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Gustave Flaubert: Der Heilige des Romans

Es lebe die kunstvolle Radikalität! Vor 200 Jahren wurde der französische Schriftsteller geboren

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 7 Min.
Isabelle Huppert als Emma Bovary in der Verfilmung von Flauberts »Madame Bovary« von 1991
Isabelle Huppert als Emma Bovary in der Verfilmung von Flauberts »Madame Bovary« von 1991

Der Brief, den Gustave Flaubert am Abend des 20. September 1851 an seine »liebe Freundin« Louise Colet schrieb, enthielt drei Nachrichten: Er hatte, seit er von seiner langen Reise in den Orient zurück war, Halsschmerzen, und er würde in ein paar Tagen nach London fahren. Auf das Wichtigste kam er erst nach ein paar Sätzen zu sprechen: Er hatte gestern seinen Roman angefangen. Und wusste gleich, dass er vor stilistischen Schwierigkeiten stehen würde, »die mich wahnsinnig machen. Einfach zu sein ist keine Kleinigkeit.«

Er war, geboren am 12. Dezember 1821, dreißig Jahre alt. Schon als Schüler hatte er zwei kleinere Geschichten in einer lokalen Zeitschrift veröffentlicht und später Erzählungen, Stücke und drei Romane geschrieben, die aber alle in der Schublade blieben und erst nach seinem Tod entdeckt und gedruckt wurden. Einen Schriftsteller Flaubert kannte man 1851 nicht. Noch war der gut situierte Bürgersohn mit dem Ekel vor der Bourgeoisie auf der Suche nach sich selbst. Er hoffte, sich auf dem afrikanischen Kontinent endlich zu finden und schiffte sich Ende Oktober 1849 ein, um die alten ägyptischen und arabischen Reiche kennenzulernen.

Es war nicht so sehr die Neugier auf Tempel und Pyramiden, die ihn trieb, er wollte ins fremde Leben eintauchen, den Augenblick genießen, alles sehen, Menschen, Gerüche, Farben, Stimmungen für immer mitnehmen und aufbewahren. Er lebe wie eine Pflanze, schrieb er der Mutter, »ich sauge mich voll mit Sonne, Licht, Farbe und frischer Luft«. Die Reise war die Befreiung, eine Neugeburt. »Es reift etwas Neues in mir heran«, schrieb er unterwegs im November 1850. »Vielleicht eine neue Art zu schreiben? In nicht allzu ferner Zeit jedenfalls werde ich niederkommen. Ich möchte unbedingt herausfinden, was in mir steckt.« Im Sommer 1851 war er zurück in Croisset, dem Haus bei Rouen, das er vom Vater hatte, und nun, im September, schrieb er die ersten Sätze eines Romans, der schon seit den Tagen am Nil seinen Titel hatte: »Madame Bovary«.

Es wurde sein berühmtestes Buch und auch das erste, das er veröffentlichte. Er brauchte viereinhalb Jahre. Im März 1856 war er fertig. Die Qualen, die er beim Schreiben litt, stehen in seinen Briefen. Zwölf, manchmal sechzehn Stunden am Tag hockte er über seinem Manuskript, wendete die Wörter und Sätze, brüllte sie laut heraus, um ihre Haltbarkeit, ihren Klang zu prüfen, er aß und trank, las sich durch mächtige Bücherstapel, ging nur selten spazieren, traf sich manchmal mit der Geliebten Louise Colet, fuhr auch mal nach Paris, aber die Hauptsache war sein Roman. Er ächzte. »Wie sehr ich meine Bovary satt habe!«, erklärte er schon nach einem Jahr. »Dabei fange ich an, mich ein wenig darin zurechtzufinden. Ich habe nie in meinem Leben etwas Schwierigeres geschrieben als das, was ich jetzt schreibe, einen trivialen Dialog.« Und zwölf Monate später, im September 1853: »Zwei Jahre sitze ich nun schon dran. Das ist lang! Zwei Jahre! Immer mit den denselben Figuren und in einem widerlichen Milieu herumwatend.« Sonntags kam ein Freund, dann saßen sie lange beisammen, redeten über das Buch und die Schwierigkeiten, die es bereitete. Flauberts Leben war identisch geworden mit seinem Roman.

Die Geschichte, die er erzählte, hatte er einem Gerichtsbericht entnommen: Eine Frau, verheiratet mit einem biederen Landarzt, flieht aus der kleinbürgerlichen Enge ihres Alltags, stürzt sich in amouröse Abenteuer, begeht Ehebruch, macht Schulden und bringt sich schließlich um. Flaubert zeigt eine Emma, die nicht nur schön und elegant ist, sondern auch ein Kind ihrer Zeit, den Kopf voll romantischer Träume und der Sehnsucht nach der großen Liebe, bezogen aus den vielen Romanen, die sie gelesen hat. Ihre Wünsche und Hoffnungen zerschellen an einer rohen, stupiden, erbärmlichen Gesellschaft, die Flaubert zutiefst verachtet hat.

