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Die Angst vor der Moderne

Bücherverbrennungen in den USA? Wie die Republikaner die Schulen erobern wollen

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 5 Min.
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Gott sei Dank gibt es in "Gottes eigenem Land" auch Regenbogenproteste.

In Spotsylvania wurde über die Strenge geschlagen. Zwei Lokalpolitiker der Stadt in Virginia forderten die Verbrennung von missliebigen Büchern in Schulbibliotheken. Diese seien explizit sexuell und obszön. In einem Buch, das ihren Zorn entzündete, geht es um eine schwule Liebesbeziehung, in einem anderen um obdachlose Schüler. Die Kommunalpolitiker erhielten Schützenhilfe vom Schulaufsichtsrat. Einstimmig wurde entschieden, die verdächtigen Bücher aus den Regalen zu entfernen. Kaum zwei Wochen später jedoch mussten die eifrigen Zensoren erfahren, dass die Bürger Spotsylvanias das Verbot von Büchern viel obszöner finden, als die beanstandeten Textpassagen.

Rund 70 Bürger erteilten dem Schulaufsichtsrat eine mehrstündige Lektion über die Geschichte der Zensur und der »Bücherverbrennungen«. Der Rat zog die Entscheidung dann mit fünf gegen zwei Stimmen zurück. Zwei radikale Sittenwächter namens Rabih Abuismail und Kirk Twigg beharrten auf ihr Votum, die beanstandeten Bücher zu eliminieren, dem Feuer zu übergeben.

Das Signal für die Bücherverbrennung ereignete sich keineswegs infolge spontaner konservativer Verzweiflung, sondern im Zeichen des Triumphs von Glenn Youngkins, dem ersten republikanischen Gouverneur in Virginia seit über einem Jahrzehnt. Sein Sieg ließ die Republikaner auf die Wiederwahl von Donald Trump hoffen. Bereits in diesem Sommer behauptete der Trump-Flüsterer Steve Bannon in seiner Internet-Sendung: »Der Weg zur Rettung dieser Nation ist sehr einfach und direkt: Er führt durch die Schulaufsichtsräte.«

Die Republikaner haben ein Thema gefunden, das zwar zum Glück noch nicht Bücher zum Brennen brachte, jedoch - schlimm genug - die Gemüter erhitzt. Nicht nur in Virginia, auch in Kansas und Texas werden die Schulbücher durchforstet. Die Republikaner schicken ihre eifrigsten Anhänger in die Schulaufsichtsräte. Und es scheint, dass Bannons neuer Strategie, lokal zu operieren, mehr Erfolg beschieden ist, als jene der Tea Party, die als nationale Bewegung konzipiert war. Fast in jedem Städtchen tobt ein Kampf um die Schulen.

Warum geraten gerade die Schulen zwischen die Fronten? In den Siebzigerjahren versuchten republikanische Wähler zu verhindern, dass Schwarze Bürger in ihre Nachbarschaft zogen und deren Kinder mit den ihren gemeinsam die Schulbank drückten. Das war dann der Anlass für »White Flight«, die »Flucht der Weißen«. Sie zogen aus der Stadt in die Vororte. Inzwischen wohnen aber auch Nichtweiße aller Schichten in den meisten Vororten. Und da geraten die Schulen wieder in den Fokus, von Republikanern und Radikalen als letzter Posten einer heilen Welt angesehen, die ihnen auch in den USA immer mehr bedroht erscheint.

Trump hatte die Brisanz des Themas erkannt, als er 2016 im Wahlkampf um die republikanische Nominierung gegen seinen Konkurrenten Jeb Bush, dem damaligen Gouverneur Floridas, antrat. Der Bruder des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush hatte die sogenannten »Common Core Standards« während der Regierungsjahre von Barack Obama unterstützt. Common Core war ein Projekt für nationale Bildungsstandards, das unter anderem von Bill Gates finanziert wurde. Auf dessen Höhepunkt haben 41 Bundesstaaten die Standards akzeptiert, dann begann die Unterstützung zu bröckeln. Denn in den Augen der Konservativen war der Vorstoß ein Versuch, Amerikas Bildungssystem zu kapern.

