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Wo gestern zu heute wird

Marokkos Süden: Auf Zeitreise durch das Königreich zwischen Sahara, Atlantik und Mittelmeer

  • Von Christiane Flechtner
  • Lesedauer: 8 Min.

Kann man Stille hören? Alle Sinne sind geschärft, als es schaukelnd auf dem Dromedar durch die Dünen geht. Das tierische Wüstenschiff wandert dabei lautlos und gemächlich durch den feinen Wüstensand. Schwarz wie ein Scherenschnitt zeichnet sich der lange Schatten des einhöckrigen Tieres im orangefarbenen Sand ab. Die wenigen Menschen, die hier sind, haben die Gespräche eingestellt und erleben staunend das Naturschauspiel, was sich vor ihnen auftut. Selbst der Wind ist still und scheint innezuhalten.

In Marokko ist es nicht überall so still wie hier im Erg Chegaga, einem der großen Sanddünengebiete des Landes. Das seit 1956 unabhängige Königreich hat mehr als nur Wüste zu bieten. Wer zum ersten Mal nach Marokko reist, wird erstaunt sein, wie vielfältig das westlichste der fünf Maghreb-Länder ist. Sand- und Kiesstrände, Wälder und Seen, Berge und tiefe Schluchten sowie Wüsten und Oasen machen Marokko zu einem unvergleichlichen Reiseland.

Start ist in Marrakesch, dem Zentrum Südmarokkos: In der 1,2-Millionen-Metropole kann man die Gegensätze zwischen orientalischer Tradition und modernem Lebensstil hautnah erleben.

In der Medina verschlucken die engen Gassen das Sonnenlicht. Die Souks - übrigens mit einer Fläche von rund 200 000 Quadratmetern die größten des Landes - repräsentieren ein gewaltiges Basarsystem. Die Souk-Viertel sind traditionell nach Handwerkszweigen und Warenangeboten gegliedert. Es geht durch ein Wirrwarr von engen Gassen, und die Orientierung ist schnell verloren. Die verlockenden Gerüche der Garküchen liegen in der Luft, bunte Stände voller Obst, Oliven und Gewürzen lassen den Blick und die Gedanken schweifen. Es geht vorbei am berühmten Djemaa el Fna, dem »Platz der Geköpften«. Einst wurden hier Verbrecher und Rebellen hingerichtet. Ihre Köpfe stellte man so lange zur Schau, bis nur noch ihre kahlen Schädel übrig blieben.

Heute ist es der Platz der Gaukler, Schlangenbeschwörer und Berberaffen-Besitzer. Der große Platz mitten im Herz der Altstadt ist seit 2001 Teil der Unesco-Liste der »Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit«. Das liegt auch daran, dass er nicht für Touristen künstlich erschaffen wurde, sondern es ist auch ein beliebter Ort der Marokkaner. Sie zieht es vor allem am Abend hierher, um Märchenerzählern oder Musikern zu lauschen.

Dann geht raus aus der Stadt - in Richtung Hoher Atlas. Nur etwa 30 Kilometer südlich der quirligen Metropole befindet sich im Ourika-Tal die Safranfarm von Christine Ferrari. Die Schweizerin hat sich nach einer Marokkoreise entschieden, hierher auszuwandern. Seit zehn Jahren pflanzt sie Safran an, erntet und verkauft ihn in höchster, mit Gütesiegel ausgezeichneter Qualität. Die Baselerin hat auf einer Fläche von zwei Hektar in ihrem »Le Paradis du Safran« einen traumhaften Ort mit rund 200 verschiedenen Pflanzenarten, Pfauen, Hunden und Eseln erschaffen. »Ich habe hier alles, was ich brauche«, sagt die 61-Jährige und fügt hinzu: »Es ist nie zu spät, das eigene Leben zu ändern, wenn man im alten Leben unglücklich ist.« Während der Erntezeit beschäftigt sie bis zu fünfzig Berberinnen, und die Qualität ihres Safrans ist weltweit bekannt. Zusätzlich empfängt sie Touristen und serviert ihnen ein Safran-Mittagsmenü mit frischen Zutaten aus dem Garten. Ein paar Schritte über den Barfußweg und die Füße im Kneipp-Kräuterbad gekühlt - und schon fühlt man sich wie neu geboren!

Wie Christine Ferrari leben auch andere Menschen in Marokko von der Landwirtschaft. So auch Abdelhak Dani. Er und seine Familie bewirtschaften eine Plantage mit Dattelpalmen im kleinen Ort Tamegroute. Dabei macht ihm der Klimawandel wie auch allen anderen Bauern zu schaffen: »Seit zwei Jahren hat es nicht mehr geregnet. Mandel- Oliven- und Arganbäume verdorren, und Oasen trocknen langsam aus«, klagt er. Auch die Dattelernte sei schwieriger geworden. »Es gibt hier keine Bienen mehr, sie sind in Richtung Atlasgebirge gezogen, wo es etwas grüner ist. So müssen wir die Dattelpalmen nun per Hand bestäuben.« Zum Glück hat er sich mit einer Werkstatt für die berühmten grün-glasierten marokkanischen Töpferwaren ein zweites Standbein geschaffen. »Nun müssen nur noch die Touristen kommen, die durch Corona ausgeblieben sind«, fügt er hinzu.

Zu Besuch bei den Amazigh

Marokko ist Vielfalt - auch was die Kultur der Menschen betrifft, die hier leben. Die ursprünglichen Bewohner der Region sind die Berber. Es handelt sich bei dem Begriff um eine Sammelbezeichnung für die indigenen Ethnien der nordafrikanischen Länder. »Das über Jahrtausende existierende Wandervolk hat Marokko geprägt und zu dem Land gemacht, was es heute ist«, erklärt der Marokkaner Brahim Oubaha. Schließlich stellen die Berber im Land mit 80 Prozent die absolute Bevölkerungsmehrheit dar.

