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MeToo auf Chinesisch

China reagiert empört auf die Absage von Tenniswettkämpfen durch die WTA

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 3 Min.
Peng Shuai
Peng Shuai

Die Ankündigung der Frauentennis-Organisation WTA, sämtliche Turniere in China zu streichen, hat in dem Land regelrechte Schockwellen ausgelöst. Dies ließ sich vor allem an der bemerkenswerten Stille ablesen, die vorübergehend unter Chinas Staatsmedien und Diplomaten herrschte. Normalerweise reagieren diese bei jeder Kritik umgehend mit verbalen Gegenangriffen. Doch dieses Mal musste das Propagandaministerium in Peking offenbar ungewöhnlich lange an einer offiziellen Argumentationslinie tüfteln. Für die Volksrepublik steht viel auf dem Spiel.

Ein Rückblick: Peng Shuai, eine der besten Tennisspielerinnen des Landes, bezichtigte den ehemaligen Vizepremier Zhang Gaoli in einem Online-Posting vom 2. November, sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Erstmals erreichte ein MeToo also die Pekinger Politelite. Der Sicherheitsapparat reagierte - wie so oft - , indem er die Nachricht zensierte und die Tennisspielerin aus der Öffentlichkeit verschwinden ließ.

Doch nach immensem internationalem Druck stand Chinas Regierung unter Zugzwang. Die Staatsmedien veröffentlichten zunächst eine offensichtlich fingierte E-Mail von Peng; und - als die Aktion eindeutig ihr Ziel verfehlt hatte - posteten sie Kurzvideos der 35-Jährigen bei einem Restaurantbesuch. Damit war klar, dass Peng Shuai unversehrt ist. Doch ebenso klar war, dass sich die Athletin nicht frei äußern kann. Auch ein unter Aufsicht durchgeführtes Telefonat mit IOC-Präsident Thomas Bach ändert an diesem Befund nichts.

Während sich das Internationale Olympische Komitee vom chinesischen Propagandaapparat einspannen lässt, ist die WTA-Entscheidung durchaus mutig. Zwar konnte der Tennisverband seit zwei Jahren pandemiebedingt ohnehin keine Turniere in China veranstalten. Doch allein 2019 hielt die WTA insgesamt neun Turniere in der Volksrepublik ab, darunter das Saisonfinale in Shenzhen mit über 30 Millionen Dollar Preisgeld.

Im chinesischen Netz wurden unlängst alle Äußerungen über die Boykottnachricht gelöscht. Doch es gab auf den sozialen Medien ein kurzes Zeitfenster von wenigen Minuten, ehe die Zensoren einschritten. Bis dahin zeigten sich einige chinesische Internetnutzer auf der Onlineplattform Weibo überraschend solidarisch: »Dieses Mal stehe ich auf der Seite der WTA«, kommentierte etwa eine Userin. »Die WTA zeigt echtes Rückgrat«, lautete eine andere Meinung.

Stunden später folgten dann die offiziellen Staatsmedien mit ihren Gegenattacken. Zunächst brach Hu Xijin, Chefredakteur der nationalistischen »Global Times«, sein Schweigen: »Die WTA zwingt Peng Shuai, den Angriff des Westens auf das chinesische System zu unterstützten. Damit beraubt sie Peng Shuai ihrer Meinungsfreiheit«, schrieb der chinesische Publizist auf Twitter - und bediente sich dabei einer abstrusen Täter-Opfer-Umkehr, deren Botschaft im Westen wohl nicht verfangen wird.

Das Perfide ist, dass Chinas Journalisten zu dem Thema ausschließlich auf Twitter und Facebook publizieren können - Plattformen also, die in der Volksrepublik seit Jahren bereits zensiert sind. In ihren eigenen Medien dürfen sie sich de facto nicht zu der Thematik äußern. Dort nämlich existiert der Fall offiziell nicht. Auch Chinas Außenministerium antwortete in den vergangenen Wochen stets, dass man sich der Angelegenheit »nicht bewusst« sei. Am Donnerstag ließ Regierungssprecher Wang Wenbin nun verlauten: »Wir sind entschieden dagegen, den Sport zu politisieren.«

Für Peking steht schlussendlich weitaus mehr auf dem Spiel als ein paar abgesagte Tennisturniere. Zum einen ist das Risiko groß, dass auch weitere Sportorganisationen ähnliche Konsequenzen ziehen werden. Vor allem aber könnte die Causa die Boykottdebatte rund um die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking wieder hochkochen lassen.

Dass Regierungsvertreter aus dem Westen im Februar in die Volksrepublik reisen werden, gilt ohnehin als unwahrscheinlich, allein aufgrund der Pandemie. Doch abseits von einem »diplomatischen« Boykott könnten einige Staaten durchaus in Erwägung ziehen, zusätzlich ihre Athletinnen und Athleten nicht nach China zu entsenden. Deutschlands künftige Außenministerin Annalena Baerbock etwa schloss in ihrem aktuellen Interview mit der »taz« einen Boykott der Olympischen Spiele nicht explizit aus.

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