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Die Linke und die Erinnerungspolitik

Wie viel Globalisierung verträgt die Erinnerung an den Holocaust?

  • Von Gerhard Hanloser
  • Lesedauer: 8 Min.
Gegen das deutsche Vergessen des Faschismus demonstrierten früher nur die Linken, hier gegen die NPD 1969 im Ruhrgebiet.
Gegen das deutsche Vergessen des Faschismus demonstrierten früher nur die Linken, hier gegen die NPD 1969 im Ruhrgebiet.

Welcherlei Vergleich führt in den Revisionismus? Wie viel Revision des bislang Erreichten ist politisch erwünscht? Die Linke ist in diesen Fragen ziemlich überfordert, weil es teilweise um Kernbestandteile ihrer Identität geht.

Der Streit um die Erinnerungspolitik hat - wie in jeder identitätspolitisch aufgeladenen Auseinandersetzung - nicht nur zu spitzer Polemik und Lagerbildungen geführt, sondern zog Feindschaften mit konstruierten Unterstellungen und schlichten Falschbehauptungen nach sich. So wurden einigen Diskutanten wie Michael Rothberg, Jürgen Zimmerer oder Dirk Moses, die allesamt für ein kontextualisierendes Erinnern plädieren und koloniale Gewaltverbrechen auf den Holocaust beziehen wollen, Verdrängungs- und Revisionismusabsichten unterstellt - der beliebte, über den Palästinakonflikt spielende Antisemitismusvorwurf inklusive.

Abwehr und Skandalisierung revisionistischer Absichten, also die Kritik von Leugnung der tiefen Schuld und Schwere deutscher Verbrechen, war stets die ureigene Aufgabe der traditionellen Linken, sei es die alte sozialdemokratische oder kommunistische Linke, sei es die Neue Linke um 1968 mit ihren Faschismusanalysen und Anti-Nazi-Aktionen.

Noch 1986 beim Historikerstreit hatte es den Anschein, als hätte sich diese Linke hinter dem breiten Philosophenrücken von Jürgen Habermas verschanzt, als dieser gegen die - in der Tat - mit apologetischen Absichten versehene Polemik von Ernst Nolte mehr moralische Standards als geschichtswissenschaftliche Erkenntnis setzte. Nolte wollte in alt-abendländischer und rassistischer Art die bolschewistischen und stalinistischen Massenverbrechen als »asiatische Tat« in ein zeitlich wie inhaltliches Relationsverhältnis zum Nationalsozialismus packen. Habermas konterte: Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität, wenn sie als Antwort auf eine noch aktuelle Bedrohung aus dem Osten präsentiert werden. Habermas sah Nolte bereits als gefragten NATO-Strategen. Damit lag er freilich falsch - und doch sprach er das aus, was vom linken Sozialdemokraten bis zur antifaschistischen Kommunistin common ground linker Vergangenheitspolitik war. Dieser Konsens war allerdings auch brüchig und labil. Und er beinhaltete ein gerüttelt Maß Ignoranz.

Etwas zu wohlfeil konnte man sich mit Habermas’ Machtwort gegen Nolte die Massenverbrechen des Stalinismus vom Leib halten und musste diejenigen linken Stimmen ignorieren oder als »objektiv reaktionär« bannen, die an die Verwandtschaft totalitärer Herrschaft mit ihren Lagern, Geheimpolizei und ihrer paranoiden Feindschaftserklärung erinnerten, wie beispielsweise Hannah Arendt in ihrem Klassiker »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«.

Nach dem Ende der Kalten-Kriegs-Konstellationen und -Debatten, zu denen auch der Historikerstreit zu zählen ist, eröffneten sich neue Konflikte und mit ihnen neue Diskussionen. Mit dem Golfkrieg 1991 wurde Saddam Hussein einigen Intellektuellen zu »Hitlers Wiedergänger«, wie Hans Magnus Enzensberger im »Spiegel« schrieb. Solche Analogieschlüsse hatten auch viel mit Bedürfnissen zu tun, das linke Verliererlager in Richtung westliche Gewinner zu verlassen. Abgesehen davon entstand nach »dem Ende der Geschichte«, das Francis Fukuyama im Sommer 1989 ausgerufen hatte, tatsächlich eine Welt neuer ethnizistischer Massenmorde.

