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  • Hans-Otto-Theater Potsdam

Mit Greta oder Odin in den Untergang

Laster der feinen Leute: »Die Stützen der Gesellschaft« am Hans-Otto-Theater in Potsdam

  • Von Michael Wolf
  • Lesedauer: 6 Min.
Wie ein Abziehbild aus den Börsennachrichten: Der Unternehmer Karsten Bernick (Guido Lambrecht) in »Die Stützen der Gesellschaft« am Hans-Otto-Theater Potsdam
Wie ein Abziehbild aus den Börsennachrichten: Der Unternehmer Karsten Bernick (Guido Lambrecht) in »Die Stützen der Gesellschaft« am Hans-Otto-Theater Potsdam

Da steht eine Bühne auf der Bühne. Ein Guckkasten ohne hintere Wand - in riesigen Lettern leuchtet der Name der Hauptfigur hindurch: Bernick. Dessen Frau Betty, eine begeisterte Laiendarstellerin, verkörpert hier mal Hedda Gabler, mal Nora, die wir aus anderen Dramen von Henrik Ibsen kennen. »Ein sehr lehrreiches Stück«, lobt einer. »Und so moralisch«, sekundiert ein anderer. Um die Moral geht es hier also, noch bevor das eigentliche Stück am Hans-Otto-Theater Potsdam losgeht, noch bevor die Geschichte eine solche preisgeben könnte.

Von Ibsen ist man da gedanklich rasch bei Friedrich Schiller angelangt, der die Bühne in seiner berühmten Rede als moralische Anstalt bezeichnete, deren sittlicher Einfluss das Herz gegen Schwächen schütze und mit »einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung« belohne. Das bürgerliche Theater diente in seiner Entstehungszeit einem aufstrebenden Milieu als Repräsentationsmedium. Hier kam man zusammen, um Werte für sich zu reklamieren, neue Rollen einzulernen, ein besserer Mensch zu werden, was auch heißt: besser als die anderen, als der ungebildete Pöbel und der verkrustete Adel, dessen moralische Verkommenheit man nur zu gerne vorführte.

Zu Zeiten Ibsens ist diese Selbstgewissheit schon passé. Der Norweger war ein großer Kritiker seiner Klasse. In »Nora (Ein Puppenheim)« zeigte er, dass das Bürgertum seine Frauen einsperrte, sie am liebsten klein, dumm und unfrei mochte. In »Ein Volksfeind« wandte er sich gegen den moralischen Furor, der leicht in Despotie kippt. Das Theater ist hier nicht mehr der Ort, an dem sittliches Verhalten erlernt wird, sondern im Gegenteil, die beflissen angenommenen Tugenden selbst sich als Zwänge erweisen. Ibsens Figuren sind keine Agenten mehr für eine gute oder böse Sache, keine Stellvertreter, an denen das Publikum wächst oder von denen es sich abhebt. Es sind Menschen, die weder Helden noch Bösewichte sein können. Dafür fehlt ihnen die Bewegungsfreiheit. Noch die Schlechtesten unter ihnen sind Opfer der Verhältnisse, und noch die Tugendhaftesten unter ihnen verschulden sich. Das naturalistische Drama, das Ibsen mitbegründete, zeigte die realen Auswirkungen der Ideale, für deren Verbreitung die »gute stehende Schaubühne« überhaupt erst aufgebaut wurde.

»Die Stützen der Gesellschaft«, uraufgeführt 1877, gilt als eines der ersten Stücke dieser Strömung. Der Werftbesitzer Karsten Bernick steht kurz vor dem Abschluss eines großen Geschäfts, als unverhofft sein Schwager Johan und dessen Schwester Lona aus den USA zu Besuch kommen. Die Freude über die Rückkehr der beiden hält sich in Grenzen. Johans Anwesenheit gefährdet die ökonomische und gesellschaftliche Existenz des Unternehmers. Bernick hatte vor vielen Jahren eine Affäre mit einer Schauspielerin. Als die Sache herauskam, beschuldigte er Johan, der Nebenbuhler zu sein. Dieser, schon auf dem Weg in die USA, konnte sich damals nicht wehren. Auch die finanziellen Schwierigkeiten der Firma lastete Bernick kurzerhand seinem Schwager an und verbreitete das Gerücht, dieser habe vor seiner Flucht nach Amerika in die Kasse gegriffen. Als Bernick all das Lona gesteht, verhöhnt ihn diese: »Und ihr nennt euch die Stützen der Gesellschaft!«, woraufhin er antwortet: »Bessere hat die Gesellschaft nicht.«

