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  • Dokumentation über Greta Thunberg

Vertraue der Wissenschaft

Das dreiteilige BBC-Porträt »Greta Thunberg« begleitet die Klimaaktivistin durch eine Welt am Rande des Untergangs

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Botschaft der Doku ist am Schluss eine grundlegend andere als Fatalismus.
Die Botschaft der Doku ist am Schluss eine grundlegend andere als Fatalismus.

Die Pandemie hat alle, wirklich alle, bis auf gewissenlose Rechtspopulisten wie Jair Bolsonaro oder Donald Trump, die schon vorher schwer einen an der Waffel hatten, ganz schön verrückt gemacht. Niemanden allerdings machte sie vermutlich irrer als Greta Thunberg. Seit drei Jahren schon predigt sie, die Menschheit müsse sich schnell und radikal wandeln, sonst drohe ihr unwiderruflich der Untergang. Zur Antwort erhält die Umweltaktivistin dafür in der Regel allerdings nur den stirnrunzelnden Hinweis, schnell und radikal - na, das gehe nun wirklich nicht! Dann aber kam Corona und die Menschheit veränderte sich so schnell so radikal, dass der Klimawandel mit einem Bruchteil dieser Energieleistung vermutlich in fünf Jahren erledigt wäre. Ist er aber nicht. Im Gegenteil.

Erst Mittwoch wurde die vierte Infektionswelle von der Nachricht unterbrochen, nach einer pandemiebedingten Delle würden die Kohlenstoffemissionen Ende 2021 wieder Vorkrisenniveau erreichen. Mindestens. Alles für die Katz also, was uns Sky Nature da seit Sonntag dreimal 45 Minuten zeigt? Mitnichten! »Ein Jahr«, so lautet der Untertitel, hat die BBC der Welt wichtigste Aktivistin dabei begleitet, »die Welt zu verändern«. Zwölf Monate waren Regisseur Joe Mycerscough und sein Team stets zugegen, als »Greta Thunberg«, so lautet der Obertitel, ihrer Mission Menschheitsrettung nachging. Und nach gut 365 Tagen an Thunbergs Seite wird man aller deprimierenden Erkenntnisse zum Trotz das Gefühl nicht los: wenn selbst Greta an die Zukunft glaubt, können wir das auch. Obwohl es schwerfällt.

Denn bevor dieser winzige Strohhalm aus dem stetig steigenden Meeresspiegel schaut, erzählt uns der Dreiteiler eine Geschichte des kollektiven Scheiterns. Mitte 2019 nutzt die seinerzeit 16-jährige Schülerin ein Sabbatical dafür, den Ursachen und Folgen der galoppierenden Erderwärmung hinterher zu reisen. In Begleitung ihres Vaters Svante führt sie die Fahrt von Kanada bis Polen, von Chile bis Schweden, von Kalifornien bis Davos, auf jeder Station erfahren beide aufs Neue Alte, wie rücksichtslos unsere Überflussgesellschaft den Planeten gerade gegen die Wand fährt.

Ob schmelzende Gletscher oder qualmende Schlote, UN-Konferenz oder Urwalddorf: Wo immer Thunberg auftaucht: Katastrophenmeldungen von zusehends irreversibler Dramatik. Kein Wunder, dass wir also selbst dem autistischen Teenager aus Schweden regelmäßig dabei zusehen, wie er die Fassung verliert - vor Abermillionen von Zuschauern der legendären Klimagipfelrede (how dare you!) ebenso wie bei den Interviews in einer leeren Fabrikhalle (it’s so depressing!), wo das früh erwachsene Mädchen mit schlichtem Karohemd bekleidet leise, fast scheu den Zustand der Erde beschreibt und dabei oft tränenerstickt an den Fingern herumnestelt.

Die Botschaft der Dokumentation ist allerdings eine grundlegend andere als Fatalismus. Sie lautet Hoffnung. Und Hoffnung, erklärt Greta Thunberg bereits im Vorspann, »besteht aus Taten«. Ein kamerabegleitetes Jahr lang sucht sie demnach weniger nach Problemen als Lösungen. Und auch wenn das Porträt der Porträtierten selbst dann nicht wesentlich näherkommt, wenn es ihr auf engstem Raum bei ihrer berühmten Atlantik-Passage im Segelboot Gesellschaft leistet, bleibt am Ende das Bild einer jungen Frau mit mehr Kraft als alle alten Trumps und Bolsonaros dieser destruktiven Spezies zusammen.

Umso lächerlicher ist es dabei zwar, mit welch zartschmelzend zerbrechlicher Telenovela-Stimme der menschliche Felsen ins Deutsche synchronisiert wurde; doch selbst dieses misogyne Übersetzungsversagen kann kaum davon ablenken, was uns BBC und Sky hier 135 Minuten lang gemeinsam mit einer stattlichen Zahl herausragender Klimaexperten vermitteln. Lehre Nummer 1: vertraue der Wissenschaft. Lehre Nummer 2: vertraue der Wissenschaft. Lehre Nummer 3: vertraue der Wissenschaft und gib niemals auf, mit ihrer Hilfe die Welt zu verändern. Schade eigentlich, dass kaum ein Querdenker diese Dokumentation sehen wird. Sie ist noch heilsamer als die zweite Covid-Impfung.

Läuft auf Sky Nature.

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