zu stellen: »What Does It Take to ›Kill‹ a Monument?« Oder anders formuliert: Soll die Ausstellung praktische Folgen zeitigen, gilt es, Druck auf die Verwaltungen der Gemeinden und Städte auszuüben, in denen die noch Arbeiten der »Gottbegnadeten« stehen oder hängen. Diese Naziresiduen sind zu entfernen. Sie könnten im Rahmen des Nürnberger Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände zusammengeführt werden, das die Stadt zu einem historischen Lernort entwickeln möchte und das derzeit millionenschwer saniert wird.

»Die Liste der ›Gottbegnadeten‹ - Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik«, DHM, Unter den Linden, Berlin-Mitte, bis 5. Dezember, 8 €, erm. 4 €, (Katalog, Prestel-Verlag, 20 €).

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