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Abhängig von Ersatzmittellieferung

Seit Monaten gibt es Engpässe bei einem Substitutionsmedikament gegen Heroinabhängigkeit

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit einigen Monaten gibt es Lieferengpässe bei Substitol, einem wichtigen Medikament bei der Behandlung von Menschen mit Heroinabhängigkeit. Der darin enthaltene Wirkstoff Morphinsulfat hilft ihnen, weg vom illegalen und gepanschten Heroin zu kommen, hin zu einem stabileren und sichereren Leben. Es sei »nicht nachvollziehbar, dass die Firma Mundipharma von jetzt auf sofort den Ärzten mitgeteilt hat, dass die Lieferung von Substitol eingeschränkt ist«, kritisiert Hans-Günter Meyer-Thompson gegenüber »nd«. Der Arzt war langjährig in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen in einer Hamburger Klinik, heute arbeitet er in einer Hausarztpraxis. Die Firma müsse »weitaus früher gewusst haben, das sie ein Produktionsproblem hat«.

Immerhin habe es nur kurze Zeit Probleme in Deutschland gegeben, bis im Sommer das Ersatzsubstitutionsmittel Compensan verschrieben werden konnte, erläutert Meyer-Thompson. Zunächst hätten die entsprechenden betäubungsmittelrechtlichen Erlaubnis- und Genehmigungsanträge angepasst werden müssen. Seitdem gebe es hierzulande zuverlässig das Ersatzsubstitut, das aus Österreich geliefert werde.

Eine gewisse Unsicherheit bleibt aber trotzdem, vor allem bei manchen Patienten. »Es kommt vor, dass Mundipharma mal plötzlich doch wieder eine Apotheke beliefert, und dann müssen die wieder Substitol benutzen, weil das Compensan nur abgegeben werden darf, wenn Substitol nicht vorhanden ist«, erklärt Meyer-Thompson. Dann müssten die Ärztinnen und Ärzte alle Rezepte neu ausstellen. Auch für die Menschen, die das Substitutionsmittel einnehmen, sei das Hin und Her mitunter nervenaufreibend. »Ein zwangsweiser Medikamentenwechsel ist nie schön«, so Meyer-Thompson. »Der Wirkstoff ist derselbe, aber es gibt immer eine Gewohnheitsseite und eine psychische Komponente.«

Viel dramatischer als in Deutschland ist die Situation aktuell in der Schweiz. Dort wird das Substitutionsmittel von Mundi-pharma unter dem Handelsnamen Sevre-Long vertrieben und ist ebenfalls kaum noch verfügbar. Allerdings wird die Schweiz nicht ersatzweise mit Compensan aus Österreich beliefert. Stattdessen muss ein Ersatzmedikament extra aus Australien eingeflogen werden. »Aber auch da haben wir Liefereinschränkungen und müssen laufend rückumstellen auf ein anderes Medikament«, erklärt Thilo Beck, Chefarzt der Psychiatrie im Züricher Zentrum für Suchtmedizin gegenüber »nd«. Die Nachfrage nach Ersatzmedikamenten steigt allgemein auf Grund der Lieferprobleme von Mundipharma, was zu weiteren Lieferengpässen führt.

»Die Patienten haben große Angst, dass irgendwann keines der Präparate mehr verfügbar ist«, sagt Beck. Aktuell sei es so, dass von einer Woche auf die andere unvorhersehbare Umstellungen von einem auf ein anderes Präparat gemacht werden müssten. »Das ist problematisch, nicht alle Substitutionsmittel werden von allen Patienten toleriert. Manche Patienten vertragen nur ein bestimmtes Präparat.«

Der Wechsel kann im schlimmsten Fall zu Entzugssymptomen führen. Andere vertragen manche Substitutionsmittel wegen Nebenwirkungen nicht. »Wir haben jetzt schon erlebt, dass Patienten mit der Medikamentenumstellung nicht klar kamen und in eine solche Krise hineingerutscht sind, dass sie sich wieder auf dem Schwarzmarkt Heroin besorgen mussten«, erklärt Beck. Auch er kritisiert das Vorgehen von Mundipharma: »Die Firma kann aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht liefern. Es wurde nie kommuniziert, warum jetzt die Lieferung eingestellt ist.« Und es sei völlig unklar, wann und ob die Produktion wieder normal anlaufen wird. Zwar teilte Mundipharma mit, es habe höchste Priorität, die Herausforderungen bei der Produktion zu bewältigen und eine stabilere Versorgung zu gewährleisten. Doch eine gewisse Skepsis bleibt. Inzwischen hat Mundipharma den Lieferstopp bereits zweimal verlängert.

Die Firma mit Sitz in Frankfurt am Main gehört dem Unternehmen Purdue aus dem US-Bundesstaat Connecticut. Diesem wird eine Mitschuld an der Opioid-Krise in den USA gegeben, da es das Schmerzmittel Oxycontin unter Verschleierung der Suchtgefahren mit rücksichtslosen Methoden vermarktet haben soll. In einem Vergleich mit den Klägern einigte man sich 2019 auf einen Vergleich von mehr als 10 Milliarden Dollar. Der Konzern ging in Insolvenz und kündigte an, um die Summe bezahlen zu können, internationale Tochterunternehmen wie Mundipharma zu verkaufen. Der aktuelle Stand ist unklar.

»Die Patienten leiden darunter sehr. Sie kommen dadurch in eine existenzielle Bedrohungslage«, fasst Beck die Situation in der Schweiz zusammen. Wer auf diese Behandlung angewiesen ist, habe keine Lobby. »Wer setzt sich denn für unsere Patienten ein?«, fragt Beck. Der Staat stehe in der Pflicht, die Marktversorgung zu gewährleisten.

In Deutschland ist das Interesse an dem Problem ebenfalls gering. »Die Versorgung Suchtkranker interessiert niemanden in der Gesellschaft, außer den direkt damit Befassten«, schlussfolgert Christine Kluge vom Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit.

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