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Kompetente Gutachter fehlen

SED-Opferbeauftragte informiert den Bundestag über ihre Arbeit

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 3 Min.
Evelyn Zupke, SED-Opferbeauftragte, stellt während einer Pressekonferenz ihren ersten Bericht vor.
Evelyn Zupke, SED-Opferbeauftragte, stellt während einer Pressekonferenz ihren ersten Bericht vor.

Auf sechs DIN-A4-Seiten unterrichtete die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke am Dienstag den Bundestag über ihre Tätigkeit. Zupke wurde im Sommer als Ombudsperson eingesetzt und übernahm die Aufgaben, die sonst von der Stasi-Unterlagenbehörde mit abgedeckt wurden. Was zunächst nach Verwaltungsbürokratie klingt, schilderte Zupke engagiert und plastisch in der Bundespressekonferenz in Berlin.

Sobald erlittenes Unrecht anschaulich wird, wird verständlich, welche Leiden dahinter stecken. »Stellen Sie sich vor, ein 18-Jähriger kommt in der DDR wegen staatsfeindlicher Hetze in Haft«, schilderte Zupke eines der Schicksale. Im Chemiedreieck Bitterfeld-Leuna-Dessau musste der Mann mit seinen bloßen Händen quecksilberhaltigen Metallschlamm aus Gruben herausholen. Zupke kannte diese Fälle bis vor wenigen Wochen noch nicht, und ist sichtlich bewegt vom jahrelangen Martyrium des Betroffenen, das sie stellvertretend für viele andere Fälle erlittenen Unrechts beschreibt. So musste sich der Betroffene verschulden, um in langwierigen Behandlungen die Rückstände aus dem Körper ausleiten zu lassen. Zupke sagte, dass es sich um hochkonzentriertes Quecksilber gehandelt hat, das »um so mehr Devisen« brachte, je gefährlicher es war. Diese Art der Arbeit sei von regulären Chemiearbeiter*innen »selbst für einen mehrfachen Lohn« nicht übernommen worden, sagte Zupke und kritisierte fehlende Arbeitsschutzmaßnahmen für die Zwangsarbeiter*innen. »Das ist unmenschlich, was ich da gehört habe«, so Zupke über das persönliche Gespräch mit dem Betroffenen, der wegen dieser Erlebnisse unter einer posttraumatischen Belastungserkrankung leidet.

Die gesundheitlichen Folgen dieser Tätigkeiten seien zwar bekannt, aber oft nur schwer gegenüber den Gutachtern nachzuweisen, die den Opfern zu ihrem Recht verhelfen sollen. Meist seien die Gutachter nicht mit den Umständen zu DDR-Zeiten vertraut. In anderen Fällen sei der Blick auf die zu Begutachtenden vorgeprägt. Zupke führte aus, dass die Unterbringung in einem »Jugendwerkhof« oft nicht richtig gedeutet werde und das dort erlittene Leid, meist von gesinnungsgeprägten Gutachtern, die schon zu DDR-Zeiten vergleichbaren Tätigkeiten im Gesundheitswesen nachgingen, nicht anerkannt wurde. Es habe Fälle gegeben, bei denen Traumatisierungen nur deshalb nicht anerkannt worden seien, weil nichts darüber in den alten DDR-Haftakten stand. »Was wir auf jeden Fall brauchen, sind festgelegte Gutachterregeln«, forderte Zupke. »Insgesamt kann man sagen, dass die Gutachter nicht sensibilisiert sind für das Thema und keine Ahnung haben«, wurde Zupke auch aus Forschungskreisen vermittelt.

Neben finanzieller Unterstützung in Form von Opferfonds, die nicht in allen Bundesländern eingerichtet und hinreichend befüllt sind, fehle es auch an einer Aufarbeitung innerhalb der Linken, der als Rechtsnachfolger der SED Verantwortung zukomme. Die Auseinandersetzung sei in Teilen da, aber nicht ausreichend, meinte Zupke.

Sie strebt auch einen Austausch mit dem Opferbeauftragten Edgar Franke an, der sich für die Interessen von Terroropfern einsetzt und in der vergangenen Woche ähnliche Probleme bei der Versorgung und im Umgang mit Betroffenen schilderte wie Zupke bei den SED-Opfern.

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