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  • Marokko raubt die Westsahara aus

Gestohlener Oktopus auf spanischen Tellern

Die Spuren des marokkanischen Raubbaus an den Naturressourcen der Westsahara führen bis Europa

  • Von Claudia Altmann, Tinduf
  • Lesedauer: 3 Min.
Fischer laden im Hafen der von Marokko kontrollierten Westsahara-Hauptstadt Laayoune Kisten mit Fisch von ihrem Boot ab.
Fischer laden im Hafen der von Marokko kontrollierten Westsahara-Hauptstadt Laayoune Kisten mit Fisch von ihrem Boot ab.

Ende September erließ der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein Urteil, das die Landwirtschafts- und Fischereiabkommen zwischen der EU und Marokko für null und nichtig erklärt. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Aktivitäten in dem seit 1975 von Marokko besetzten Gebiet der Westsahara. Die Richter entschieden, dass einzig das dort lebende Volk der Sahrauis über die Nutzung der natürlichen Ressourcen zu entscheiden habe. Diese wurden jedoch nie gefragt.

Von dem Urteil betroffen ist vor allem Spanien, für das Marokko der Hauptlieferant an Fisch ist. Jährlich werden an die 100 000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte vor den Küsten des okkupierten Territoriums im Nordwesten Afrikas gefangen, davon die Hälfte Oktopus: 95 Prozent der in Spanien konsumierten Tintenfische kommen aus den Gewässern vor Dakhla, 75 Prozent der Sardinen aus jenen vor Layoun. Die Lieferungen werden in Marokko umgelabelt, die Rückverfolgung verschleiert. An der rechtswidrigen Ressourcenausbeutung verdienen Dutzende internationale Firmen. Außer Erdöl, Eisen, Titan und Mangan ist Phosphat der wichtigste Bodenschatz in der Westsahara. Dort befindet sich eine der weltweit größten Lagerstätten des immer knapper werdenden Rohstoffs zur Düngemittelherstellung. Die Mine in Bou Craa bringt Marokko jährlich Hunderte Millionen Dollar Gewinn. Zwar haben sich in den vergangenen Jahren mehrere ausländische Firmen auf internationalen Druck zurückgezogen, aber immer noch landet Phosphat illegal in Neuseeland; im Oktober hat der Düngemittelproduzent EuroChem aus Zug in der Schweiz eine Schiffsladung Phosphatgestein aus der Westsahara in Estland in Empfang genommen.

Damit der weiße Rohstoff an den Atlantik gelangt, wird er über das mit etwa 100 Kilometern längste Förderband der Welt transportiert. Die Anlage kann nur betrieben werden, weil die staatliche marokkanische Minengesellschaft OCP mit der Firma Siemens Gamesa zusammenarbeitet, spanische Tochterfirma von Siemens Energy. Ihre Turbinen liefern im Windpark Foum El-Oued bei Layoun 99 Prozent der Energie für das Transportband. Außerdem ist das Unternehmen mit einem 2,8 Milliarden-Euro-Projekt am Bau von fünf weiteren Windparks beteiligt, davon drei in Marokko und zwei in Tiskrad und Boudjdour in den besetzten Gebieten. Ein weiterer, weltweit höchst gefragter Rohstoff aus der Westsahara ist Sand. Tonnenweise landet er auf den Stränden der Kanarischen Inseln. Zudem wird er unter anderem von der spanischen Celsa Group zur Zementherstellung nach Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria verschifft. Damit liefert sahrauischer Sand die Grundlage für die wichtigsten Wirtschaftszweige der Kanarischen Inseln: Bauindustrie und Tourismus.

Aber auch in der Westsahara selbst sind diese beiden Bereiche profitbringend. So hat Marokko 2013 ein auf zehn Jahre angelegtes Investitionsprogramm in Höhe von 12 Milliarden Euro gestartet zur Entwicklung seiner »Südprovinzen«, wie Marokko die besetzten Gebiete völkerrechtswidrig bezeichnet. Außer dem Ausbau der Infrastruktur und Wohnungsbau sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen wird Geld in die Ferienindustrie gesteckt. Eines der angepriesenen Urlaubsziele ist Dakhla, dessen riesige Lagune als Traumziel für Kitesurfer aus aller Welt beworben wird. Obwohl die internationale Rechtslage eindeutig ist und Marokko keinerlei Souveränität über die Westsahara hat, geht die Ausplünderung der Ressourcen weiter. Die finanzielle Stütze dafür liefert auch die EU: Laut einer Studie der Linken im Europaparlament aus der vergangenen Woche stellt die EU Fördergelder in Millionenhöhe zur Verfügung für Unternehmen vor allem aus Spanien, Frankreich und Deutschland, die damit in der letzten Kolonie Afrikas investieren.

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