Der Völkermord von Ruanda 1994 war der Linken kaum ein Wort wert, nur wenige kleine Gruppen arbeiteten lokal mit ruandischen Communities und publizierten und skandalisierten die Verstrickung offizieller französischer Stellen in die Völkermordgeschehnisse an angeblichen und tatsächlichen Tutsi. Dann kamen die Kriege im zerfallenden Jugoslawien. Viele Linke waren damit beschäftigt, die von der »taz bis zur FAZ« - wie es in der linken Monatszeitschrift konkret immer hieß - reichende Anti-Serbien-Phalanx abzuwehren, vornehmlich darum bemüht, Milosevic nicht als »Balkan-Hitler« erscheinen zu lassen.

Ein Teil der deutschlandkritischen Linken hatte dann Mitte der 90er Jahre Daniel Goldhagens Studie »Hitlers willige Vollstrecker« als weitreichendste Faschismusanalyse für sich entdeckt. Die Aussage »No germans, no Holocaust« des US-amerikanischen Soziologen schien das habermasianische Singularitätsparadigma nochmals zu bestärken und zu radikalisieren. Doch der Stichwortgeber wollte nicht so ganz mitspielen: Goldhagen sprach sich 1999 für einen NATO-Krieg und eine Besatzung Serbiens aus, womit er seine »antideutsch« fühlende Anhängerschaft erheblich verwirrte.

Aktuell wollen einige der linken bis linksliberalen Diskutanten, unter ihnen viele ehemals begeisterte rot-grüne KosovoKriegsführer, aber auch modernisierte Antideutsche rund um die neu gegründeten »Halleschen Jahrbücher«, ausgerechnet dadurch wieder politischen Halt im Singularitätsparadigma finden, indem sie in Person des linken US-Literaturwissenschaftlers Michael Rothberg den Vorschlag abwehren und bekämpfen, dass in einer Weltgesellschaft vielseitiger Gewalt- und Herrschaftserfahrung diese narrativ aufeinander bezogen werden sollen. »Multidirektional« genanntes Erinnern als Möglichkeit, den Schmerz der Anderen zu begreifen, und kritische Empathiesteigerung in zunehmend multikulturellen und migrantisch geprägten Gesellschaften ist ihnen zu viel des Guten - sie können nur Böses dahinter vermuten. Denn darin lauere der falsche Vergleich, die Banalisierung und die Verdrängung von Geschichte, genauer: der deutschen Geschichte. Man wolle und solle bitteschön provinziell bleiben, schrieb ein Diskutant.

Diese neue Art des Bekenntnisses verdrängt systematisch, dass sich Auschwitz nur vor dem Hintergrund eines imperialistischen Kriegsgeschehens ereignen konnte und der deutsche Antisemitismus als Rassenantisemitismus zum Vernichtungsantisemitismus wurde. Somit kommt dem modernen Rassismus, der eine mit dem Kolonialismus verwobene Geschichte hat, durchaus eine tragende Bedeutung zum Verständnis von Auschwitz zu. Ähnlich wie die stalinistische Linke wollen die deutschen Singularitätswächter von Hannah Arendt nichts mehr hören, die Antisemitismus, Imperialismus, Rassismus als Dimension des Imperialismus und totale Herrschaft als Komplex diskutierte. Mit der Abwehr all dieser Erkenntnisse nähern sich die Postkolonialismuskritiker jenen an, die materialistische Kategorien zur Erforschung von Geschichte ohnehin aufgeben und Auschwitz als theologisches Problem behandeln und zum »schwarzen Loch des Verstehens« (Dan Diner) erklären.