Das Neue an diesem Roman war nicht so sehr, dass sich sein Autor einen versöhnlichen Ausgang der Geschichte nicht erlaubte. Sondern dass er eine Prosa schuf, die um äußerste Objektivität bemüht war. Sie enthält keine einzige Gestalt, sagt Baudelaire, »welche die Moral vertritt«. Eine Prosa, die in der Schilderung, im Dialog den einzig passenden Ausdruck suchte, eine kühle Genauigkeit und schonungslose Direktheit, die dem einsamen Arbeiter mit dem geradezu religiösen Verhältnis zur Kunst so viel abverlangte, dass er von einer Verzweiflung in die andere trieb. »Sie wissen nicht, was es heißt«, schrieb er an die verehrte Freundin und »liebe Meisterin« George Sand, die einen Roman nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte, »den ganzen Tag dazusitzen … und seinen unglücklichen Kopf zu zermartern, um ein Wort zu finden.«

Und später, als er über den »Lehrjahren der Männlichkeit« brütete: »Ich arbeite erbittert. Ich habe gerade eine Beschreibung des Waldes von Fontainebleau verfertigt, die mir Lust gemacht hat, mich an einem seiner Bäume aufzuhängen.« Jedes Buch, das Flaubert danach vorlegte, war anders. Die Freunde, Maupassant, Gautier, Zola, auch Kritiker feierten ihn, aber es hagelte auch jedes Mal Verrisse. Das Publikum, gewöhnt an die damaligen Modedichter, hat sich, irritiert, nur sehr langsam, ja widerwillig, an die Radikalität, die Ironie, die kunstvoll gebauten Sätze und die verschwenderische Bildsprache seiner Prosa gewöhnt.

Verkaufserfolge wurden es nie. Man hielt ihn für unsittlich (wie die Richter, die Flaubert wegen seiner »Madame Bovary« anklagten) oder wenigstens unanständig. Nichts schien ihm heilig, und was seinen Figuren widerfuhr, löste wenig Begeisterung aus. Nirgendwo ein Held, wie ihn Stendhal noch kannte. Stattdessen pure Mittelmäßigkeit, Versager wie dieser Frédéric Moreau, den Flaubert aus der Provinz nach Paris schickt, damit er sich seiner Bildung widmet. Die guten Vorsätze sind jedoch bald dahin, er macht eine Erbschaft, stürzt sich ins Pariser Leben, verzehrt sich aussichtslos nach Madame Arnoux, die Unerreichbare, begnügt sich mit einem Freudenmädchen und einer Dame von üblem Ruf, gerät in die chaotischen Tage der Revolution von 1848, schickt schließlich beide Eroberungen fort und steht am Ende als Gescheiterter da, enttäuscht, müde, einsam und ohne jede Hoffnung. Zerronnen alle Liebesträume, geplatzt auch die politischen Pläne, die er hegte.

Einen Roman wie diese »Lehrjahre der Männlichkeit« (deutsch auch »Die Schule der Empfindsamkeit« oder »Lehrjahre des Gefühls«), das im eisigen Glanz strahlende erotische und politische Porträt einer Generation, gab es noch nicht. Fast alle im üppigen Personal sind Getriebene oder Desillusionierte, gezeichnet ohne Mitleid, distanziert und erbarmungslos. Im Zentrum der Mittelmäßige, der sich verheddert und ermattet und dem alles zerrinnt. »Er reiste«, heißt es zum Schluss über Frédéric Moreau. »Er durchlebte die Melancholie der Dampfschiffe, das fröstelnde Erwachen unterm Zelt, den Rausch vor Landschaften und Ruinen, die Bitternis zerrissener Sympathie. Er kam zurück … Jahre verstrichen; und er ertrug den Müßiggang seines Verstands und die Trägheit seines Herzens.«

Auch in diesem Buch, 1869 erschienen, fehlte alles, was Leser, die Leserinnen vor allem, liebten: edle Helden, Bösewichter, durchtriebene Schurken, Gestalten, wie sie ein Balzac in Überfülle geboten hatte. Nach vier Jahren waren die dreitausend Exemplare der Erstauflage noch immer nicht verkauft, und als Flaubert am 8. Mai 1880 einem Schlaganfall erlegen war, wussten nur wenige in Frankreich von dem ungeheuren Verlust. Im Grunde dauerte es bis 1921, dass man den Rang des Erzählers erkannte. Jetzt erst, zum 100. Geburtstag, wurde in Paris eine Büste enthüllt, und einer der führenden Kritiker schrieb: »Die Steine, mit denen man ihn bewarf, haben ihm ein Postament errichtet. Flaubert triumphiert und hat nichts mehr zu befürchten.« Von den drei Großen der französischen Literatur, meinte Heinrich Mann, war Balzac die Heldengestalt und Stendhal der immer Zeitgemäße. »Aber der Heilige des Romans ist Flaubert.« Das war 1930, 50 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers. Eine Feststellung, die sich trotz erster Übersetzungen auch im Nachbarland Deutschland erst noch herumsprechen musste.

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