Werbung

Nein, man stirbt nicht im dritten Akt

Der Schauspieler Peter Bause wird 80

  • Von Günter Agde
  • Lesedauer: 4 Min.

Zu seinem bevorstehenden 80. Geburtstag macht sich der Schauspieler Peter Bause selbst ein Geschenk: die erweiterte Neuausgabe seiner Erinnerungen »Man stirbt doch nicht im dritten Akt!«. Das äußere Erkennungszeichen des Mimen (mit immerhin 60 Beschäftigungsjahren!) war sein unbändiger roter Haarschopf, aus dem dann im Alter ein ebenso unbändiger Weißkopf wurde.

Es gibt wohl keine Bühne in Deutschland, die er nicht bespielt hat. Er erzählt sein Leben der letzten 30 Jahre nach der Wende am Beispiel seiner vielen Rollen. Mit Lust und eigenem Spaß hüpft er von Rolle zu Rolle, von Jahr zu Jahr, von Theater zu Theater. »Es war alles sehr rastlos, es war alles sehr schnell!«, sagt er selber über sein Schauspielerleben, das so eng mit seinen Rollen verquickt war. Diese Sprünge verwirren den Leser bisweilen, jedoch machen sie einen Großteil an Unterhaltsamkeit seiner bunten Erinnerungen aus und zeigen ihn auch als guten Entertainer. Pure Chronologie wäre auch bei solch atemlosem Leben öde und langweilig geworden (wie man es oft in Künstlerbiografien liest). Und er erwähnt viele Kollegen aus den Theatern und aus seiner Filmarbeit mit Rührung und Dankbarkeit.

Dabei muss er auch ein guter Lerner gewesen sein, dass er so viele Texte so schnell lernen und später immer wieder abrufen konnte. Große Rollen auch der Klassik: von Galilei bis Lear, von Mackie Messer bis Götz von Berlichingen, von Wallenstein bis Bel Ami. So wuchs er zu einem Charakterdarsteller von Format und wurde zugleich ein Komiker gleicher Güte.

Seine Paraderolle aber war der Einmann-Monolog in »Kontrabass« von Patrick Süskind: Ein alternder Kontrabassist räsoniert über sein Leben, über die Liebe und über unerfüllbare Wünsche - ein Text voller Witz und hintergründiger Sprachspiele. Der furiosen Interpretation Bauses noch am Berliner Ensemble folgten viele Darstellerkollegen im Land.

Natürlich kann der temperamentvolle Bause nicht alle seine Rollen und deren ästhetische Dimensionen analysieren. Auch liefert er kein Rollenverzeichnis als Register - das hätte den Umfang seines Buches erheblich vergrößert. Ohnehin ist solch Verzeichnis nicht wirklich aussagekräftig. Denn man muss sich ja die Stückinhalte stets dazudenken, was nicht jedermanns Sache ist und was Bause auch nicht leisten kann.

Er debütierte in Neustrelitz als jugendlicher Azdak in Brechts »Kaukasischer Kreidekreis«. Es folgten Engagements in Rostock, dann am Deutschen Theater Berlin und lange am Berliner Ensemble, bis zu dessen Ende und seinem unfreiwilligen Abschied nach der Wende. Trauer, Wehmut und Wut auf die Kunstfeindlichkeit der neuen Besitzer löst er in seinem Buch mit Wurschtigkeit auf. Nur so konnte er wohl diesen - sagen wir - Eingriff verarbeiten, der viele seiner Kollegen ebenso hart betraf. Seither arbeitete er als freischaffender Schauspieler, buchstäblich auf allen deutschen Bühnen. Und von Anfang seiner Laufbahn an spielte er bei der Defa und beim DDR-Fernsehen, später im bundesdeutschen Betrieb sehr viele Rollen, Kriminalisten vor allem. Fleißig und ein bisschen exhibitionistisch war er immer.

Sein Studium an der Theaterhochschule Leipzig behandelt er leider nur sehr kurz. Dabei hat die Theaterhochschule allen ihren Studenten - auch Bause - solide, lebenslang tragfähige Grundlagen für ihren Beruf mitgegeben, trotz der dort rabiat gehandhabten Stanislawski-Doktrin. Als damaliger Kommilitone von Bause weiß ich sehr wohl, woran ich erinnere. (Die Schauspielstudenten blickten auf uns Theaterwissenschaftsstudenten eher scheel. Auch in Bauses Buch schimmert sie wieder durch, die uralte Abneigung vieler Komödianten gegenüber Theaterwissenschaftlern und Dramaturgen.)

Bauses Darstellungsbedürfnis mischt in seinem Rückblick nostalgische Begeisterung mit viel Humor und klugem Understatement. Von seiner Tournee-Agentur kontinuierlich unterstützt und von seinem Verlag bestens betreut, liest man mit Vergnügen ein lebendiges, sehr persönliches Stück deutscher Theater- und Filmgeschichte (zu dem man sich gern mehr Fotos wünschte).

Also Glückwunsch zum 80.! Und zum Buch nach Biesdorf.

Peter Bause: Man stirbt doch nicht im dritten Akt! Erinnerungen. Das neue Berlin, 336 S., m. Bildteil u. Lesebändchen, geb., 22 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal