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Dualismus war ihr Ding

Zum Tod von Lina Wertmüller

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 2 Min.
Lina Wertmüller, 1987 in Berlin
Lina Wertmüller, 1987 in Berlin

In den Filmen von Lina Wertmüller sind nicht die Figuren ambivalent, sondern die Plots und Pointen. Wie im Italien der 70er Jahre, als zum einen ein Militärputsch und zum anderen der Wahlsieg der (sozialdemokratisierten) Kommunistischen Partei in der Luft lagen und raus kam ein Kuddelmuddelalltag aus Mafia und Korruption, wobei fast immer nur die Linksradikalen eingesperrt wurden. In ihrem Erfolgsfilm »Camorra« (1986) hat Wertmüller für diese Frustrationen ein poetisches Schlussbild gefunden: Das krasse Ablenkungsmittel Heroin wird durch ein Missgeschick vom Wind verweht.

Wertmüller war eine linke Feministin, die einer Schweizer Adelsfamilie entstammte. Sie fing im avantgardistischen Puppentheater an und wurde in den 60er Jahren Regieassistentin von Federico Fellini. In ihren Filmen waren die Gegensätze unveränderlich: arm gegen reich, links gegen rechts, Dorf gegen Stadt und Idealismus gegen Realismus. Fellinis groteskes Gesellschaftspanorama wird bei Wertmüller dualistisch vereinfacht, aber damit noch absurder und auch berührender gestaltet.

Insbesondere die Männer sind hier mit einer ungebremsten Doofheit geschlagen, wenn sie sexistisch meist ihrem Untergang entgegen wüten - wie später sonst nur in den Filmen von Tarantino. Vorneweg stets Giancarlo Giannini, der naive Held in allen drei großen Wertmüllerfilmen der 70er: »Mimi, in seiner Ehre gekränkt«, »Liebe und Anarchie« und »Sieben Schönheiten«.

In »Liebe und Anarchie« fragt er seine Mutter, was denn ein Anarchist sei. Antwort: »Einer, der Könige tötet, Bomben wirft und dann dafür aufgehängt wird.« Er geht dann los, um Mussolini zu töten. Doch seine Geliebte lässt ihn am Tag des Attentats ausschlafen. Im Bordell, in dem sie arbeitet. Als er aufwacht, denkt er, die Polizei sei hinter ihm her, dreht durch und wird verhaftet und umgebracht. Klingt wie eine brutale Telenovela von linksaußen? Ja, aber gedrängter und grandios.

Mit diesen drei Filmen wurde Wertmüller in den USA bekannt und danach in Europa. Sie war die erste Regisseurin, die für den Oscar nominiert wurde: 1977 für »Sieben Schönheiten« (danach erst wieder Jane Campion, 1993 für »Das Piano«). Einen Oscar hat Wertmüller erst 2019 bekommen, für ihr Lebenswerk. Am Donnerstag ist sie in Rom gestorben, im Alter von 93 Jahren.

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