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Das Virus rauscht munter durch die Klassen

Kritik an unzureichenden Schutzmaßnahmen an den Schulen wird lauter

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.
Vor einem Jahr leuchtete beim Corona-Stufenplan für die Schulen vielerorts wie hier das rote Warnlicht. Heute sei das nicht nötig, finden Gesundheitsämter und Schulaufsichten.
Vor einem Jahr leuchtete beim Corona-Stufenplan für die Schulen vielerorts wie hier das rote Warnlicht. Heute sei das nicht nötig, finden Gesundheitsämter und Schulaufsichten.

»Ich habe die Befürchtung, dass die Bildungsverwaltung die Durchseuchung von Kindern billigend in Kauf nimmt«, sagt die Berliner Linke-Politikerin Regina Kittler zu »nd«. Die langjährige bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus fordert angesichts der galoppierenden Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen von Noch-Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) umgehende Maßnahmen. Kittler sagt, die nun erfolgte Wiedereinführung der Maskenpflicht an den Grundschulen könne nur ein erster Schritt sein: »Als nächstes muss die Präsenzpflicht für den Unterricht erneut ausgesetzt werden und wir müssen wieder zum Wechselunterricht übergehen.«

Unbestritten hat sich die Infektionslage an den Schulen dramatisch verschärft. Am Freitag waren laut Bildungsverwaltung an Berlins öffentlichen Schulen fast 3000 Schülerinnen und Schüler positiv auf Corona getestet - mehr als doppelt so viele wie in der Vorwoche. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen hat denn auch inzwischen schwindelerregende Höhen erreicht. So kratzt der Wert den am Sonntag veröffentlichten Zahlen der Gesundheitsverwaltung zufolge bei den 10- bis 14-Jährigen mit 965 Infizierten pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche bereits an der 1000er-Marke. Nicht viel besser sieht es mit einer Inzidenz von 867 bei den 5- bis 9-Jährigen aus.

»Bei solchen Zahlen hätten wir vor einem Jahr alles lahmgelegt. Aber jetzt? Was passiert hier eigentlich? Es passiert nichts«, sagt Linke-Politikerin Regina Kittler. Tatsächlich werden, so die Bildungsverwaltung, ab diesen Montag gerade einmal vier von über 800 Schulen in den Wechselunterricht geschickt, sind an den öffentlichen Schulen berlinweit lediglich 120 Lerngruppen geschlossen.

Immer lauter wird daher auch die Kritik am Corona-Stufenplan für die Schulen, der zum Anfang des Schuljahres in abgespeckter Form wieder aus der Schublade gezogen worden war. Stufe grün bedeutet hier: alles in Ordnung, Stufe gelb heißt: Wechselunterricht, Stufe rot: Schulschließung. Welche Schule welcher Stufe zugeordnet wird, das entscheiden jeden Donnerstag das Gesundheitsamt und die Schulaufsicht der Bezirke.

Das Problem: Die Kriterien, nach denen hier zuletzt etwa für 99 Prozent der Grundschulen die Kein-Infektionsgeschehen-Stufe grün festgelegt wurde, sind nicht transparent. »So weit ich das inzwischen erfragen konnte, gibt es keine festen Kriterien. Mein Kopf hängt immer noch auf der Tischplatte«, macht Berlins Grünen-Vorsitzende Nina Stahr am Sonntag auf Twitter ihrem Ärger Luft.

Wie in der Hauptstadt gibt es angesichts der Corona-Lage derweil auch in Brandenburg erste Stimmen, die sich für schärfere Schutzmaßnahmen an den Schulen stark machen. So verlangen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Landeselternrat in einem am Samstag veröffentlichten offenen Brief an die Landräte und Oberbürgermeister, dass die Kinder und Jugendlichen endlich in den Schulen täglich und unter Aufsicht Coronatests machen. Anders als in Berlin testen sich die Schüler in Brandenburg dreimal pro Woche zu Hause - oder eben auch nicht.

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