Zynisch klingt das zunächst, doch steckt in diesem Satz auch eine gewisse Ergebenheit. Bernick versteht sich als Mitglied einer Elite, die den ökonomischen wie auch den sittlichen Fortschritt verkörpert. Dem entspricht die Beschreibung eines protestantischen Unternehmertums nach Max Weber, das sich auserwählt fühlt, eine Gesellschaft anzuführen. Ibsen hingegen zeigt, dass in der feinen Gesellschaft das Laster grassiert, aber auch, dass der Kapitalist Bernick völlig überfordert damit ist, nicht nur nach Gewinn zu streben, sondern auch ein moralischer Mensch zu sein. Beide Ansprüche lassen sich kaum vereinbaren. Auch Bernick ist also ein Opfer der Verhältnisse, selbst dann noch, als er zum Mörder wird. Am Schluss lässt er ein Schiff aus seiner Werft auslaufen, auf dem Johan als Passagier mitreist, wohl wissend, dass es die Fahrt nicht überstehen wird. Heimlich schleichen sich auch seine Frau und sein Sohn auf das Schiff, womit Bernick sie ebenfalls in den sicheren Tod schickt.

Regisseur Sascha Hawemann hat der Übersetzung von Angelika Grundlach eigene Texte hinzugefügt, die den Fokus noch stärker auf die Wirkung sozialer Rollen legen. Das von ihm und Alexander Wolf entworfene Bühnenbild zeigt den Menschen als zum Spielen verdammtes Wesen. Betty (Katja Zinsmeister), die Ehefrau von Bernick (Guido Lambrecht), kann ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben nur als Laienschauspielerin auf der Bühne verwirklichen. Als Nora trennt sie sich von ihrem Mann, als Betty ist sie seiner Missachtung ausgeliefert.

Die USA-Heimkehrer haben für sich ganz eigene Fluchtwege gefunden. Lona (Nadine Nollau) erinnert mit ihrem weißen Hemd und den schwarzen Haaren stark an Patti Smith, deren Songs sie auch singt. Immer wieder greifen Ensemblemitglieder an diesem Abend zu Bass und Gitarre. Johan (Günther Harder) gibt einen Wiedergänger der Grunge-Ikone Kurt Cobain, er brüllt »Smells Like Teen Spirit« ins Mikrofon. Die Popkultur hat die Kunst mit der Gesellschaft versöhnt; auch das Rohe, Unmoralische und potenziell Verstörende ist durch sie marktgängig geworden. Erleichtert haben sich die Auswanderer ganz dieser neuen Welt ergeben, während die in der alten Welt Zurückgebliebenen noch an der Unvereinbarkeit der gesellschaftlichen Ansprüche mit ihrer eigenen Schwäche zugrunde gehen.

Der Druck der Verhältnisse zeigt sich auf monströse Weise am Beispiel von Bernicks Sohn Olaf, gespielt von Paul Sies. Mit langen schwarzen Haaren und in Heavy-Metal-Kluft prophezeit dieser das Weltenende, dem Plan der nordischen Mythologie folgend. Dann ergötzt er sich daran, wie er Umweltschützer zusammenschlägt. Statt eine eigene Vorstellung von sich selbst zu entwickeln, rettet sich dieser junge Mann in die Fantasie einer Auslöschung der bestehenden.

Als Kontrapunkt ist Dina (Charlott Lehmann) angelegt, das Kind, das aus der Affäre Bernicks hervorging und das in dessen Familie aufgenommen wurde, ohne dass Bernick dieses Geheimnis verriet. Sie tritt an die Rampe für einen Monolog, in dem sie mit stockender Stimme das Sterben der Tiere in Plastiktüten und Ölteppichen beklagt. Olaf malt ihr weißes Kleid derweil ölschwarz an. Sowohl das Gewalttätige als auch das Rettende, das Gute wie das Schlechte, wird in dieser Inszenierung als Angebot auf einem moralischen Markt präsentiert, auf dem man sich bedienen möge, freilich ohne Aussicht auf Erlösung.

Man kann Greta oder Odin nachfolgen, beide Alternativen werden hier jedoch so klischiert präsentiert, dass sie wie Vermeidungsstrategien erscheinen, seinen eigenen Maßstäben zu entsprechen. Freiheit, so liest man aus den unglücklichen und wütenden Gesichtern, läge in einem Zugang zur Gesellschaft, der sich weder in der Imitation noch der radikalen Ablehnung von Erwartungen erschöpfte. Doch der mächtigste Mann, der, so könnte man denken, den wenigsten Ansprüchen folgen müsste, fällt hier am tiefsten. Noch zu Beginn gab Guido Lambrecht seinen Bernick wie ein Abziehbild aus den Börsennachrichten, selbstgewiss und ganz aufgehend in der Erscheinung des erfolgreichen Managers und Gönners. Am Ende bleibt ihm keine Rolle, hinter der er sich verbergen könnte. Ohne Hosen irrt er da über die Bühne, wütet wirr gegen die da unten und verteilt Rauchschwaden, als wolle er hinter diesen seine Blöße verbergen.

Nächste Vorstellungen: 28.11., 4., 10. und 11.12.

www.hansottotheater.de

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