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VW-Vorstand rudert zurück

Der Aufsichtsrat beschäftigt sich mit der Frage, ob der Chef noch tragbar ist

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein VW-Mitarbeiter hängt in der Produktion einen Plan in eine Rohkarosse. Gedankenspiele zum Stellenabbau sind offenbar vom Tisch.
Ein VW-Mitarbeiter hängt in der Produktion einen Plan in eine Rohkarosse. Gedankenspiele zum Stellenabbau sind offenbar vom Tisch.

Die Fahrt auf der Karriereautobahn könnte für VW-Konzernchef Herbert Diess frühzeitig zu Ende gehen, sofern sein Zoff mit dem Betriebsrat nicht endet. Voraussichtlich ist die Sache an diesem Donnerstag Thema im Aufsichtsrat.

Ein knappes halbes Jahr ist vergangen, seit das Kontrollgremium des weltweit mit 662 000 Beschäftigten agierenden Autokonzerns den Vertrag des 63-Jährigen bis 2025 verlängert hatte. Muss der 2014 von BMW zu Volkswagen gewechselte Diess nun dennoch seinen Hut nehmen, falls die Fronten zwischen ihm und der Arbeitnehmerseite verhärtet bleiben? Zu verschulden hat der Konzernchef seine derzeitige Situation selbst. Im Herbst hatte er, so besagen Berichte aus dem Aufsichtsrat, in jenem Gremium von einem möglichen Stellenabbau gesprochen und in den Raum gestellt, dass solch ein Schritt rund 30 000 der 120 000 in Deutschland beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen könnte. Grund dafür: die von Diess immer wieder propagierte Ausrichtung auf Elektromobilität und entsprechende Umbaustrategien bei VW.

Erschrocken über die angstmachenden Worte zu einer denkbaren Arbeitsplatzreduzierung reagierten Betriebsrat, das Aufsichtsratspräsidium und auch Großaktionäre, darunter das Land Niedersachsen, das ein Fünftel der VW-Stammaktien hält. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der im Aufsichtsrat des Unternehmens sitzt, hatte seinerzeit betont: Ein Kurs in Richtung Arbeitsplatzabbau wäre mit dem Land nicht zu machen. Des Weiteren hatte der Sozialdemokrat gefordert, die Verunsicherung der Belegschaft müsse ein Ende haben. Dieses Thema, so Weil sinngemäß, solle auch auf der Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember erörtert werden.

Deutliche Kritik gab es auch von der Vorsitzenden des Gesamt- und Konzernbetriebsrates, Daniela Cavallo. Sie bezeichnete Überlegungen zu einem derart hohen Stellenabbau als absurd. »Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord«, hob die Arbeitnehmervertreterin mit Blick auf die aktuelle Beschäftigtenzahl hervor. Und ein Unternehmenssprecher betonte: »Ein Abbau von 30 000 Stellen ist kein Thema. Dazu gibt es keine Pläne.«

Diess selbst schien eingesehen zu haben, dass er sich mit dem erwähtnen Stellenabbaus wohl verstiegen hatte. Ruderte er doch später im Kreis von Beschäftigten zurück: »Es gibt keinen Plan, 30 000 Mitarbeiter abzubauen«, sagte er dort, wie von Medien berichtet wurde.

Gedanken an eine Kürzung von Arbeitsplätzen dürften bei VW mit dem von Diess seit 2018 propagierten Weg zur Elektromobilität verbunden sein. »Sie ist der einzige Weg, die CO2-Emissionen der individuellen Mobilität schnell und effizient zu reduzieren«, hatte Diess gegenüber der Zeitschrift »Auto Motor und Sport« erklärt.

Die Elektromobilität könnte ebenfalls Gegenstand der Aufsichtsratssitzung sein, insbesondere die Konzernstrategie namens »New Auto«. Dazu hatte Herbert Diess ausgeführt: »Wir haben uns das strategische Ziel gesetzt, Weltmarktführer für Elektrofahrzeuge zu werden - und wir sind auf einem guten Weg. Jetzt setzen wir neue Parameter.« Auf der Basis von Software sei der nächste, weitaus radikalere Wandel der Übergang zu deutlich sichereren, intelligenteren und schließlich autonomen Fahrzeugen. Das bedeute für die Volkswagen AG: »Technologie, Geschwindigkeit und Skalierung werden eine zentralere Rolle spielen als heute«, so der Vorstandschef.

Zur künftigen Strategie des Konzerns gehören neue Prioritäten, um die Chancen im elektrischen und digitalen Mobilitätszeitalter zu nutzen, heißt es vom Unternehmen. Es erwarte, dass bis 2030 der Anteil der Verkäufe von E-Fahrzeugen auf rund 50 Prozent steigt. Rund 73 Milliarden Euro habe Volkswagen von 2021 bis 2025 bereits für Zukunftstechnologien vorgesehen, was 50 Prozent der Gesamtinvestitionen entspreche. Zur neuen Strategie gehöre es auch, den Anteil der Investitionen in Elektrifizierung und Digitalisierung weiter zu erhöhen. Im »Strategiekatalog« stehen des Weiteren eine eigene Batterietechnologie, Ladeinfrastruktur und Energiedienstleistungen. Das seien zentrale Erfolgsfaktoren in der neuen Mobilitätswelt, so der Konzern.

Keinen Erfolg hatte der Vorstand derweil im Bemühen um die derzeit weltweit knappen Chips für den Autobau. Das veranlasste Betriebsratschefin Cavallo, kritisch auf diesen Missstand hinzuweisen, demzufolge es nicht möglich sei, die Auslastung des Stammwerks im niedersächsischen Wolfsburg sicherzustellen. Dort war die Produktion wegen Mangels an diesen Bauteilen spürbar reduziert worden.

Herbert Diess hatte erwidert: Auch im kommenden Jahr werde der Halbleitermangel nicht behoben sein. Ein ehrliches Wort - aber das allein dürfte nicht ausreichen, um die Wogen zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und dem Betriebsrat zu glätten. Und so blickt denn die Wirtschaftswelt, in der Diess auch sonst als nicht gerade diplomatisch agierender Konzernboss bekannt ist, gespannt auf die kommende Aufsichtsratssitzung. Wenn sie denn nicht, wie schon einmal geschehen, abgesagt und verschoben wird.

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