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Das unberechenbare Piepsen

Vor einem Vierteljahrhundert eroberte das Tamagotchi die Kinderzimmer der Welt - jetzt ist eine neue Version für die Smartwatch auf dem Markt

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 5 Min.
Ja, was hat es denn? Ein Tamagotchi buhlt um Aufmerksamkeit.
Ja, was hat es denn? Ein Tamagotchi buhlt um Aufmerksamkeit.

Sobald es piepste, herrschte Panik. Was ist los? Braucht es Futter? Will es nur spielen? Oder kämpft es ums Überleben? Wer morgens noch im Bett döste, war plötzlich hellwach. Im Schulunterricht hielt man die Hand auf den kleinen Lautsprecher, damit die Lehrerin nichts bemerkte. Denn es war ja schlimm genug, dass man selbst schon an nichts anderes als dieses kleine, batteriebetriebene Ding denken konnte. Und die Lehrerin hätte es doch wieder einkassiert. Aber das durfte nicht passieren. Vor allem dann nicht, wenn es piepste. Denn irgendwas musste das ja bedeuten.

Wer in den 1990er Jahren ein Kind war, dürfte sich an solche Gefühle noch gut erinnern. Die Tamagotchis zogen eine Zeit lang die volle Aufmerksamkeit des Nachwuchses auf sich. Ein Plastikei mit kleinem Bildschirm, auf dem die Launen und Nöte des Elektrowesens angezeigt wurden, war das neue Ding, das jeder haben wollte. In einer Zeit, als das Wort Internet noch niemand verstanden hätte, war das Tamagotchi das erste populäre Roboterhaustier. Per Knopfdruck ließ es sich füttern. Herrchen und Frauchen wurden durch eine winkende Figur auf dem kleinen Bildschirm belohnt. Es war eine Hightech-Revolution der Spielzeugindustrie.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit das erste Tamagotchi auf den Markt kam. In Japan, wo der Tokioter Konsumenten-Elektronikhersteller Bandai die Idee Ende November 1996 als Erstes angeboten hatte, war es ein sensationeller Erfolg. Die TV-Werbung war den Kindern nicht entgangen. So bildeten sie nachmittags nach der Schule lange Schlangen an den Eingangstoren von Spielwarengeschäften, um eines dieser Geschöpfe mit dem 32x16-Pixel-Minibildschirm zu ergattern. Wer es richtig ernst meinte, kaufte sich nach und nach mehrere - als Sammlerstücke, denn die Plastikverkleidung gab es in verschiedenen Farben. Ein Hype begann.

Was das Ganze sollte? Das Tamagotchi war vieles auf einmal: Ein kleiner Computer, mit dem man zu interagieren lernte. Eine ganz neue Form des Entertainments. Und ein Haustier zum Ausprobieren. Eltern, die skeptisch gegenüber dem Wunsch des Kindes nach Hunden oder Katzen waren, konnten der Idee eines Elektrohaustieres oft etwas abgewinnen. Hieran ließen sich Fürsorge und Verantwortung erlernen, ohne dass es so richtig schiefgehen könnte. Denn am Ende starb ja nur ein Wesen, das nie gelebt hatte, oder?

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Natürlich wurden Tränen vergossen, wenn auf dem Bildschirm so eines Tamagotchis plötzlich eine kleine Traueranzeige aufploppte, die das Alter des verendeten Strichmännchens anzeigte, das man nicht genug per Knopfdruck gefüttert hatte. In einigen Ländern der Welt machten Nachrichten die Runde, dass eigene Friedhöfe für die Plastikeier eingerichtet wurden. Und wer besonders gut darin war, sich um das Haustier zu kümmern, vernachlässigte oft andere Pflichten - die Schule zum Beispiel.

Nach einem kurzen, aber weltweiten Boom verloren die kaum berechenbar piepsenden Spielzeuge die Gnade der Eltern und die Faszination der Kinder. Ein knappes Jahrzehnt später, um das Jahr 2004 herum, startete Bandai eine neue Verkaufsoffensive für die nächste Generation, unter anderem mit der Fähigkeit, das eigene Tier mit einem anderen zu verbinden und so eine Familie zu gründen. Bis heute haben sich weltweit um die 85 Millionen Exemplare verkauft. Hinzu kommt eine unschätzbare Zahl von Raubkopien.

Aber die Bedeutung des Tamagotchis drückt sich nicht allein in Absatzzahlen aus. Für die ganze Gamingbranche war es wegweisend. Nicht nur der Gedanke, ein E-Haustier zu kreieren, war originell. Auch der Modus des dauerhaften Spielens ebnete den Weg für spätere Games: Beim Tamagotchi gibt es kein Speichern und kein Ausschalten, womit man später den alten Spielstand laden könnte. Hier ist eine durchgehende Fürsorge gefragt, ansonsten wird das Tier krank und es stirbt. Die Videospiele »World of Warcraft« oder »Elder Scrolls Online« funktionieren heute in ähnlichen Modi. Das Spiel endet nie.

Außerdem richtete sich das Tamagotchi - anders als die meisten Elektro- oder Videospiele bis dahin - nicht vor allem an Jungs, sondern genauso - oder sogar insbesondere - an Mädchen. Während Spielkonsolen wie jene von Nintendo in Spielwarengeschäften vor allem in der Abteilung für Jungs zu finden waren, traf auf die Tamagotchis oft das Gegenteil zu. Dies geschah zwar mit konservativen Rollenbildern, weil an das Pflegen eines Wesens appelliert wurde. Zugleich erschloss es aber eine Gruppe, die bis dahin nicht im Fokus der Spieleentwickler gestanden hatte.

Und ein Vierteljahrhundert später ist das Tamagotchi noch immer nicht ausgestorben. Der Hersteller Bandai hat gerade eine neue Jubiläumsversion herausgebracht. Die Weiterentwicklung kommt in Form einer Smartwatch, ist also online und per Touchscreen zu versorgen. Heutzutage ist das Haustier natürlich in Farbe sichtbar und das auf dem Bildschirm erkennbare Zimmer, in dem sich das Wesen befindet, kann modifiziert werden. Außerdem sind simple Chatfunktionen möglich sowie die Synchronisation mit anderen Tamagotchis.

Das »Tamagotchi Smart« kostet auf dem japanischen Markt, wo es zunächst erscheint, 7970 Yen (rund 62 Euro). Für Add-ons im Spiel entstehen zusätzliche Kosten. Und die dürften heutzutage auch nötig sein, wenn man vermeiden will, dass das neue Haustier zu schnell stirbt.

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