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  • Neuaufbau im Handball

Erzwungene Rochaden im Nationalteam

Die deutschen Handballer starten mit einer neuen Mannschaft

  • Michael Wilkening, Düsseldorf
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gibt Menschen in Handball-Deutschland, die fühlen sich ein wenig an die Situation vor knapp sechs Jahren erinnert. Im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 bereitete ein Isländer eine deutsche Nationalmannschaft auf eine Europameisterschaft vor, in der viele für die breite Masse unbekannte Spieler standen. Die Erwartungen waren gering, das Resultat überwältigend: Unter Dagur Sigurdsson gewann Deutschland im Januar 2016 überraschend den EM-Titel in Polen.

Der aktuelle Bundestrainer heißt Alfred Gislason, aber das ist nicht der einzige Unterschied zur damaligen Lage - sagt Axel Kromer. Der Vorstand Sport beim Deutschen Handballbund (DHB) muss es wissen, denn unter Sigurdsson war er als Co-Trainer direkt am Gewinn der Europameisterschaft beteiligt. »Wir waren damals nicht so happy vor dem Turnierstart, weil es kurzfristig noch ein paar Absagen gab«, sagt Kromer heute. Im Gegensatz dazu »seien innerhalb des Verbandes jetzt alle sehr zufrieden«. Der Weg eines Neuaufbaus sei selbstgewählt, verdeutlicht Kromer. Deshalb sei der Kader, mit dem sich Gislason gerade auf Länderspiele in Luxemburg (Freitag) und Düsseldorf (Sonntag) gegen Portugal vorbereitet, der bestmögliche und perspektivisch sinnvollste.

Bekannte Namen fehlen in diesem Aufgebot, nachdem Kapitän Uwe Gensheimer, dessen Stellvertreter Johannes Bitter und Rückraumspieler Steffen Weinhold ihre Rücktritte erklärt haben, sowie Abwehrchef Hendrik Pekeler eine Pause von der DHB-Auswahl erbeten hat. Ohne dieses Quartett steht dem DHB die Führungsriege der vergangenen Jahre nicht mehr zur Verfügung. Stattdessen tummeln sich im 18-köpfigen Aufgebot sieben Neulinge, darunter befinden sich mit Julian Köster (VfL Gummersbach) und Hendrik Wagner (Eulen Ludwigshafen) sogar zwei aktuelle Zweitligaspieler.

Ein Fingerzeig ist zudem die Ernennung von Johannes Golla (SG Flensburg-Handewitt) zum Kapitän der Mannschaft. Der Kreisläufer ist mit 23 Jahren der jüngste Kapitän der Auswahl in der jüngeren Vergangenheit und mit 31 Länderspielen der unerfahrenste. »Johannes Golla ist eine Konstante in Abwehr und Angriff. Uns ist wichtig, dass ein Kapitän beides spielt«, nannte Gislason als Grund für seine Entscheidung. Golla, der bei der WM im vergangenen Januar in Ägypten und bei den Olympischen Spielen im Sommer in Tokio überzeugte, gilt als Symbolfigur des Neustarts, nachdem die hochgesteckten Ziele des Verbandes zuletzt nicht erreicht wurden.

Der Umbruch wirkt im Moment größer als er ursprünglich angestrebt war. Mit Fabian Wiede, Paul Drux (beide Füchse Berlin) und Patrick Wiencek (THW Kiel) sagten drei etablierte Kräfte, die in den Planungen für die Zukunft noch eine zentrale Rolle spielen, verletzungsbedingt ab. Andere wie Alexander Wolff (Kielce), Silvio Heinevetter, Julius Kühn und Kai Häfner (alle Melsungen) nehmen hingegen aus sportlichen Gründen nicht teil. Zumindest aktuell gehört das Quartett aus Sicht des Bundestrainers nicht mehr zum Kreis der besten deutschen Spieler.

»Dieser Kader spiegelt aktuelles Leistungsvermögen und Perspektive wider«, sagte Gislason vor dem Start der Lehrgangswoche. »Wir machen hier kein Scouting, sondern haben die Spieler nominiert, die im Moment die besten Leistungen gezeigt haben«, stützt Kromer die Aussage des Isländers.

Der Verband und der Trainer haben sich gemeinsam entschieden, nach den erzwungenen personellen Rochaden durch Rücktritte nach den Olympischen Spielen einen Umbruch einzuleiten. Gislason stellt sich öffentlich hinter den Kurs, eine Mannschaft aufzubauen, die spätestens bei der Europameisterschaft 2024 im eigenen Land und den Olympischen Spielen in Paris ein paar Monate später um Medaillen kämpfen können. »Wenn, dann müssen wir jetzt loslegen«, erklärt der DHB-Sportvorstand in Abstimmung mit seinem Bundestrainer.

Das könnte ein Fingerzeig sein, denn eigentlich läuft der Vertrag mit dem früheren Titelsammler beim THW Kiel nach der Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn Anfang 2022 aus. »Wir sind in Gesprächen, wie wir die Zukunft gestalten wollen«, sagt Kromer, der die Lehrgangswoche nutzen möchte, um »in Ruhe weiterquatschen« zu können. Unter Druck sieht er weder den Verband noch den Coach. Die Botschaft: Möglicherweise gibt es eine Einigung vor dem Turnier zu Beginn des kommenden Jahres, möglicherweise aber auch erst danach. Der DHB will sich jedenfalls nicht hetzen lassen.

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