Doch bis 2011 seien ihre Sprache Tamazight und ihre kulturelle Identität nicht anerkannt worden: »Sie wurden unterdrückt und hatten es schwer. Und so ist das Wort Berber heute auch negativ besetzt. Deshalb bezeichnen sich die Berber in Marokko heute als Amazigh, was freie Menschen bedeutet«, fügt er hinzu.

In der marokkanischen Verfassung ist Tamazight heute als Standard- und Amtssprache verankert - ein wichtiges Zeichen für die Akzeptanz und Sichtbarmachung der Berber im eigenen Land. Auch ihre Kultur und ihre besonderen Bauwerke, die Kasbahs, werden längst als Errungenschaften hervorgehoben. Die aus Stampflehm errichteten Wohnburgen der Berber befinden sich im Süden Marokkos, vor allem in den Tälern Dadès, Drâa, Todhra und Ziz.

Am nächsten Tag geht es hoch hinauf, um die Straße der 1001 Kasbahs zu erreichen. Der Bus windet sich durch die Serpentinen immer höher und höher und erreicht - mit den sich schwindelig fühlenden Fahrgästen - einen der großen Atlas-Pässe: Tizi-n-Tichka auf 2260 Metern Höhe. Das Ziel der Tagestour ist Aït-Benhaddou: Das Ksar (befestigtes Dorf) ist ein wunderschönes Beispiel traditioneller Lehmbauarchitektur der Berber und besteht aus einem Labyrinth an Häusern, Türmen und Kollektivspeichern aus Lehm. Kein Wunder, dass es seit 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt und als Filmkulisse zahlreicher Kinofilme diente. Hier wurden unter anderem Szenen von »Lawrence von Arabien« oder »Gladiator«, »Die letzte Versuchung Jesu«, »Indiana Jones« und »Game of Thrones« gedreht.

Auch der Kasbah von Tizurgane sollte man einen Besuch abstatten: Das Dorf, das auf der Kuppel eines inselartig isolierten Berges liegt, wurde bereits im 13. Jahrhundert gegründet und diente den Berberstämmen als Zufluchtsstätte im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen.

Neben den Kasbahs sind auch die Speicherburgen zahlreich. Vor allem im Antiatlas sind die Igoudar, wie sie im Plural heißen, anzutreffen: »Bei den mehr als 200 Bauwerken mit teils bis zu 1000-jähriger Geschichte handelt es sich um die ersten Banken der Welt«, erklärt Konservator Hassan Nait Louz, der die Speicherburg Ikounka unweit des Ortes Aït Baha seit 2013 betreut. »Um das Hab und Gut zu schützen, haben Dorfbewohner einen Gemeinschaftsspeicher gebaut, in dem der Besitz von Familien - seien es Dokumente, Getreide oder Schmuck - verwahrt und geschützt wurde«, erklärt er. Außen schaut es aus wie eine Burg mit Wachturm, innen wie sich gegenüberliegende überdimensionale Adventskalender. Mit Schlössern gesichert, waren hinter den Türen des »Tresors« die Besitztümer der Dorfbewohner sicher verwahrt. Ein faszinierendes Denkmal aus längst vergangener Zeit.

In die Stadt der Winde

»Wie eine Fata Morgana, so nah und doch so weit ...« Das Lied der Ersten Allgemeinen Verunsicherung im Kopf, führt der Weg am nächsten Tag durch weite Ebenen, an deren Horizont der Gebirgszug des Djabal Bani schemenhaft zu erkennen ist. Die Fahrzeuge fahren auf dem Lac Iriki, einer weiten ausgetrockneten Lehmebene, die sich von Zeit zu Zeit in einen riesigen flachen See verwandelt, wenn es einmal regnet. Dann lassen sich Flamingos hier nieder und bilden als pinkfarbene Tupfen einen starken Kontrast zur Wüstenlandschaft. An diesem Tag ist aber weder Wasser noch ein Flamingo zu sehen. Dafür haben Sonne und Trockenheit tiefe Risse mit bizarren Mustern in die trockene Fläche gezaubert. Und ein Farbtupfer taucht doch noch auf: Ein Jogger aus Belgien, der auf der 250 Kilometer langen Strecke des Marathon des Sables unterwegs ist, sagt kurz »Hallo« joggt dann - kleiner und kleiner werdend - weiter in Richtung Horizont.

Am Abend ist Essaouira erreicht. Die malerische blau-weiße Fischerstadt, die auch »Stadt der Winde« genannt wird, befindet sich direkt am Atlantik. Rau prallt die Gischt auf die Felsen, während in der Altstadt die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen scheint. Die Medina zählt seit 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe, umgeben von der hohen ockerfarbenen Stadtmauer mit fünf Bastionen als schützender Wall. Ob Gewürze oder Kunsthandwerk, kleine Läden lokaler Künstler oder verwinkelte Cafés - wer die kleinen Gässchen durchkämmt, fühlt sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Hier kann man nach Belieben schnuppern, staunen und stöbern. Egal, wie lange man hier verweilt - es ist immer ein wenig zu kurz. Aber das gilt für ganz Marokko. So entsteht das Gefühl, dem Land auf seiner Reise nur einen kleinen Teil seines Geheimnisses entlockt zu haben. Aber das ist auch gut so. Ein Grund, bald wiederzukehren.

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