Aber auch Linke übten Kritik. Sie bemängelten, dass die Standards eine gewinnträchtige Privatinitiative für die Bedürfnisse der Industrie darstellten, eine Verflachung der Bildung, um die schnöden Bedürfnisse der globalisierten Wirtschaft zu erfüllen - unter Vernachlässigung der musischen Fächer. Letztlich hatte aus diesem Streit Trump politisches Kapital geschlagen.

Dieser hat in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft noch einmal beim Schulthema zugeschlagen. Eine neue Sau wurde durchs Dorf getrieben. Diesmal ging es um die Critical Race Theory, eine Denkschule auch schon aus den 70ern, die sich um die Aufdeckung der Strukturen des Rassismus in den USA bemüht. Deren Erkenntnisse und Warnungen erlebten einen Aufschwung nach der Ermordung von George Floyd. Diskutiert wurde, wie die Ausbildung und Sensibilisierung von Polizisten verbessert werden könne. Trump drohte mit dem Entzug aller Bundesgelder, sollten Ordnungshüter mittels kritischer Ideen fortgeschult werden. Mit nachhaltigem Erfolg. Bis Juni dieses Jahres haben 21 Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die die Schulen gegen eine »Invasion« der Critical Race Theory verteidigen sollen.

Der konservative Aktivismus wie in Spotsylvania speist sich aus verschiedenen Quellen. Es sind vor allem Eltern und Lokalpolitiker, die Bücher wegen sexuellen Inhalts eliminieren wollen. Die Critical Race Theory wird eher diskreditiert durch Abgeordnete wie Chris Pringle aus Alabama, der dieser progressiven Bewegung unterstellt, sie würde alle weißen US-Amerikaner als Rassisten verurteilen. In kleineren Städten, wie Spotsylvania mit rund 140 000 Einwohnern, ist es eine Melange sozialer Probleme und der Angst vor der modernen Kultur der Großstädte.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sind Bücher auf Scheiterhaufen geworfen worden, um entweder die Macht der Kirche zu stabilisieren oder weil sie angeblich die nationale Kultur bedrohten. Die erstrebten Bücherverbrennungen in den USA haben eine gänzlich neue Begründung: Hier sollen Bücher aus Bibliotheken entfernt werden, um die Autorität der Eltern zu bewahren. Gegen dieses neue, alte Gebot hat der abgewählte demokratische Gouverneur Virginias, Terry McAuliffe, verstoßen, als er verkündete: »Eltern sollten nicht bestimmen, was in Schulen unterrichtet wird.« Dieser eine Satz kostete ihn seinen Amtssitz!

Interessant ist, wann McAuliffe dies sagte: Das war 2013. Der Satz ist nun kurz vor den jüngsten Wahlen vom Republikaner Glenn Youngkin ausgekramt worden. Er ließ einen Spot senden, in dem eine zierliche Frau namens Laura Murphy mit leiser Stimme klagte, ihr Sohn sei völlig verstört von einem Buch, das er in der Schule lesen musste. Es sei so »explizit«, es habe alle Familienmitglieder rot werden lassen. Angeblich habe ihr Sohn, vom Buch aufgewühlt, nicht mehr schlafen können. Deshalb fordere sie, Laura Murphy, eine neue Gesetzgebung zur Legitimierung elterlicher Einsprüche gegen Schullektüre.

Was die Dame aus dem reichen Fairfax County in Virginia nicht verriet: Der Vorfall lag zehn Jahre zurück, ihr Sohn war damals 17 und das Buch mit dem Titel »Beloved« stammte von der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Ein Buch, das nicht für Obzönität bekannt ist, sondern durch die drastische Darstellung der Sklaverei. Laura Murphys Sohn ist inzwischen ein führender Anwalt des Nationalen Republikanischen Komitees. Doch der Spot hat seine Wirkung gezeitigt, den Ruf nach Bücherverbrennungen bestärkt.

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