Als von Tabus umstellter Ort der Beschwörung gerät die Geschichte des Holocaust dann aber tatsächlich zu einem »Katechismus«, wie der australische Historiker Dirk Moses kritisiert, zu einer neuen Art der unhinterfragbaren deutschen Staatsräson, deren Ritualen man sich gläubig zu unterwerfen habe. Die aus dem staatlichen Katechismus abgeleiteten Lehren folgen dann wiederum sehr realpolitischen Interessen, wie die besondere Solidarität mit allen Regierungen Israels und die gereizte Drangsalierung palästinensischer oder palästinasolidarischer Akteur*innen hierzulande. Natürlich provoziert diese herrschende Anordnung Polemik und heftige Gegenrede bei menschenrechtlich Bewegten und Kritikern ethnonationalistischer Politik wie Dirk Moses.

Doch so treffend diese Kritiken des geschichtspolitischen Eliteprojekts sind, wie es neben Moses auch der Berliner Schriftsteller Per Leo betreibt, sie vergessen zuweilen die Genese dieses Projekts. Wenn der israelische Historiker Jehuda Bauer in seiner Kritik an Dirk Moses festgehalten wissen will, dass der Holocaust ein »zivilisationsändernder Wendepunkt« gewesen sei, besteht doch der Skandal genau darin, dass er als solcher nie geahndet wurde. Im Zuge des Kalten Kriegs wurde die Entnazifizierung in Westdeutschland gestoppt, die Nazi-Verbrecher verblieben in Amt und Würden, der alte Antibolschewismus war im atlantizistischen Bündnis gefragt und musste sich lediglich des Antisemitismus entkleiden. Dagegen rebellierte, protestierte und opponierte die Linke und bildete eine Geschichtskultur von unten heraus.

Seit den 60er Jahren machten neulinke Internationalistinnen, gestandene Sozialdemokraten, wütende Schülerinitiativen, berufsverbotsbedrohte Lehrer und feministische Historikerinnen in lokalen Initiativen die verdrängten Verbrechen der Nazis öffentlich. Eine antifaschistische Erinnerungspolitik von unten musste in harten und zähen Kleinkämpfen durchgesetzt werden und die Erinnerung an den Holocaust war ein Teil davon. Nach der Wende hatte der verdiente Bonner 68er Hannes Heer als Kurator der Wehrmachtsausstellung aus dem Jahre 1995 mit vielen Widerständen zu kämpfen.

Diese von unten kommende Gedenk-, Erinnerungs- und Gedächtnisarbeit wurde in der BRD teilweise von oben aufgegriffen. Allerdings fand damit im Sinne der Spektakelkritik der Situationisten eine Rekuperation statt. Als Staatsakt und zum Teil der Staatsräson erhoben folgt diese Gedenkpolitik Interessen, die zu hinterfragen Aufgabe der Linken ist. Die staatlichen Imperative bieten Möglichkeiten der Konfrontation wie auch der Ausdehnung.

Für letztere plädierte nun Jürgen Habermas in einer Stellungnahme zum neuesten »Historikerstreit« im »Philosophie Magazin«. Er betont, dass es ihm in den 80er Jahren um die Zurückweisung der Entlastung deutscher Verantwortung ging. Nun stünden neue Herausforderungen an. Ältere lokale antifaschistische Initiativen, die gegen das deutsche Vergessen und Verdrängen auf Widerstandskämpferinnen, Nazikontinuitäten, Täter der Vernichtungspolitik, unterschlagene Opfergruppen wie Sinti und Roma aufmerksam gemacht haben, weiten in diesem Sinne bereits das Erinnern aus. Sie sind im Dialog und in der Kooperation mit neuen, Black-Live-Matters-initiierten Bewegten, die postkoloniale Straßenumzüge veranstalten und auf eine bislang unterrezipierte Vorgeschichte des Nationalsozialismus aufmerksam machen. Hier findet linke Erinnerungspolitik statt. Sie muss sich ihrer Geschichte nicht schämen, in der Antifaschismus und Antikolonialismus zwei Seiten einer Medaille waren: des Aufbegehrens von 1968. Schließlich fiel bereits in jenem Jahr ein Denkmal des in Ostafrika wütenden Kolonialisten Hermann von Wissmann.

Gerhard Hanloser ist Autor des Buches über die Geschichte der Antideutschen: »Die andere Querfront«, Münster 2019 und Herausgeber des Sammelbandes »Linker Antisemitismus?«, Wien 2020

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