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In Alarmstimmung

Maßnahmen treffen Gastronomen und Beschäftigte besonders hart

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Gastro-Branche bleibt auch diesen Corona-Winter in Alarmstimmung.
Die Gastro-Branche bleibt auch diesen Corona-Winter in Alarmstimmung.

In Sachsen, aber nicht allein dort, fühlen sich Hoteliers und Gastronomen »ungerecht behandelt«, beklagt Axel Klein. Klein leitet den Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in Dresden. Erst an einem Freitag Ende November erfuhr die Branche im Freistaat, dass ab dem darauffolgenden Montag neue Regeln gelten: Hotels dürfen nur noch Geschäftsreisende aufnehmen, Gaststätten müssen um 20 Uhr schließen. Viele Betriebe schließen daher teilweise oder ganz.

Nebel liegt seither über den möglichen Wirtschaftshilfen, mit denen der Staat der Branche helfen will. So sei ungewiss, wie hoch das Kurzarbeitergeld für die Beschäftigten ausfalle; ungewiss auch, ob die Arbeitgeber trotz der Einschränkungen die vollen Sozialbeiträge abführen müssen. Und was ist, fragt Klein ratlos, wenn ein Restaurant im Januar schließen muss - besteht dann trotzdem die Chance auf Überbrückungshilfe?

Kurzum, die Situation in der Gastronomie erinnert an jene vor einem Jahr. Mit ihrer »Von der Hand in den Mund«-Politik überrollen Landesregierungen und Bund die Gastro-Szene. Viele sogenannte Detailregeln, die für Inhaber und Beschäftigte allerdings existenziell sind, bleiben wohl noch auf Wochen, wenn nicht Monate hin offen. Grund genug für den Geschäftsführer des »Hotels am Bühl« im Erzgebirge, unterstützt vom Dehoga, vor Gericht zu klagen.

Die Branche sieht sich nicht als Pandemietreiber. Und verweist auf das Robert-Koch-Institut. Doch die Zahlen des RKI ergeben nur in wenigen Szenarien - wie große private Feiern - schlüssige Antworten, wo sich Menschen mit Covid-19 typischerweise anstecken. Das Infektionsgeschehen gilt unter Epidemiologen weitgehend als »diffus«.

In der vierten Coronawelle setzt die Politik verstärkt auf die 2G-plus-Strategie. Das »Plus« steht dafür, dass sich auch Geimpfte testen lassen müssen. Wer in Niedersachsen in eine Gaststätte, ein Fitnessstudio oder zum Friseur geht, benötigt einen aktuellen Testnachweis. Die Regel soll auch für Menschen mit Auffrischimpfung gelten.

Der Vorstoß des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) kam im Land schlecht an. Die FDP forderte postwendend einen »Gastro-Gipfel«. Für dreimal geimpfte Personen wurde die Testregelung dann wieder fallen gelassen. Offenbar auch, weil »die stark belasteten Testkapazitäten« nicht ausreichen. Da im Sommer die allermeisten Teststationen schlossen, bilden sich vor den wenigen verbliebenen lange Warteschlangen.

Allerdings denken manche Landesregierungen generell noch einmal über 2G-plus nach. Schließlich fühlen sich viele Geimpfte, die sich an alle Regelungen halten, genarrt. »Wenn doppelt und dreimal Geimpfte gemeinsam mit Impfmuffeln bei Kälte in der Schlange stehen, ist das nicht Ausdruck einer effektiven Pandemiebewältigung«, rückte der stellvertretende niedersächsische Ministerpräsident Bernd Althusmann bereits von 2G-plus ab. Für die Gastronomiebetriebe kommt das »Plus« einem Todesstoß nahe. Kaum ein Gast dürfte bereit sein, stundenlang irgendwo auf eine Testung zu warten, um hinterher gemütlich essen zu gehen.

In Hamburg gilt die 2G-Regel ohne »plus«. Einige Gastronomen folgen dem Beispiel des FC St. Pauli und setzen auf freiwillige private Tests. Beim Fußballzweitligisten hatten Vorstand und Fanorganisationen dazu aufgerufen, sich vor dem Stadionbesuch gegen Schalke 04 am Sonnabend selber zu testen. Das sei nicht perfekt, reduziere aber die Risiken.

Während in Gastronomie, Kantinen und Mensen die Kunden wegbleiben, profitieren Lieferdienste. Ein Markt, in dem der holländische Konzern Takeaway (Lieferando, Foodora, Pizza.de) fast ein Monopol hat.

Die Bundesregierung hat derweil erste Eckpunkte für eine »Überbrückungshilfe 4« veröffentlicht. Sie wird für die Monate Januar bis März gelten. Im Kern werden die alten Regelungen fortgeschrieben. Betriebe sind antragsberechtigt, wenn sie einen coronabedingten Umsatzrückgang von mindestens 30 Prozent gegenüber dem Referenzmonat aus dem Jahr 2019 haben. Fixkosten werden dann weitgehend erstattet.

Dabei stoßen alle Rettungsversuche auf eine im Vergleich zu 2020 geschwächte Branche. Gegenüber dem ohnehin schon schlechten Ergebnis von Januar bis September verlor die Gastronomie in diesem Jahr noch einmal real 17,1 Prozent ihres Umsatzes. Und viele Beschäftigte: Mehr als 200 000 verließen die Branche. Dass dies ein nachhaltiges Problem darstellt, zeigte der vergangene Sommer, als viele Gasthäuser nur tageweise öffneten, weil ihnen Personal fehlte.

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